Überarbeiten, leicht gemacht!





Manchmal sitzen wir da und starren scheinbar fertige Zeilen an.

Bloß, sind sie das wirklich?

Sicher haben wir weder mit Zeit noch mit Liebe gespart und wünschen uns, dass wir mit ihnen nun abschließen könnten, aber irgendwas stimmt nicht. Irgendwas, irgendwie, irgendwarum ist uns nicht gut genug.

Klingt das nicht furchtbar?



Ist aber ganz normal. Fast könnte man sagen, dass nicht so sehr das Schreiben die Kunst ist, durch die gute Texte entstehen, sondern das Überarbeiten. Gute Texte ohne Überarbeitung sind ausgesprochen selten - je nach Genre und Projektausmaßen kann es gut sein, dass die Überarbeitung(en) uns deutlich mehr Arbeit machen als das Schreiben des Rohtextes. Dieser hat seinen Namen nicht von ungefähr. Beim erstmaligen Schreiben können wir in so viele Richtungen denken, gilt es so viele Bälle gleichzeitig zu jonglieren - und dann soll man sich auch noch wie nebenbei aus den Fingern saugen, wohin diese Reise schlussendlich gehen soll? Genau das ist der riesengroße Ball, der hinzukommt und nicht selten das Fass überlaufen lässt, wenn wir zu viel von unserer ersten Fassung erwarten. Es ist ein bisschen wie ein Fliesenleger, der sich in unserem Badezimmer breit macht - und dort erst einmal in aller Seelenruhe die Fliesen herstellt.


Strategischer ist es da meistens, die einzelnen Arbeitsschritte zu trennen, um uns geistig zu entlasten und so die einzelne Aufgabe lösbar zu machen. Soll heißen, erst einmal werden die Fliesen hergestellt und dann später, in einem isolierten Arbeitsschritt, ausgelegt. Beziehungsweise, erst einmal wird der Text geschrieben und dann, später, perfektioniert. Diese Philosophie der getrennten Arbeitsschritte muss nicht immer und überall passend sein, aber sie ist es meistens.


Genug um den heißen Brei geredet, mögen wir uns nun denken. Klar, das Überarbeiten ist eine nützliche Sache, aber damit ist doch alles Relevante gesagt, oder nicht? Ich weiß schon, was ich mache! Ich habe es im Gefühl!

Immer langsam.


Es ist - immer, immer, immer - großartig, wenn schreibende Menschen wissen, was sie machen. Und da habe ich nichts dran zu pfuschen. Bloß, dass sehr viele sich gar nicht richtig klar machen, was eine angemessene Überarbeitung unter den gegebenen Umständen bedeutet. Genau, wie sich auch erfolgreiches Schreiben nicht immer gleich gestaltet, wenn wir mal eine Gebrauchsanweisung und einen Kriminalroman miteinander vergleichen, ist es auch mit dem erfolgreichen Überarbeiten: Sie kann sich je nach vorliegendem Text und den Problemen, die wir an ihm beheben möchten, sehr verschieden gestalten. Deswegen ist es so ungeheuer nützlich, planmäßig und maßgeschneidert zu überarbeiten. Ich wünschte, ich könnte hier ein simples Rezept runterrasseln, das sich magisch in jedem einzelnen Fall bewährt, aber das muss leider Science-Fiction bleiben. Stattdessen möchte ich drei Regeln mit dir teilen - drei Säulen des effizienten Überarbeitens - die sich individualisiert anwenden lassen und die Sache drastisch erleichtern.


Säule Nummer 1: Nimm Maß!



Bildhauer können mit vielem arbeiten. Manchmal nehmen sie Ton, dann wieder Stein. Eins ist sicher: In beiden Fällen gehen sie mit Instrumenten vor, die einen äußerst unterschiedlichen Feinheitsgrad besitzen.


Beim Überarbeiten ist es ähnlich. Schnell einmal schießen wir mit Kanonen auf Spatzen und schreiben alles durchgängig neu, obwohl es schon gereicht hätte, an den richtigen Stellen ein paar Sätze einzuschieben oder umzuschreiben. Und dann wiederum kann es vorkommen, dass wir geradezu verbissen an den Details eines Textes feilen, sie wieder und wieder abändern, scheinbar in einem endlosen Kreis hin und her rennen - und dabei nicht realisieren, dass das, was uns stört, auf einer viel grundlegenderen Ebene angesiedelt ist, die wir mit diesen sanften Mitteln nicht erreichen können.

Einfach ausgedrückt:



  • Ein Textabschnitt kann gut in der Idee sein, bloß die Umsetzung holpert.

  • Und ein Textabschnitt kann gut darin sein, wie er seine Idee umsetzt, aber die Idee ist unpassend gewählt oder funktioniert schon aus sich heraus nicht.



Maßnehmen heißt, zu ermitteln, wie groß und grundlegend das Problem ist, unter dem der Text leidet, und den passenden geistigen Abstand einzunehmen, um ihn zu "heilen." Falls die grundlegende Idee selbst das Problem verursacht - die Protagonistin ist durch die Entscheidungen, die sie trifft, nicht sympathisch, oder das Ende ist so vorhersehbar, dass keine Spannung entsteht - kann es uns massig Zeit und Mühe ersparen, die betroffenen Passagen einfach neu zu schreiben. Hier macht sich ein großer geistiger Abstand zur alten Textvorlage bezahlt. Sind die Probleme hingegen sehr klein - Tippfehler, falsch gewählte Zeitformen, oder die Figuren unterhalten sich in einer zu antiquierten Sprache - ist eine große geistige Nähe zur alten Textvorlage viel effizienter. Denn warum die Taverne neu beschreiben, in der die Figuren sich treffen, wenn bloß mit ihrer Sprache etwas nicht stimmt? Hier ist es sicher klüger, den alten Text stehen zu lassen und ihn lediglich korrigierend zu überfliegen. Das ist die Technik, die wir alle intuitiv kennen und benutzen und das, was sehr viele angehende Autoren sicherlich auch grundsätzlich unter einer Überarbeitung verstehen.


Leider ist es in der Realität nicht immer so einfach. Nicht jedesmal sind unsere Probleme so niederschmetternd, dass wir den Text am besten neu schreiben, oder so flüchtig, dass wir ihn nur zu korrigieren brauchen. Meistens (soweit ich es erlebt habe) hat die Textvorlage viel Gutes und viel Problematisches gleichermaßen an sich. Sehr nützlich kann deswegen sein, was ich eine "mittelschwere Überarbeitung" nenne. Sagen wir, dass inmitten unserer Geschichte eine Passage von drei Seiten in ihrer inhaltlichen Struktur ein bisschen daneben gegangen sind, aber vieles an ihnen ist brauchbar. Fehlerlesend können wir das Problem nicht kitten, dazu ist es zu grundlegend; aber die drei Seiten neu zu schreiben, wäre mühsam und übertrieben und es würde viel Schönes verloren gehen. Statt diesen beiden wenig verlockenden Möglichkeiten trennen wir die kränkelnden drei Seiten erst einmal sichtbar vom restlichen Text ab, brechen sie in ihre inhaltlichen Abschnitte herunter, markieren die problematischen farblich - und legen los. Es gilt nun, schreibend das Gute vom Schlechten zu trennen.


Sobald du mit dieser dritten Technik ein bisschen Übung gewinnst, wirst du spüren, wie ungeheuer vielseitig sie ist. Scheue dich aber nie, den gesamten Text neu zu schreiben, wenn dein Gefühl dir sagt, dass du mittlerweile besser geworden bist oder deine Pläne sich grundlegend geändert haben. Und auch das Fehlerlesen ist selbstredend weit davon entfernt, unbrauchbar zu sein. Besonders dann ist dies eine gute Idee, wenn du deinen Text gerade frisch geschrieben oder mit einem der gröberen Instrumente überarbeitet hast.


Es gibt also drei unterschiedliche Instrumente, die einander ergänzen. Sie alle zu üben, ist eine gute Idee. Die nächsten beiden Säulen sind jedoch diejenigen, in denen wir niemals auslernen und die maßgeblich sind, wie schwer oder leicht wir es mit dem Benutzen der drei Instrumente haben. Sie betreffen nämlich nicht unsere Technik - sondern unsere Textvision und Geisteshaltung.

Säule Nummer 2: Finde deinen Standard und respektiere ihn!



Perfektion gibt es nicht.

Ein Text, der klare Stärken hat, hat immer auch klare Schwächen. Man nehme diesen hier. Sicher werden wir uns darin einig sein, dass er keinen besonders guten Wikipedia-Artikel zum Thema "Breitmaulnashorn" abgeben würde, oder? Es geht beim Schreiben nicht darum, Perfektion nachzujagen, sondern zu wissen, was man will. Und es zu erreichen, indem man auf das verzichtet, was man nicht will.

Natürlich geht diese Sache weit über das Überarbeiten von Texten hinaus. Sie ist aber ein essenzieller Teil davon. Nur, indem du weißt, was du willst - indem du weißt, was gut genug für deine Zwecke ist - wirst du mit deinem Text abschließen können. Überarbeite nicht an ihm herum, nur weil er nicht perfekt ist, sondern stell dir immer ganz gezielt die Fragen:


  • Nach was suche ich?

  • Bin ich nicht vielleicht schon längst da?


Beherzigen wir dies nicht, kann es sein, dass wir uns endlos im Kreis drehen (A => B => C => A) und das ganz, ohne dass dabei irgendwas besser wird. Stellen wir uns hierzu einmal vor, ich wäre mit dem eklatanten Mangel an Breitmaulnashorn-Infos in diesem Text unzufrieden und würde ihn entsprechend anpassen. Dann wäre ich einen halben Tag glücklich - bis ich entdecken würde, dass es eine Schande ist, dass man hier nichts über die hohe Kunst des Brunnenbauens lernt. Die endlose Überarbeitungsspirale derer, die nicht wissen, was für sie gut genug ist, hat begonnen.

Überlege dir daher stets den Standard, den du anstrebst, und lass rigoros unangetastet, was ihm genügt. Frage dich bei jedem Satz, den du ändern möchtest, ob du gute Gründe hast, die sich mit deinen selbst gesetzten Standards erklären lassen. "Es fühlt sich nicht super an" ist kein guter Grund! Lerne, dir selbst zu vertrauen, wo du keine klaren Gründe anführen kannst, warum der Text nicht ausreichend sein sollte - so kannst du die Überarbeitung erheblich leichter und schneller durchziehen, ganz sicher.

Säule Nummer 3: Dein Text ist kein Hotel für Ideen!



Diese Säule ist gewissermaßen das Spiegelbild von Säule Nummer 2.

Ein Problem, das viele gerade bei ihrer ersten großen Überarbeitung ereilt, ist, dass sie zwar innerlich wissen, dass die Textvorlage nicht ihrem Standard entspricht - dass sie es aber nicht schaffen, das in seiner vollen Tragweite auszuformulieren und sich konsequent von dem loszureißen, was schon geschrieben steht. Man hängt eben schnell an dem, was man so mühsam erarbeitet hat, selbst wenn man genau weiß, dass es nicht mehr ins Große Ganze des Projektes hinein passt. Diese Lähmung ist möglich, weil sich beide Erkenntnisse auf verschiedenen Ebenen ansiedeln: Jeder einzelne Satz für sich betrachtet kann wunderschön sein, aber z.B. das Bild einer Figur, die sie miteinander vereint zeichnen, völlig uneinheitlich und deswegen unbrauchbar. Mache dir deswegen klar, dass dein Text kein Hotel für schöne Sätze, Szenen und Ideen ist! All das, was du hier rausstreichst, kannst du schließlich auch einmal in einem anderen Text verbauen. Insbesondere aber ist es bereits die falsche Fragestellung, ob Satz oder Idee ABC in deinen Text passt, unterkommt, sich irgendwie auf Biegen und Brechen hinein quetschen lässt. Die richtige Fragestellung beim Überarbeiten lautet stattdessen: Was ist es, dass der Text gerade am dringendsten benötigt? Ist dies ABC, dann herzlichen Glückwunsch - dein Satz oder deine Idee hat soeben den Test deiner selbst gesetzten Standards bestanden und kann beibehalten werden. Aber wenn für ABC nichts anderes zu sprechen scheint als die Tatsache, dass es eben schon so da steht - dann solltest du dich ganz rigoros davon trennen. Es tut auch gar nicht weh, zumal du diese Idee ja wie gesagt andernorts abspeichern und eines Tages wieder irgendwo verwenden kannst. Tun wir dies nicht und behandeln wir unseren Text wie ein Hotel für Ideen, passiert es ganz schnell, dass wir viel zu viel von der alten Fehlerstruktur unkritisch übernehmen und nach der so mühseligen Überarbeitung keinen Schritt weiter sind, als vorher. Dies ist die andere verbreitete Ursache, wie man sich schier endlos in eine Überarbeitung verbeißen kann, ohne irgendwie voranzukommen - und sie ist nicht minder unangenehm, als ewig unentschlossen im Kreis zu überarbeiten.

Sicher brauchst du gute Gründe, um einen Satz zu ändern. Frage dich aber immer auch, ob du gute Gründe hast, ihn unverändert zu übernehmen. "Es steht so in meiner Rohfassung" ist kein guter Grund! Sei immer kritisch mit dir selbst, während du überarbeitest. Suche immer nach Fehlern, die deinen Standard verletzen, und behebe sie - so gehst du ganz sicher, dass der Text, der am Schluss steht, dir gefällt und die mühsame Schreibarbeit sich gelohnt hat.



Und das wünschen wir uns doch alle, oder?


Bis bald! euer Schreibotter



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