3:14




Ein Geräusch.

Ich setzte mich auf - nur halb wach - und wusste, dass es noch früh sein musste. Ein Blick auf die Digitaluhr erhärtete dies. 2:36 Uhr hieß es da.

Ich wusste, dass ich nicht lange wach bleiben würde, denn es war ja schon wieder leise. Wer weiß, vielleicht hatte ein Waschbär draußen die Regentonne erklettert oder ein großer Lastwagen war über die Straße gebraust, die schließlich nicht weit von meinem Landhaus lag. Es war auch alles egal. Ich war hundemüde und bald würde ich wieder schlafen wie ein Stein, das stand fest. Trotzdem: Ich erhob mich. Gähnend, schwankend wie eine einsame Birke im Sturm, aber immerhin: Ich stand. Nur kurz zur Toilette, danach vielleicht kurz das Fenster aufreißen, und dann würde es wieder ins Bett gehen.

Nichts Besonderes würde sich ereignen, ganz sicher.

Ich bekam die Klinke zu fassen – ich fand sie wie immer auch ohne Licht – und stand, nachdem sie sich leise ächzend öffnete, im Flur. Bad links, Küche rechts, ein kleines, beschauliches Haus, eigentlich mehr eine Hütte, aber es ließ sich hier leben. Ich setzte einen Fuß vor den anderen, da begann ich seltsam zu frieren. Der Flur – bildete ich es mir nur ein? – war von einem feinen Frühlingswind durchzogen. Ich ließ den müden Blick an kaum erkennbaren Fassaden wandern, über meine Stiefel hinweg, die lange Schatten warfen, und dann sah ich es.

Und war starr vor Schreck!

Ich konnte klar und deutlich erkennen, dass meine Haustüre mir nichts, dir nichts offen stand. Ungläubig rieb ich mir die Augen, schlagartig hellwach. Mehr als eine halbe Minute musste ich so nutzlos herumstehen, bemühte mich dabei nachzudenken und lauschte doch nur der raunenden Brise.

Hinter der Tür war es pechschwarz. Es war eine mondlose Nacht, und Laternen hatte ich nie installiert, um nicht die Insektenschwärme anzuziehen, die halb Arizona unsicher machten. Bisher war mir mein Haus viel zu abgelegen erschienen, um mit Einbrechern zu rechnen, aber nun kam mir glühend heiß in den Sinn, dass Einbrecher genau diese Ruhe sehr schätzen mussten. Bloß, was sollte ich tun? Lärm machen, drohen, mich selbstbewusst geben?

So viel wusste ich gleich - das brachte ich nicht über mich.

Ich stand also herum wie eine Salzsäule, aber wie angestrengt ich auch horchte, da war rein gar nichts außer dem leisen Rauschen der Blätter. Und das machte es erst umso gespenstischer. Aber irgendwie, irgendwann schaltete ich.

Einbrecher gab es hier nicht, außer in meiner Fantasie. Lächerlich. Nun mal doch nicht immer gleich den Teufel an die Wand, Jack! Morgen reparierst du deine Tür, schließlich hast du auch schon den Schuppen wieder hergerichtet, nachdem der ausgesehen hatte, als würde ihn der nächste Luftstoß umblasen. Es war ein beschauliches Landleben, und hier konnte man alles in Ruhe angehen. Ich hatte zuviele Filme gesehen. In Filmen ließ man eine Tür niemals eine Tür sein.

Erleichtert durchschritt ich den Flur. Erleichtert darüber, dass ich in meinem Haus allein war. Erleichtert auch, es gleich entdeckt zu haben, sonst hätten sich wahrscheinlich morgen zwei Skunks in meinen Stiefeln befunden.

Ich trat hinaus.

Sternenhimmel, unbezahlbar. Er war viel zu schön, um das Flurlicht anzumachen, außerdem schien es nicht nötig. Ich trat an die hölzerne Balustrade, hinter der sich mein duftender Garten erstreckte: Kirschen und Nelken züchtete ich hier, meine kleinen und großen Schönheiten, bei dieser Finsternis nur zu erahnen. Sie wuchsen sehr schnell und ich liebte es, mir auszumalen, wie prächtig sie schon diesen Sommer sein würden. Ein minder passionierter Gärtner hätte möglicherweise ihre Ruhe gestört und das Türschloss bei Lampenschein begutachtet, aber meine Schönheiten sollten natürlich heranwachsen und warum hätte ich dasselbe tun sollen wie die abgestumpften Großstädter, denen ich doch erst letztes Jahr entkommen war?

Meine Finger strichen gedankenverloren über das Treppengeländer aus echtem Hickoryholz. Fred hatte mir das kürzlich gezimmert, und ich wusste noch gar nicht, wie ich mich bedanken sollte. Es fühlte sich so glatt an, so stabil! Eine Eule rief in der Ferne. Es war so friedlich, und der Frühling war noch intensiver zu riechen als am Tage - ich erwischte mich beim Gedanken daran, einen Spaziergang zu machen.

Schließlich, nach kurzem hin und her, war es mir aber doch zu frisch. Es war vielleicht besser, die Tür irgendwie anzulehnen. Ich kehrte meinem Garten den Rücken zu und tastete gemächlich nach ihr.

Tatsache!

Das Schloss musste hinüber sein, denn schloss ich die Tür, klickte sie bloß leise und sprang gleich wieder auf. Na schön, da gab es Schlimmeres. Ich zerrte einen Stein heran, sodass sie geschlossen blieb, ließ gut sein und betrat wieder mein Schlafzimmer. Schon im Begriff, mich ins Bett sacken zu lassen, rang ich mich dazu durch, wenigstens diese Tür abzuschließen. Fast musste ich darüber lachen, so albern, dieses ewige Misstrauen - ich war schließlich auf dem Land.



Ich wurde wieder wach.

3:14.

Ein leiser Ärger ergriff mich.

Gerade eben erst war ich eingeschlum...

Lärm, sehr nah. Ein Scharren, wie als würde jemand einen Stein beiseite schieben - aber es war so schnell wieder verstummt, als hätten sechs Mann ihn an einem Seil gezogen. Ich wurde hellwach - das hier hatte nichts mehr mit meinem Zustand vor einer halben Stunde zu tun. Tausend Gedanken schossen mir zu und waren wieder verschwunden, bevor ich auch nur einen fassen konnte. Es war zu seltsam, was ich hörte, um auch nur einen Finger zu rühren. Schritte, die hörbar immer wieder anhielten, um dann gleich wieder einzusetzen. Hörbares Schnuppern. Ein lautes, unverkennbares Klackern wie von Krallen, die über den Boden scharrten. Ein Bär!

Ich war zu nervös, um länger liegen zu bleiben. Ich riss die Bettdecke beiseite – und bereute es sofort, wie ich noch nie etwas bereut hatte, denn nach einer kurzen Pause kam das Klackern rasch näher, bis es die Tür meines Schlafzimmers erreichte. Ich hörte, wie sie von außen abgesucht, wie die Klinke gedrückt wurde, ergebnislos. Ich zitterte und keuchte. Es wurde nicht besser dadurch, dass der Bär mich zu hören schien, denn jetzt rüttelte er noch energischer an der Klinke. Heilige Scheiße, wie gut konnte dieses Tier hören?

Und dann, vorwarnungslos, setzte es ein.

Ich hatte Bären schon tausendmal schnauben, grummeln und brüllen hören. Aber dieses Geräusch glich nichts davon. Es war so wenig eine Bärenstimme wie irgendeine andere, die ich kannte. Es war ein heiseres, unablässiges Schlürfen und Röcheln, ganz so wie ein Strohhalm, aber laut und inbrünstig, und es wurde immer schriller, fast schon wie eine Motorsäge, die mordlüstern in die Nacht hinaus schrie. Ich rührte mich nicht. Ich atmete auch nicht mehr, nein, ich drohte zu ersticken in rasender Todesangst, während das Klackern an meiner Tür immer energischer wurde und die Klinke mit übermenschlichem Tempo auf- und absauste. Eiseskälte ließ meine Glieder taub werden, eins nach dem anderen, und ich – ein erwachsener Mann! – urinierte in mein eigenes Bett. Ich merkte erst, dass es von mir abließ, als ich es schon in der Küche toben hörte. Gläser, die unverkennbar in tausend Splitter geschlagen wurden, ein lautes Poltern, mit welchem der Kühlschrank zu Boden ging. Immer wieder ertönte das grauenvolle Schlürfen und mischte sich mit gierigen Fresslauten, und ich lag noch zitternd da, die Beine umschlungen, als das schaurige Festmahl schon seit Stunden vorüber und nur noch bleierne Stille um mich war.

Die Sonne stand hoch am Himmel.

„Hallo? Ist da wer? Bitte erschrecken Sie nicht, okay?“

Ich fuhr hoch. Ein entsetzlicher Traum. Ich atmete durch, nahm meinen Schlüssel und betrat den Flur.

„Guten Morgen!“, begrüßte mich ein gut gelaunter Polizist, nachdem er kurz an mir herunter gesehen hatte. „Ich und mein Kollege fanden Ihre Tür aufgebrochen und wollten mal nachschauen, ob alles recht ist.“

Ich war zu sehr durch für solchen Smalltalk und starrte ihn sekundenlang nur wässrig an. „Ja, und? Ist alles recht?“, blaffte ich schließlich.

Der Polizist schien amüsiert über meine Frage. „Kommen Sie mal mit.“

Ich drehte mich unwillkürlich um und entdeckte, dass die Tür mit riesigen Kratzern eingedeckt war. „Ja, ein Bär ist eingebrochen“, meinte er sehr geduldig, als er meinen Blick las. In mir drehte sich alles. Bären hatten scharfe Krallen, natürlich, aber nicht... nicht solche Krallen. Ich wandte mich nach meinen beiden Stiefeln um, die in Fetzen gerissen da lagen. Ich war sprachlos und steif wie ein Brett, als ich den beiden Polizisten hinterher schritt und meine Küche betrat - oder besser, was davon noch übrig war. Sein kleinwüchsiger Kollege bestaunte die Glasscherben und die überall verteilten Soßenreste, während ich von der herausgerissenen Kühlschranktür zu den zerfledderten Resten einer Rinderkeule blickte.

Ich wurde kreidebleich.

„Das… das war kein Bär“, brachte ich heraus.

„Klar“, scherzte einer, „vielleicht war es auch nur der hungrigste Landstreicher des Jahrhunderts!“

Die beiden lachten schallend.

Meine Beine wurden zu Pudding, und ich setzte mich auf den zierlichen Küchenschemel, der unversehrt in der Ecke stand und inmitten der Trümmer ungefähr so passend schien wie ein Gummibaum. Der kleinere Polizist trat behutsam an mich heran und legte mir die Hand auf die Schulter. „Ich weiß, dass das hier verdammt hässlich ist“, tröstete er mich. „Aber glauben Sie mir, Bären können sehr unberechenbar werden, wenn sie in unvertrautem Terrain überrascht werden und sich bedroht fühlen. Sie hatten Glück, dass Sie friedlich geschlafen haben, statt sich mit dem Tier anzulegen.“

„Sie brechen alle Rekorde, das hier zu überhören“, schmunzelte der andere Polizist, der sich über meinen leeren Blick nicht mehr einzukriegen schien. „Aber Sie hatten da echtes Glück.“

Ich hörte die beiden schon gar nicht mehr, und auch nicht mehr die Ruine, in die meine Küche sich verwandelt hatte. Die Geräusche waren wieder da - und ich glaubte nicht daran, dass ich sie jemals loswerden würde.



Bis bald! euer Schreibotter




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