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Bestimmt nicht Baumbart

Aktualisiert: 22. Nov 2019




"Eschcarán!", piepsten viele dünne Stimmchen durcheinander. "Eschcarán!" Ein Ruck ging durch den riesigen alten Baum, dessen unzählige Blätter sich nach dem Mondschein reckten. Ein tiefes, anhaltendes Rumoren ließ den moosigen Boden der kleinen Lichtung erzittern. Es war nicht dieses alte Seufzen, mit dem er viele Jahrtausende stets erwacht war, bereit, den satten Morgentau in sich aufzunehmen, bevor sein knarrender Leib sich genüsslich streckte. Es war ein anderes, beunruhigendes Geräusch, wie die kleinen Sprosslinge es noch nie gehört hatten. Sie konnten unmöglich wissen, dass ihm ein großer Zahn aus glänzendem Stein tief, sehr tief im Rücken steckte. Der alte Baum röchelte in Schmerzen. Eines nach dem anderen, öffnete sich - langsam, geräuschvoll - je eines seiner drei schmalen, hohen Augen und spähte hinaus. Im Schutz der Nacht hatten sich die Sprosslinge rings um ihn versammelt und schauten erwartungsvoll zu ihm hoch. Es waren viele von ihnen, die ihn brauchten... viel zu viele. Eine seiner uralten Ranken, mit denen er sich im Boden vergraben hatte, rüttelte und schüttelte das Erdreich lautstark beiseite, bis sie schließlich daraus hervorbrach. Bereits ermüdet, sank sie vor Eschcarán herab und bildete eine Treppe. Ihm war schwindelig. Er spürte mehr, als dass er sah, wie die winzig kleinen grünlichen Gestalten - die etwas von Knollen mit großen Augen und kleinen Mündern hatten - daran empor kletterten. Eine, zwei, drei, vier! Gleich vier mit Wurzeln, Blättern und kleinen Steinchen gekrönte Häuptlinge marschierten die Ranke empor, bis sie direkt unter seinem fragenden mittleren Auge standen. Der uralte Baum hatte nur noch eine schlechte Sicht. Es war allein das überall sprießende Leben, das er spürte, durch das er sich orientierte. Und manchmal, wenn dieses Leben sehr erregt war, spürte er, was das Auge niemals gesehen hätte. So war es auch heute. Eschcarán spürte eine große Trauer. "Du hast lange geschlafen", begrüßte ihn der erste Häuptling nicht ohne Staunen in seiner dünnen Stimme. "Ich", ertönte die dunkle, sonore Stimme des Baumes, die von überall und nirgends zu kommen schien, "komme nur mehr selten zur Ruhe, mein kleiner Freund. Ist sie mir einmal vergönnt, so muss ich sie auskosten." Er machte eine Pause. Nur zu gut wusste er ja, was nun kommen würde. Es konnte nichts anderes sein. "Sind eure Gärten und eure Blatthäuser unversehrt, meine kleinen Freunde?" Der Häuptling schien betreten. "Nein", sagte einer der anderen leise. "Sie haben alles verwüstet. Alles... so wirklich alles." Jedes der vier kleinen Zwiebelwesen deutete mit einem ihrer Blätter in eine andere Himmelsrichtung. Ja, das erklärte ihre große Zahl! Es war sehr still. Der Mondschein tauchte etliche der kleinen Sprosslinge, die ihn schweigsam anschauten, in seinen silbernen Glanz. "Sie haben die Bäume getötet und das Erdreich zerstört", stieß der erste schließlich aus.

"Sie haben uns vertrieben und unsere Kinder verängstigt."

"Sie haben schon wieder ihre glänzenden Steine aus dem Boden geholt und ein großes Feuer gemacht, dem sich unsere Späher nicht nähern konnten."

"Es sind viele, Eschcarán!" "Ganz viele", wiederholten tausend dünne Stimmen. "So?", knarrte der uralte Baum. Sie brauchten ihn mehr mit jedem Tag, der über den endlosen Nymphenwald zog. Jeden Tag wurden die Stadtwesen mehr. Und nicht nur das. Sie wurden aggressiver. Je mehr sie über die friedlichen Sprosslinge lernten, desto grausamer stellten sie ihnen nach. Es war unbegreiflich. Er schaute von einer der bettelnden kleinen Kreaturen zur anderen, und jede einzelne tat ihm leid. Sollte er es ihnen sagen? Sollte er ihnen sagen, dass seine Tage sich ihrem Ende neigten und dass er nicht mehr hoffen konnte, die Stadtwesen zu vertreiben? Seine Augen schlossen sich. Er dachte zurück - weit, unvorstellbar weit zurück, als er noch nicht allein gewesen war. Sie waren viele gewesen. Sie hatten den Nymphenwald behütet. Sicher, für diesen höheren Sinn zu sterben, war stets ihre größte Ehre gewesen, und doch hatten sie schon damals in der Blüte ihrer Jahre gewusst, dass sie keine Krieger waren. Es nie sein würden. Er wusste, wie man eine Zaubereiche erkannte und wie man die Plagen der Natur von ihr fernhielt. Er wusste, wie man ganze Felder von Beerbüschen so einrichtete, dass sie den kalten Hauch des winterlichen Frosts überstehen würden. Er wusste so vieles - nur, woher die Stadtwesen ihren zerstörerischen Hass nahmen, was sie wollten oder wie sie glänzenden Stein erschufen, der jede Form annahm, die ihren verdrehten Gedanken entsprang, das wusste er nicht. Und erst recht wusste er nicht, wie er allein sie zurückschlagen sollte. Er hatte ihre abscheulichen Methoden selbst gesehen, er hatte sie ganze Reiche deutlich wehrhafterer Waldbewohner auslöschen sehen. Tausend Jahre hatte der Frieden geherrscht, in dem seine alten Freunde einer nach dem anderen eingeschlummert waren, aber auch dies nur, weil die Stadtwesen sich untereinander bekriegt hatten. Er hatte es immer geahnt. Er hatte es immer kommen sehen. Und nun... "Bitte, bitte lass uns nicht allein", piepste es. Er schlug die Augen auf. Die schrecklichen Bilder wurden blasser. "Ich bin bei euch", knarrzte er unglaublich gedehnt. "Ich werde es immer sein." Seufzen, leise, aber tief. "Das wisst ihr doch?" Plötzlich erklomm ihn noch jemand. Es waren zarte, leise Schritte, zögerlich und schüchtern. Die Häuptlinge wandten sich überrascht um, doch niemand sagte ein Wort, als das kleine Sprosslingskind vor sie trat. In seinem zitternden Pflanzenarm lag eine ausgerissene Blume in mattem, leblosen Grau. Eschcarán betrachtete sie angestrengt. Sie erinnerte ihn an eine Blumensorte, von der er einst ganze Felder besessen und mit den Sprosslingen geteilt hatte - damals, als er sich noch an ihnen hatte weiden können. Sie erinnerte ihn an das große Feuer, das sie alle geraubt hatte. Das Kind hielt die Blume ausgestreckt. "Du suchst den Hauch des Lebens", sagte er verständnisvoll. "Deine Blume ... soll ... leben." Es war eine Gabe, die er, wie schwach und gebeutelt auch immer, niemals verlernen würde. Geruhsam sammelte er sich, bis alles verschwunden war, selbst der stechende Schmerz in seinem Rücken. Tief sog er die kühle Nachtluft ein und stieß sie gemächlich wieder aus. Im Strom seines Atems ging etwas mit der kleinen Blume vor sich. Sie wurde trocken, dorr, schließlich schwarz, bis sie sich in eine Staubwolke verwandelte und auflöste. Ein kleiner Keim wuchs in der Ranke des staunenden Kindes. Erst ganz sachte, dann kräftiger, bis ein grüner Stiel hervorschoss und Blätter schlug. Eine leuchtend blaue kleine Orchideenblüte formte sich und strahlte leise in die Nacht hinaus. Das Kind war hin- und hergerissen, schüchtern und dankbar. "Du musst nichts sagen. Ihre Schönheit gebührt dir." Sein Hauch hatte sich gelegt. Der Stich in seinem Rücken war so heiß wie eh und je. Eschcarán atmete mühselig ein. Nein, er war kein Krieger. Und doch... Und doch würde er alles geben. Sachte ließ der Baumriese die kleinen Sprosslinge ins schützende Gras gleiten und begann, sich zu entwurzeln.



[...]


Die gesamte Nacht und den bisherigen Morgen hatte Eschcarán damit verbracht, eine Lichtung nach der anderen aufzusuchen und den zarten Hauch des Lebens wieder anzusiedeln. Es war zeitraubend. Jede einzelne war schrecklicher verwüstet als die letzte. Der alte Hüter wusste nur zu gut, weswegen. Die Stadtwesen hatten hier, am südöstlichen Rand unterhalb der Merissa-Fälle, mit ihrem zerstörerischen Rodungswerk begonnen. Es schien, als hätten sie sich nicht damit aufgehalten, den Stein aus dem Boden zu graben und ihn in glänzenden Stein zu verwandeln. Sie hatten ganz allein nach dem Holz gegiert. Holz, das ihnen nie gehört hatte und auch niemandem anders außer sich selbst. Ein tiefes Stöhnen ging durch den Forst, als er ihn durchschritt. Behandelte man so das Leben? Behandelten sie so gar sich selbst? Kohleschwarze Erde, über die sich seine sieben enormen Ranken geruhsam schoben, eine nach der anderen, bis sie selbst kohleschwarz waren. In einem barbarischen Akt hatten die Stadtwesen das dichte Unterholz abgebrannt. Die abgehackten Stümpfe - manche breiter, älter und ehrwürdiger als er selbst - ragten wie schwarze Knochensplitter aus diesen verwüsteten Feldern hervor. Funken schossen aus noch schwelenden Ballen aus Laub, die man als Zunder benutzt haben musste. Jeder Schritt schmerzte, jeder Schritt fühlte sich nach Tod und Leere an. Kein Vogel sang hier mehr seine Liebeslieder, kein Insekt brummte geschäftig. Es war allein den felsigen Ausläufern der majestätischen Berge zu verdanken, dass es hier noch Inseln des Lebens gab - ihre gewaltigen Steinwurzeln konnten selbst die Stadtwesen bis heute noch nicht brechen, ihr Fleisch nicht durchtrennen. Doch wenn es Steine waren, die sie suchten, weswegen gingen sie nicht in die Berge? Weswegen verwandelten sie nicht den Schutt dort hoch oben in glänzenden Stein, der so sorglos in den Himmel ragte? Es wäre so viel leichter gewesen. Trübsinnig sah er zu Boden. Er war so alt und hatte so viel gesehen, doch manches würde er anscheinend nie verstehen. Schmerz durchfuhr ihn und ließ all seine Blätter rascheln. Er musste weiter! Seine Zeit war begrenzt... Ein silberner Schatten, schnell und elegant, sprang aus den traurigen Ruinen hervor. Er besaß zwei lange Schwänze, die in scharfen Schneiden endeten. Sie pfiffen, als sie blitzschnell die Luft zerteilten. Scheu sah das Tier ihn an. Eschcarán las in seinem Herzen. Es war misstrauisch... wütend... erschüttert.

So erging es allem Leben, dem er begegnete. "Ein Jäger der Nacht", brummte der uralte Baum nachdenklich. "Diese edle Kreatur, scheint mir, könnte meiner Sache nützlich sein. Ich kann Begleitung brauchen. Aber sag mir, warum jagst du in dieser leeren Einöde... und warum bei Tageslicht?" Das Wolfswesen zischte wie eine Schlange. "Diese leere Einöde", erklärte es lauernd, "nannte sich gestern noch mein Revier. Ich stelle denen nach, die es mir genommen haben. Meine Rache wird süßer sein als das Blut der Rehe! Ich fürchte nichts, auch nicht deine Magie, alter Baum." Die drei Augen des Baumes verengten sich. "Nicht in meinen tiefsten, dunkelsten Träumen würde ich sie gegen die Bewohner des Nymhpenwaldes richten", knarrte er ernst. "Sieh dich aber vor, denn die, die du suchst, betreten unser Reich niemals ungerüstet. Ihre Krallen aus glänzendem Stein schneiden ärger als selbst deine." "Pah!", erwiderte das Raubtier hochmütig. "Die Jagd glückt nicht der schärfsten Kralle, sondern der schnellsten. Du verstehst nichts davon, träge Pflanze! Und sie auch nicht." "Nun denn", brummte Eschcarán. "Hier wirst du sie jedoch nicht antreffen, ihr schändliches Räucherwerk ist bereits getan. Ich marschiere nach Norden, wo sie lagern müssen. Bist du bereit, mich zu begleiten?"



[…]



Der uralte Baum blickte dankbar zwischen dem eleganten Raubtier und dem blitzenden Zahn hin und her, den dieses ihm soeben aus der Seite gezogen hatte. Er hatte diesen Fremdkörper in seiner dicken Borke überhaupt nicht bemerkt. Hatte er dort Tage oder Jahrhunderte geruht? Es war das Symbol, das ihn aufatmen ließ. Unmöglich konnte das Tier jedoch den wirklichen Zahn aus seinem Rücken zerren oder auch nur erreichen. In luftiger Höhe und ebenso groß, wie Lokra selbst, pochte die riesige Klinge noch immer durch seinen Saft und mahnte ihn, sich zu beeilen.

"Ich helfe euch Hütern ja sonst nicht", schnappte Lokra, dem diese Sache spürbar unangenehm war. "Und doch", knirschte Eschcarán freundlich, bist du einer." Lokra sah ihn erstaunt an. "Du wusstest es bis heute nicht, doch du bist ein Hüter der dritten Generation. Mit jeder Generation haben die Geister sich stärker auf mehr, aber weniger mächtige Hüter verlassen." Seine riesigen Ranken schlangen sich zwischen den verkohlten Stämmen hindurch und zerrten ihn stetig vorwärts, gen Norden. Lokra hastete schweigend neben ihm her, immer wieder innehaltend und nach dem Feind schnuppernd. "Ich bin der letzte Hüter der zweiten Generation, die sich Shakumái nennt - oder besser, einmal nannte, als es noch mehr gab. Selbst während unserer Blüte aber streifte nicht mehr als ein Dutzend von uns durch diesen Forst. Die Jahrhunderte verstrichen, und sie rafften einen nach dem anderen hin. Die Schicksale, die uns ereilten, waren so bitter wie der Frost und so unterschiedlich wie die Farben der Blumen. Ich habe gesehen, wie deine Rasse gestaltet wurde, Jäger der Nacht. Ich habe sie blühen und sich ausbreiten sehen, immer nur sich selbst verpflichtet - und dennoch so emsig, wie ein Hüter nur sein kann. Ich würde sagen, dass die Geister euch am besten gestaltet haben. Einst... da wart ihr überall. Doch als die ersten Stadtwesen kamen, seid ihr selten geworden. Ich muss gestehen, dass ich nicht mehr mit euch gerechnet habe, als ich diese Reise antrat." "Rechne immer mit mir", knurrte Lokra. Es war ansonsten nicht zu erkennen, wie sehr es ihn interessierte. Sein Geist rastete nie, unentwegt durstete er nach Rache. Suchte nach der Spur, die ihn zu seinen Feinden führen würde, unter jedem Stein und jedem Blatt. Schweigsam schritten sie nebeneinander einher, ein ungleiches Paar, angetrieben durch Interessen, die nicht verschiedener hätten sein können, und doch durch ein unausweichliches Schicksal aneinander gebunden. Nach und nach wurden Lokras Bewegungen wieder geschmeidiger, selbstsicherer, wie als würde er sich an die uralte Präsenz gewöhnen, die ein Shakumái mit sich brachte. Bald war das Misstrauen so sehr geschwunden, dass der Jäger der Nacht selbst das Gespräch aufnahm. "Du hast nur zwei Generationen erwähnt, alte Pflanze. Aber was ist mit der ersten?" Ein dunkles Seufzen ging durch den uralten Stamm. "Das erste Kind der Geister war allein", begann er schließlich."Telec nennt es sich, eine Flussgottheit von unglaublicher Macht. Telec ist überall zwischen den Fluten und wird angezogen, sobald man sich ihnen nähert. Es tötet alles, was er als bedrohlich ansieht, mit elementarer Magie." Lokra runzelte die Stirn. "Es lebt noch?" "Nur ein Teil von ihm", brummte Eschcarán. "Telec ist schon vor vielen Jahrtausenden... unerklärlich und tragisch... wahnsinnig geworden. Es lebt noch, ja - doch sein Geist ist leer und erblickt eine Bedrohung in allem und jedem, außer den Tieren selbst. Gerade, wie ich zu dir spreche, machen wir einen sehr großen Bogen um den Fluss Merissa. Lass uns hoffen, dass unsere Feinde nicht so klug waren."

Sie schwiegen.

[...]



Dies ist nun also - nach der Insel der Goblins und der unvollendeten Reise - das dritte und letzte RPG, an dem ich mich versucht habe und das sogar erfreulicherweise einige Tage lebendig war, bevor es wie alle anderen versandete. Beiträge, die nicht von mir verfasst wurden, habe ich wie immer ausgespart, sodass diesmal Lücken entstanden sind - deshalb erinnert die Geschichte an Szenen aus einem PC-Spiel. Tja. Es war ein kurzer Spaß.

Aber lustig, so einen Baum zu spielen! ^_^


Bis bald! euer Schreibotter





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