Bestimmt nicht Baumbart




"Eschcarán!", piepsten viele dünne Stimmchen durcheinander. "Eschcarán!" Ein Ruck ging durch den riesigen alten Baum, dessen unzählige Blätter sich nach dem Mondschein reckten. Ein tiefes, anhaltendes Rumoren ließ den moosigen Boden der kleinen Lichtung erzittern. Es war nicht dieses alte Seufzen, mit dem er viele Jahrtausende stets erwacht war, bereit, den satten Morgentau in sich aufzunehmen, bevor sein knarrender Leib sich genüsslich streckte. Es war ein anderes, beunruhigendes Geräusch, wie die kleinen Sprosslinge es noch nie gehört hatten. Sie konnten unmöglich wissen, dass ihm ein großer Zahn aus glänzendem Stein tief, sehr tief im Rücken steckte. Der alte Baum röchelte in Schmerzen. Eines nach dem anderen, öffnete sich - langsam, geräuschvoll - je eines seiner drei schmalen, hohen Augen und spähte hinaus. Im Schutz der Nacht hatten sich die Sprosslinge rings um ihn versammelt und schauten erwartungsvoll zu ihm hoch. Es waren viele von ihnen, die ihn brauchten... viel zu viele. Eine seiner uralten Ranken, mit denen er sich im Boden vergraben hatte, rüttelte und schüttelte das Erdreich lautstark beiseite, bis sie schließlich daraus hervorbrach. Bereits ermüdet, sank sie vor Eschcarán herab und bildete eine Treppe. Ihm war schwindelig. Er spürte mehr, als dass er sah, wie die winzig kleinen grünlichen Gestalten - die etwas von Knollen mit großen Augen und kleinen Mündern hatten - daran empor kletterten. Eine, zwei, drei, vier! Gleich vier mit Wurzeln, Blättern und kleinen Steinchen gekrönte Häuptlinge marschierten die Ranke empor, bis sie direkt unter seinem fragenden mittleren Auge standen. Der uralte Baum hatte nur noch eine schlechte Sicht. Es war allein das überall sprießende Leben, das er spürte, durch das er sich orientierte. Und manchmal, wenn dieses Leben sehr erregt war, spürte er, was das Auge niemals gesehen hätte. So war es auch heute. Eschcarán spürte eine große Trauer. "Du hast lange geschlafen", begrüßte ihn der erste Häuptling nicht ohne Staunen in seiner dünnen Stimme. "Ich", ertönte die dunkle, sonore Stimme des Baumes, die von überall und nirgends zu kommen schien, "komme nur mehr selten zur Ruhe, mein kleiner Freund. Ist sie mir einmal vergönnt, so muss ich sie auskosten." Er machte eine Pause. Nur zu gut wusste er ja, was nun kommen würde. Es konnte nichts anderes sein. "Sind eure Gärten und eure Blatthäuser unversehrt, meine kleinen Freunde?" Der Häuptling schien betreten. "Nein", sagte einer der anderen leise. "Sie haben alles verwüstet. Alles... so wirklich alles." Jedes der vier kleinen Zwiebelwesen deutete mit einem ihrer Blätter in eine andere Himmelsrichtung. Ja, das erklärte ihre große Zahl! Es war sehr still. Der Mondschein tauchte etliche der kleinen Sprosslinge, die ihn schweigsam anschauten, in seinen silbernen Glanz. "Sie haben die Bäume getötet und das Erdreich zerstört", stieß der erste schließlich aus.

"Sie haben uns vertrieben und unsere Kinder verängstigt."

"Sie haben schon wieder ihre glänzenden Steine aus dem Boden geholt und ein großes Feuer gemacht, dem sich unsere Späher nicht nähern konnten."

"Es sind viele, Eschcarán!" "Ganz viele", wiederholten tausend dünne Stimmen. "So?", knarrte der uralte Baum. Sie brauchten ihn mehr mit jedem Tag, der über den endlosen Nymphenwald zog. Jeden Tag wurden die Stadtwesen mehr. Und nicht nur das. Sie wurden aggressiver. Je mehr sie über die friedlichen Sprosslinge lernten, desto grausamer stellten sie ihnen nach. Es war unbegreiflich. Er schaute von einer der bettelnden kleinen Kreaturen zur anderen, und jede einzelne tat ihm leid. Sollte er es ihnen sagen? Sollte er ihnen sagen, dass seine Tage sich ihrem Ende neigten und dass er nicht mehr hoffen konnte, die Stadtwesen zu vertreiben? Seine Augen schlossen sich. Er dachte zurück - weit, unvorstellbar weit zurück, als er noch nicht allein gewesen war. Sie waren viele gewesen. Sie hatten den Nymphenwald behütet. Sicher, für diesen höheren Sinn zu sterben, war stets ihre größte Ehre gewesen, und doch hatten sie schon damals in der Blüte ihrer Jahre gewusst, dass sie keine Krieger waren. Es nie sein würden. Er wusste, wie man eine Zaubereiche erkannte und wie man die Plagen der Natur von ihr fernhielt. Er wusste, wie man ganze Felder von Beerbüschen so einrichtete, dass sie den kalten Hauch des winterlichen Frosts überstehen würden. Er wusste so vieles - nur, woher die Stadtwesen ihren zerstörerischen Hass nahmen, was sie wollten oder wie sie glänzenden Stein erschufen, der jede Form annahm, die ihren verdrehten Gedanken entsprang, das wusste er nicht. Und erst recht wusste er nicht, wie er allein sie zurückschlagen sollte. Er hatte ihre abscheulichen Methoden selbst gesehen, er hatte sie ganze Reiche deutlich wehrhafterer Waldbewohner auslöschen sehen. Tausend Jahre hatte der Frieden geherrscht, in dem seine alten Freunde einer nach dem anderen eingeschlummert waren, aber auch dies nur, weil die Stadtwesen sich untereinander bekriegt hatten. Er hatte es immer geahnt. Er hatte es immer kommen sehen. Und nun... "Bitte, bitte lass uns nicht allein", piepste es. Er schlug die Augen auf. Die schrecklichen Bilder wurden blasser. "Ich bin bei euch", knarrzte er unglaublich gedehnt. "Ich werde es immer sein." Seufzen, leise, aber tief. "Das wisst ihr doch?" Plötzlich erklomm ihn noch jemand. Es waren zarte, leise Schritte, zögerlich und schüchtern. Die Häuptlinge wandten sich überrascht um, doch niemand sagte ein Wort, als das kleine Sprosslingskind vor sie trat. In seinem zitternden Pflanzenarm lag eine ausgerissene Blume in mattem, leblosen Grau. Eschcarán betrachtete sie angestrengt. Sie erinnerte ihn an eine Blumensorte, von der er einst ganze Felder besessen und mit den Sprosslingen geteilt hatte - damals, als er sich noch an ihnen hatte weiden können. Sie erinnerte ihn an das große Feuer, das sie alle geraubt hatte. Das Kind hielt die Blume ausgestreckt. "Du suchst den Hauch des Lebens", sagte er verständnisvoll. "Deine Blume ... soll ... leben." Es war eine Gabe, die er, wie schwach und gebeutelt auch immer, niemals verlernen würde. Geruhsam sammelte er sich, bis alles verschwunden war, selbst der stechende Schmerz in seinem Rücken. Tief sog er die kühle Nachtluft ein und stieß sie gemächlich wieder aus. Im Strom seines Atems ging etwas mit der kleinen Blume vor sich. Sie wurde trocken, dorr, schließlich schwarz, bis sie sich in eine Staubwolke verwandelte und auflöste. Ein kleiner Keim wuchs in der Ranke des staunenden Kindes. Erst ganz sachte, dann kräftiger, bis ein grüner Stiel hervorschoss und Blätter schlug. Eine leuchtend blaue kleine Orchideenblüte formte sich und strahlte leise in die Nacht hinaus. Das Kind war hin- und hergerissen, schüchtern und dankbar. "Du musst nichts sagen. Ihre Schönheit gebührt dir." Sein Hauch hatte sich gelegt. Der Stich in seinem Rücken war so heiß wie eh und je. Eschcarán atmete mühselig ein. Nein, er war kein Krieger. Und doch... Und doch würde er alles geben. Sachte ließ der Baumriese die kleinen Sprosslinge ins schützende Gras gleiten und begann, sich zu entwurzeln.




Bis bald! euer Schreibotter




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