Brief an die Zukunft




Liebe Zukunft!

Ich schreibe dir in einem äußerst sonderbaren Jahrhundert, in dem sich restlos alles um toten Besitz zu drehen scheint. Je mehr die Menschen besitzen, desto unglückseliger sind sie – das ist seit etlichen Jahren statistisch belegt, aber es interessiert kaum jemanden. Sie sind unglückselig, weil ihre Identität, ihr Bewusstsein und ihre Lebensart um toten Besitz rotieren, sodass sie vergessen, zu leben. Ich würde eigentlich nichts lieber tun, als ausgiebig zu schlafen, gesund zu essen, jeden Tag zu tanzen, singen und lachen und das bescheidene bisschen Geld zu verdienen, das ich brauche. Ich lebe für alle sieben Tage und nicht nur für drei, was meine innere Uhr sehr begrüßt. Bedürfnisse, die nicht ums Leben, sondern um toten Besitz kreisen, habe ich nicht. Ich brauche keinen Stadtgeländewagen und nicht den neuesten Fernseher, keine 39 Paar Schuhe und keinen Privatjet. Ich trinke und rauche nicht und vermeide Zucker. Ich brauche keine solchen unglücklich machenden Mittel, die mich kurz von selbst auferlegtem Stress ablenken, da ich mir schlicht keinen Stress auferlege. Selbstredend bin ich für die Industrie somit uninteressant, eine minderwertige Ressource, die sich weder als Konsum- noch als Produktionsinstrument ausbeuten lässt, um möglichst viele Ressourcen möglichst rasch, ineffizient, ungezielt und ohne jegliche höhere Strategie zu verbrauchen.

Ich selbst betrachte das in einem anderen Licht, wie du dir denken kannst. Ich bin eins der gesündesten Mitglieder meiner Generation. Die Menschen glauben, ich sei gerade erst 20 Jahre alt, wenn sie mich sehen – aber wenn das Leben nicht um toten Besitz kreist, gibt es zwischen 20 und 25 keinen äußerlichen Unterschied. Ich fürchte, dass ich auch glücklicher bin als die meisten in meiner Generation. Ich fürchte es, weil ich regelmäßig vor Glück seufze und ebenso regelmäßig allen, die es mitbekommen, erklären muss, dass es nicht aus Trauer und Stress geschieht.

Bedauerlicherweise, liebe Zukunft, scheint es ungewiss, ob es so bleiben wird. Leider versucht meine Gesellschaft nämlich alles, um mich in ihr menschenverachtendes, surreal anmutendes Mühlsteinsystem aus Überproduktion und Ressourcenverschwendung zu zerren. Die Menschen schleudern Grundnahrungsmittel lastwagenweise ins Meer und senken künstlich die Lebensdauer technischer Geräte, um die Illusion am Leben zu erhalten, dass es nötig sei, sich zu Tode zu arbeiten. Für die bloße Erlaubnis, in einem Zimmer mein Bett aufstellen zu dürfen, muss ich dreimal mehr Geld aufwenden, als ich brauche, um anderweitig zu leben – ohne jede Gegenleistung, jeden Service, den ich erhalte. Dieses Geld begründet sich nicht auf irgendeiner zu entlohnenden Leistung, sondern allein auf der unausgesprochenen Selbstverständlichkeit, solche Summen seien für ein »ordentliches« Mitglied der Gesellschaft doch nur ein Fliegensschiss. Auch krankenversichert zu sein, kostet solch gigantische Summen – wohl einerseits deswegen, weil unser medizinisches System schon lange nicht mehr darum kreist, wie man effizient Menschen behandeln kann, aber andererseits, weil die Mitglieder dieser selbstzerstörerischen Gesellschaft inzwischen bereits im unter natürlichen Bedingungen völlig unverbrauchten Lebensalter von 50 Krebs und andere schreckliche Probleme entwickeln, Tendenz rasend steigend, aber auch das interessiert im Grunde niemanden. Sämtliche Augen liegen in diesem Jahrhundert auf den Statistiken der Leute, die berechnen, wie viele eigentlich gar nicht verfügbare Ressourcen dieses Jahr wieder ohne eigentlichen Sinn verbrannt, verbraucht und verschleudert werden, in der Illusion, dies müsse eine gute Sache sein. Die Börse erinnert an den faschistoiden "struggle of the nations" von heute. Das Fremde gilt es zu überrollen, niederzuwalzen und durch eigenes zu ersetzen. Bloß warum?!? Das weiß niemand; die Frage scheint verboten zu sein. Lediglich die Instrumente und die Taktiken haben sich verändert. Die Kasernen bilden nun Bürotürme. Statt Panzern schicken wir Frachtschiffe in arme Gebiete, um zu verhindern, dass die früher so beschaulich lebenden Ziegenhirten, denen wir gerade erst Freihandel zu ihrem "Besseren" mit Kanonen und Blutvergießen aufgezwungen haben, von unseren mit erbärmlichen und unwürdigen Tricks gesenkten Preisen erdrückt und außerstande bleiben, ihren eigenen Käse zu verkaufen, wie sie es früher taten. Reiche Länder betrachten wir argwöhnisch, wie gefährliche Rivalen – arme Länder hingegen genießen unser geheucheltes Bedauern. Niemals käme uns in den Sinn, uns zu fragen, wie gesund oder glücklich sie leben oder wie vieles sie wissen, wie schön und funktionstüchtig im Sinne einer lebendigen Gemeinschaftlichkeit – ich werde nicht beginnen, von Coca Colas allwinterlichem "Fest der Gier" zu sprechen – ihre Traditionen sind. Die Glücklichsten unter uns, das steht, außer Frage, sind die kleinen Familienclans, die im Regenwald leben. Sie machen alles gemeinsam, kennen nicht einen Bruchteil unserer Beschwerden, Sorgen und Probleme, und jeden Tag besuchen sie ihren Lieblingswasserfall, nicht um toten Besitz zu mehren, sondern aus Spaß und um sich lebendig zu fühlen. Natürlich können wir nicht dahin zurück, denn dazu sind wir zuviele. Aber indem wir uns mit ihnen vergleichen, können wir begreifen, dass wir Soldaten sind. Ja, Soldaten sind wir. Denn wir leben in einer Gesellschaft, in der die Menschen umso härter arbeiten müssen, je mehr Maschinen ihnen abnehmen. Eine Gesellschaft, in der die Menschen sich ihr Recht, zu leben, erst arbeitend erstreiten müssen und kein Schicksal schrecklicher sein kann als dasjenige, bereits mitversorgt zu sein durch die gigantischen Überschüsse der Industrie, die am liebsten gleich 3.000 andere Planeten mit versorgen würde – aber das sind keine 3.000 anderen Planeten, da sind nur wir und schinden uns ohne allen Sinn, bis wir sterben, unseres Lebens beraubt.

Liebe Zukunft, ich schreibe dir in einem Jahrhundert, in dem unser Faktenwissen größer ist und wir besser vernetzt sind denn je, und dennoch wieder begonnen haben, einander blind zu hassen, weil der materialistisch erzogene Geist sich das Böse da draußen leichter dadurch erklären kann, anderes menschliches Leben unveränderlich, ähnlich einem leblosen Stein, zu behandeln und sich einzureden, die anderen seien eben »von Natur aus« so und müssten bedingungslos ausgestoßen werden oder Schlimmeres, als die gefürchtete und verachtete Frage zu stellen, was die Spirale der Feindseligkeiten schürt und nährt und wie sie sich wieder bremsen ließe. Ich schreibe dir in einem Universum, das voller lebloser Materie ist, die in ihrer Gesamtheit abseits eines verschwindend kleinen Bruchteils für unser Leben nicht annähernd so ausschlaggebend ist wie das, was wir auch nur eine Sekunde denken – und trotzdem gelingt es uns zu übersehen, dass Materie einfach nicht alles ist. Sagt man dies zu laut, wird man gebrandmarkt als gestriger Anhänger begrabener Ideologien oder verkorkster mittelalterlicher Philosophien, aber nichts von beidem trifft zu, wenn ich mich einer neuen Sprache gebrauche und sage: Ein Skalpell kann so sehr ein Leben retten, wie es nehmen. Es interessiert dabei niemanden, ob wir ein Skalpell haben oder sieben, sondern es interessiert allein, wie wir es benutzen. Ich bin kein Kommunist und schon gar nicht brühe ich René Descartes auf, wenn ich festhalte:

PROZESS REGIERT MATERIE.

Das Leben muss sich endlich um Prozesse drehen dürfen, wie es dies für Jahrmillionen tat, nicht um die ihnen in jeder kausalen Beziehung untergeordnete Materie. Das Leben, das wir führen und das uns so unverschämt auf dem Rücken von tausenden Generationen geschenkt wurde, die gar nichts besaßen, ist selbst nichts als ein Prozess, der gelebt, gesteuert und genossen werden möchte und nicht erstickt in totem Besitz, den wir auch noch bitter dadurch erkaufen, indem wir ihn zukünftigen Generationen entreißen. Ich wünsche mir aus ganzer Seele, dass du, die diesen Brief liest, schockiert und entsetzt darüber bist, wie es war, als ich lebte, denn das heißt, dass die Selbstverständlichkeiten der Selbstzerstörung dich nicht mehr heimsuchen und dass die Menschen in dir das freie Leben führen dürfen, das sie verdienen:

Frei vom Materialismus.

Ein Freund





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