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Bruderliebe

Aktualisiert: 22. Nov 2019



Leise knisterte das Feuer unter der Gans, die Kalgar kunstvoll auf dem Drehspieß präpariert hatte. Rehoog, der um drei Köpfe kleiner war als sein großer Bruder, versuchte sich daran, die braunen Federn an einen Stock und diesen an eine Hirschsehne zu leimen. Sein letzter Drachen war kürzlich im Meer versunken, und umso mehr schien das Kind sich über den gelungenen Fang zu freuen. Kalgar saß da und drehte, drehte, drehte immerfort. Er konnte nur noch nachdenklich in die peitschenden Wellen zu starren. Sein Bruder freute sich - und das war alles, was zählte. Aber morgen würde er sich schon nicht mehr freuen, denn das hier war der letzte Schuss seiner Steinschleuder gewesen, die zerschlissen im warmen Gras lag. Seine Stirn lag in tiefen Furchen. Nachdem das Essen durchgebraten und verzehrt war, würde er einen ganzen Tag haben, um sie zu erneuern oder sich einen Speer zu suchen. Das Problem an beidem: Kalgar hatte weder die Speerjagd noch das Nähen jemals gelernt. Er wusste, dass man zum einen Kraft und Geschick und zum anderen eine kleine Knochennadel brauchte, aber war das alte Hirschfell, das im Zelt lag, überhaupt noch brauchbar? Er rieb sich die Schläfen. Mutter hatte beides so wunderbar verstanden, sie war die beste Jägerin der Sippe gewesen. Nicht die stärkste, aber die zielsicherste Schützin. Und nicht nur das. Nachdenklich strich er sich den Pelz glatt, das sie für ihn genäht hatte, anlässlich seines Rituals des Jägers. Sie hatte ihn auf die Stirn geküsst und gesagt: „Jetzt, mein Kalgar, bist du ein großer Jäger und wirst die, die du liebst, ernähren können. Genau, wie ich dich einmal ernährt habe, bevor die Jahre mir den Rücken ruiniert haben. Du bist mein ganzer Stolz, mein großer Sohn.“ Er schluckte. Sie hatte es wirklich sehr schön genäht. Beinahe ließ sich nicht erkennen, dass drei verschiedene Tiere in diesem Pelz steckten: Eine Hirschkuh, ein alter Eber und ein Marder für den Hals. „Ich verdiene deinen Stolz nicht, Mutter“, seufzte er. Das Kind, das in den von ihm fabrizierten Lumpen umhertollte, horchte auf. „Kalgar, sprichst du mit mir?“ Es war so viel bedingungslose Liebe in diesem Gesicht. So viel unschuldige, ungetrübte Freude. „Nein, mein lieber Rehoog. Spiel nur. Schon bald ist die Gans durchgebraten, und dann wollen wir es uns gut gehen lassen. Genieße nur den Meereswind.“ Das Kind lachte und wandte sich wieder seinem Federdrachen zu. Er blieb im Flug, solange es rannte und ihn mit sich riss. Es würde bald lernen, dass es dazu, wenn es schnell genug war, keiner Federn bedurfte. Nein!

Nein, würde es nicht ... Kalgar rann eine einsame Träne herab. Nicht, wenn er nicht sehr schnell das Nähen lernte und die Geister der Insel umstimmte. Sie hatten damals die ganze Sippe wie über Nacht ausgelöscht, und es war ein einziges Rätsel, warum. Hatten sie ein Tier getötet, dass sie nicht hätten töten sollen? Hatten sie zu selten das schützende Feuer der Götter in der Nacht leuchten lassen oder ihre Toten an einer Stätte begraben, die sie in böse Rachegeister verwandelt hatte? Ausgerechnet Ilmur hatte es als ersten erwischt. Im Fieber war er gestorben, im Traum hatte er gesprochen, die Tage der Gar’ani würden nun enden. Kalgar konnte es nicht fassen. Sprachlos berührte er die Muscheln der Halskette, die der Heiler ihm überreicht hatte, ihm als dem letzten Jäger, den die Geister noch nicht in seinem Schlaf heimgesucht hatten. Er hatte gesagt, diese Kette würde ihn schützen und den, den er am meisten liebte.

Er schaute seinem Bruder nach. Drei Winter hatten sie jetzt überstanden, nur sie beide. Und er lächelte. Nie hätte er das in Mutters Schatten für möglich gehalten. Aber seine einst so starken Arme zitterten schon, wenn er diesen Spieß drehte, seine Beine waren dürr, und sein einst wachsamster Blick unter allen Gar’ani irrte schlaftrunken umher. Nein, mit ihm an seiner Seite würde der kleine Rehoog nicht mehr selbst zum Jäger heranwachsen. Er brauchte einen Lehrer, nicht jemanden, der tagein, tagaus Muscheln aus den schroffen Felsen brach und jede Nacht unter anderen Schmerzen stöhnte. Neunzehn Winter hatte er nun gesehen, und das war mehr, als ihm zustand. Aber sein Bruder … Ihm stand mehr zu.

Er sollte heiraten und eine Familie gründen.

Er sollte schlohweiß werden und die Geheimnisse der Geister lernen.

Er sollte die besten Kleider tragen.

Eine starke Böe zerteilte den Nebel, und man sah das Festland. Blasse Schemen, die reichten, so weit er schauen konnte. Er hielt den Atem an. Der Heiler hatte ihnen jeden Sommer die Geschichte von den alten Gar’ani erzählt, von seinen eigenen Urgroßeltern, die noch dort draußen gelebt und gejagt hatten, bis andere Jäger erschienen waren. Sie sollen dünner gewesen sein, zerbrechlicher, aber nicht minder schlau, und so zahlreich wie die Fische im Meer. Sie hatten mit den Gar’ani in Frieden leben können, bis ihre erdrückende Zahl die endlosen Wälder leerte und am Himmel kein Schwan mehr seine Federn ausbreitete. Die Geschichte berichtete, dort draußen sei niemand mehr am Leben und die Insel der Gar’ani sei alles Land, das noch Jäger ernährte. Er wischte sich die Träne aus dem Gesicht. Die Geschichte irrte sich. Sie musste sich irren. Es musste ein Leben für seinen kleinen Bruder geben. „Rehoog“, sagte er freundlich. Das Kind wandte sich ihm mit großen Augen zu. „Iss gut, ja? Morgen baue ich uns beiden ein Floß. Lass uns die Festlandmenschen besuchen. Sie werden uns nicht fürchten, also glaube ich, dass sie uns helfen können.“ Er nahm die Gans vom Spieß, und die beiden letzten Neandertaler teilten sie brüderlich.




Bis bald!

euer Schreibotter





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