Bunte Bälle





Ich versuche, jeden Tag zu jonglieren. Ein erwiesenermaßen entspannendes Gefühl stellt sich rasch dabei ein, das ich nicht anders beschreiben kann als mit Gehirnmassage. Es ist das Gefühl, das Muskelgedächtnis zu trainieren und am Leben zu sein, dieser unbändige Spaß, den man als Kind bei so ziemlich allem und jedem erlebt hat. Dieser Spaß hat seinen Grund. Gesundheitlich, und das heißt auch hinsichtlich unserer psychischen Ausgeglichenheit und Gelassenheit, wird ein trainiertes Kleinhirn noch immer unterschätzt. Es ist der Bereich unserer Persönlichkeit, der uns in unserem Körper verwurzelt und ihn steuern lässt. Soll heißen, mit einem trainierten Kleinhirn fühlen wir uns einfach besser in unserer eigenen Haut, so wie wir uns in einem Haus ja auch geborgener fühlen, wenn wir uns in- und auswendig auskennen.


Aber warum wird all das so sehr unterschätzt? Ich habe immer wieder beobachten können, wie Leute auf Jonglage reagieren.

Ich war schon dann und wann mit meinen vier Bällen draußen, nicht mit einem Spendenhut. Dafür müsste ich Tricks beherrschen - nein, einfach nur so. Die Erwachsenen finden es, wie mir scheint, eher peinlich, mich so zu sehen. So als würde ich etwas unbeschreiblich Falsches tun. Ein Kind sein. Spaß haben. Kostbare Energie verschwenden, einfach nur aus Liebe zu mir selbst und meinem Leben.

Wir haben in der modernen Gesellschaft verlernt, in Harmonie mit unserem Körper zu leben und uns auszutoben. Jede "überflüssige" Bewegung wird streng vermieden, schon um nicht gegen die soziale Konvention zu verstoßen. Und nein, ich nehme mich selbst da nicht aus. Ich bin kein Prediger aus der Wüste, sondern beobachte das alles durchaus ebenso an mir selbst. Ich hasste den Schulsport, da er lächerlich anstrengend, unausgewogen und an den Besten der Besten orientiert war. So als hätte ich daheim eine Runde pauken können, und dann wäre ich plötzlich kein Asthmatiker mehr gewesen, der bei einem Marathonlauf die reinsten Höllenqualen hinnimmt, nur, um nicht sitzenzubleiben. Dieses Schulsystem ist falsch. Es baut auf uralten, angestaubten Sichtweisen auf, die es in der Theorie selber schon lange überholt hat. Regelmäßiger, aber sanfter Sport lässt uns über uns hinauswachsen. "Laufen, ohne zu schnaufen." Nicht das einmal wöchentliche Knochenbrechen bei einer Bewegung, die unser Körper so noch nie zuvor erlebt hat und es so auch nie wieder tun wird - und das alles so selten, dass der Körper überhaupt nicht erst damit beginnt, sich an diese Bewegung anzupassen. Soll heißen, er lernt nichts - er macht bloß, was er eh schon kann. Und wenn er überfordert wird, dann leidet er stattdessen.

Dieses traumatische Erlebnis des Sports als unangenehme Schinderei spiegelt sich auch darin wieder, was Erwachsene dazu sagen, wenn ich ihnen anbiete, aus gesundheitlichen Gründen das Jonglieren zu erlernen. Denn was erwidern sie? Sie sagen "das kann ich nicht." Ich muss ihnen dann erst einmal erklären, dass niemand als Jongleur geboren wird. Und dass ich drei Tage quasi nichts anderes gemacht habe, als stur über einem Bett oder ein Sofa gebeugt stundenlang die immerselbe Bewegung zu üben. Drei Bälle, die alle genau einmal den Platz wechseln. Es dauert nur eine Sekunde; aber wer es schaffen will, muss erst einmal tausendmal daneben schmeißen. Und genau das habe ich mit der größten Freude getan. Nach diesen drei Tagen hatte ich nie wieder Schwierigkeiten mit dieser Bewegung, und ich werde auch nie wieder welche haben. Ich habe mich durchgebissen und gesteigert - das ist echter Sport. Und nicht das sich wöchentlich wiederholende, demütigende Erlebnis, etwas nicht zu können, zu leiden, nicht besser zu werden - und sich dann auch noch als "unfähig" abstempeln zu lassen. Genau das sind natürlich die klassischen Symptome unserer schauerlichen Bringschuldgesellschaft. Es muss immer alles beherrscht werden, aber nichts darf jemals angemessen geübt werden, alles soll immer magisch und aus heiterem Himmel bereits da sein. Das Ganze bringt nichts, außer genau die falschen Standards zu vermitteln. Ich glaube, würde man den Schulsport, wie er bei uns ist, abschaffen, wir hätten eine sportbegeistertere Gesellschaft.

Glücklicherweise lebt es in uns allen unausrottbar weiter - dieses unbändige Kind, das herumtollt und feiert, dass es so sehr am Leben ist. Und das ist so, weil wir als Kinder alle einmal so waren und gar nicht genug rennen konnten. Kinder lieben Bälle. Und sie lieben es, wenn sie jemanden Bälle werfen sehen. Es weckt den Instinkt, den Ball zu fangen - genau wie bei einem Hund, der nie durch eine Schule traumatisiert wird und deshalb sein Leben lang ein bewegungssüchtiges Kind bleibt. Ich erinnere mich noch, wie ich letztens unter freiem Himmel zugange war, und wie ein kleines Mädchen seine Mutter anhielt. Sie wollte lernen, was ich da machte. Ich zeigte es ihr. Nur Mut, das schaffst du eines Tages, wenn du es ganz, ganz fest willst. Übung macht den Meister. Der Part, der für mich als Erwachsenen naturgemäß sonst an den Nerven sägt - das Nachrennen, wenn mal ein Ball entwischt ist und davon saust - begeisterte dieses wundervoll lebendige Kind am allermeisten. Sie machte sogar absichtlich ein Spiel daraus: Alle vier Bälle wurden zugleich in eine Richtung geworfen, und dann musste man sie ganz schnell wieder einfangen. Plötzlich hatte auch ich, der traumatisierte, abgestumpfte Erwachsene, einen urtümlichen und unerklärlichen Heidenspaß an dieser Sache. Schlussendlich musste die Mutter sie zu sich rufen; vielleicht aus Ungeduld, vielleicht aber auch, damit ich nicht zusammenbräche. Aber wie sehr sie sich doch irrte. Ich habe es noch nie so sehr genossen, einem Ball nachzuhetzen. Dieses kleine Mädchen brachte alles zurück, was ich selbst einmal war. Erwachsene können immer und überall wieder Kind sein.


Sie müssen es nur ganz, ganz fest wollen.

Bis bald! euer Schreibotter

Inhaltlich obligatorisches Bonus-Video




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