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Das mit dem Chillen | Nähkästchen

Aktualisiert: 22. Nov 2019




Ich erinnere mich nicht mehr, woher ich kam oder wohin ich wollte, als ich spät nachts im Zug saß. Ich weiß nur noch, wie müde ich war. Es war ein einigermaßen volles Bahnabteil, überwiegend erwachsene Passagiere, auch ältere, und manch eine kleine Familie, die sich harmonisch ineinander kuschelte. Uns alle einte, dass wir versuchten, die entsetzlich helle LED-Beleuchtung zu verscheuchen, ich seitlich hingelegt und im Mantel zugedeckt, und an, da bin ich mir ziemlich sicher, dass wir ausnahmslos alle nach hause fuhren. Es war still, und wenn jemand sich kurz unterhielt, dann nur sehr gedämpft.

Es hatte nicht sollen sein. Plötzlich ging ein sanfter Ruck durch die Kissen, der Zug bremste, erste Geräusche drangen ein - und wir wussten sofort, was über uns hereingebrochen war.


"Alter!", grölte der erste Besoffene, der nicht älter als 16 sein konnte. "Warum chillt denn hier gar keiner? Wie soll man da denn bitte entspannen, häh?" Als sei es ein eingespieltes Signal gewesen, begannen seine sieben oder acht Freunde, wie die Nashörner beim Polka auf dem Boden herumzu stampfen, rhythmisch und leidenschaftlich, bis das ganze Abteil schwankte, während wir wieder in Fahrt gerieten. Sie prosteten sich laut mit Bier zu, brüllten (ich sträube mich, es anders zu nennen) ununterbrochen die immer gleichen abgehackten Fetzen von Melodien, von denen sie aber anscheinend nicht wussten, wie sie weitergingen, und immer wieder gellte der erste mit seiner durchdringenden Stimme durch die Reihen und ließ uns wissen, wie blöd wir doch waren, nicht zu chillen.

Nach einer endlosen halben Stunde hatten wir dann, irgendwie noch am Leben, die nächstgrößere Stadt erreicht, wo der Pulk ausstieg. Schlagartig wurde es still, überhaupt niemand redete mehr, magische Sekunden. Erleichtert dämmerten Rentner, Kinder und alles dazwischen in einen friedlichen Schlummer.

Doch was versinnbildlicht diese schlichte Episode, möchten die Deutschlehrer nun mahnend wissen - was will der Autor sagen? Kann man es an den Stilmitteln ableiten? Kann man es dadurch entschlüsseln, wer in dieser Geschichte gelbe Schuhe trug oder nach Badeseife verlangte? Liebe Leute, lasst euch sagen: nein. Stattdessen hängt es von der Perspektive ab, die man selbst auf die Beteiligten einnimmt. Für ein belesenes Krokodil haben hier ein paar saftige Snacks die ganze Bühne durch ihr aberwitziges Benehmen appetitlicher erscheinen lassen, und darauf erstmal eine Gnukeule. Hmmmjam, wie gerne wäre das Krokodil doch mit dabei gewesen! Bestimmt hätte es sich nicht einen dieser faden, sicher schon halb abgelaufenen Schläfer geschnappt, einen mit Plastikzähnen gar, sondern das unaufhörlich schreiende, zappelnde Etwas, das so eindrucksvoll seine eigene Fressbarkeit angepriesen hatte. Und weil ich diese Interpretation des Textes sehr weise und lehrreich finde, will ich sie stehen lassen und euch überreichen als die alleinig richtige auf immerdar.


"Was will der Autor sagen?"

Liebe Deutschlehrer, ich möchte euch herzlich dazu einladen, euch diese völlig unnatürliche Frage hier zu ersparen. Stattdessen sollten wir alle ein bisschen mehr denken wie ein Krokodil. Nicht fragen, sondern reinbeißen. ^_^



Bis bald! euer Schreibotter





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