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Das Rätsel der Flecken | Nähkästchen

Aktualisiert: 22. Nov 2019



Es mangelt ja nun nicht gerade an Thesen. Generell kann man Augenflecken - also bunte Körperbereiche, die durch ihre Farbgebung und Position vortäuschen können, ein Auge zu sein - mehr bei den Tieren weiter unten in der Nahrunskette beobachten, die viele Feinde haben und sie notfalls mit riesigen Augen zu beeindrucken versuchen. Das Auge lässt das Tier seltsam und unberechenbar wirken und bietet eine Angriffsfläche, die von den wirklich verletzlichen Teilen des Körpers ablenken soll. Klappt nicht immer - ist morphologisch gesehen aber sozusagen gratis und kann immer eingesetzt werden, wenn alle Stricke reißen. Das klassische Beispiel bieten zahlreiche Schmetterlinge wie das Pfauenauge, aber durchaus auch räuberische Insekten, wie z.B. diverse Gottesanbeterinnen.

Aber, muss man hier einwenden - der Schwertwal hat doch überhaupt keine natürlichen Feinde! So wirklich gar keine!


Nicht mehr, bemerken da manche. Es könnte sein, dass der so genannte Bewohner des Totenreiches diese schützende Anpassung von seinen deutlich kleineren, verwundbareren Urahnen ererbt hat, die sich die Gewässer wiederum mit erheblich größeren Räubern zu teilen hatten. Aber das ist eben nur eine Möglichkeit von vielen. Fraglich ist jedenfalls, warum sich ein so spezifisches Merkmal so lange erhalten sollte, wenn es keinen Nutzen mehr besitzt - Farbe ändert sich im Tierreich nunmal sehr rasch, wenn die Umstände es erfordern. Sie basiert auf extrem wenigen genetischen Faktoren, beeinflusst die innere Anatomie und Arbeitsweise eines Lebewesens praktisch überhaupt nicht und ist insofern genauso kosmetisch und wandelbar, wie die Kleider, in die wir Menschen uns hüllen.

Eine zweite These geht deshalb davon aus, dass dieser Fleck eher soziale Bedeutung hat - gleichgültig, ob dem immer so gewesen ist. So ähnlich, wie wir Menschen einander über Gesichtsmerkmale erkennen, könnte es auch beim Schwertwal sein - wir reden immerhin von einem der sozialsten und klügsten Lebewesen, die es gibt. Die Seite des Gesichts bietet sich zur Außenwirkung auf die anderen Gruppenmitglieder besonders an, weil sie gerade nicht die Tarnung des Tieres stört. Bauchseite weiß, Rückenseite schwarz - so oder zumindest so ähnlich lauten die ehernen Gesetze des Tarnens und Täuschens im Meer, wenn man ein hungriges Großraubtier ist. Mit dem Gesicht jedoch kommt man nur dann auf Tuchfühlung, wenn man nebeneinander her schwimmt - oder aber, wenn es bereits zu spät ist, um zu entkommen.

Genau dies eröffnet aber eine dritte Möglichkeit, zu der ich bisher nichts lesen konnte - weder pro noch contra. Ich finde sie aber selbst einleuchtend. Der Schwertwal könnte seiner Beute mit dem Fleck zu Leibe rücken, nachdem er sich angepirscht hat, um sie einzuschüchtern. Ein Merkmal, das Räuber einschüchtert, kann dasselbe mit Beute tun, und wenn die Beute so wuchtig und wehrhaft ist wie ein weißer Hai oder gar ein heranwachsender Pottwal, könnte dies durchaus den ausschlaggebenden Unterschied machen. Menschen bemalen sich seit Jahrtausenden das Gesicht in martialischen Farben, bevor sie in den Krieg ziehen. Sie versuchen dadurch unnatürlicher, gespenstischer zu erscheinen. Für mich ist der Schwertwal einigermaßen niedlich, seitdem ich weiß, wo seine echten Augen sitzen. Sie sind so klein und so weit vorne, dass die gesamte Maulpartie dadurch recht klein erscheint; eine Tendenz, die auch beim verniedlichenden Abbilden von Menschen existiert. Nimmt man stattdessen an, bei den riesigen weißen Flecken handelte es sich tatsächlich um die Augen des Tieres, dann finde zumindest ich dies deutlich bedrohlicher. Nicht nur macht es die Augen selbst gespenstischer, sondern es lässt auch unwillkürlich auf einen größeren Schädel und einen schrecklicheren Biss schließen. Genau solche Eindrücke würde ich einer ganzen Reihe von möglichen Beutetieren zutrauen. Furcht ist ein Impuls, der Tiere dazu veranlasst, zu fliehen - und sich eben nicht zu wehren. Die blitzschnellen Schwertwale hätten so leichtes Spiel.

Bloß, dass es dummerweise beim Gefühl bleiben muss. Erwiesen ist nämlich - überhaupt nichts. Umso mehr bin ich gespannt, ob ihr möglicherweise eine eigene Theorie zum Rätsel der Flecken besitzt oder ob ihr diesen drei Erklärungsversuchen etwas abgewinnen könnt!



Bis bald! euer Schreibotter




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