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Geburtstag im Schwefel

Aktualisiert: 22. Nov 2019



Matt verbrachte seinen 60. Geburtstag in der Grube bei seinen langjährigen Freunden, mit denen er immer so großartig arbeitete, es gab einen riesengroßen Topf mit dampfendem Gulasch für alle und ein rauschendes Fest.

Ende



Na schön, ich gebe zu – das ist nur die halbe Geschichte.



Es war ein sehr kalter Morgen, an dem er aus dem Bett stieg. Es ließ sich nicht behaupten, dass er große Erwartungen gehabt hätte, aber seine Familie schien das Datum seines 60. Geburtstages schlicht übersehen zu haben. Bald saß er auf dem Fahrrad im schneidenden Herbstwind, schnöde losgeschickt, frische Milch zu besorgen.

Der 60. also.

Sollte ihm nur recht sein, ihn hier draußen zu verbringen. Die dummen Sprüche, das einfallslose und schrecklich unbefriedigende Herumlungern bei irgendeinem faden Kuchen bildete eine Festivität, die ihm gestohlen bleiben konnte. Bald jedoch hatte er den Dorfladen erreicht und spürte, dass er sich nicht überwinden konnte, abzusteigen. Die Landstraße war unbefahren, still und einsam lag sie da und führte nur immer weiter hinaus. Der 60. also. Hatte er schon bis hierhin kein einziges Abenteuer erlebt, keine einzige Regel gebrochen, nein, nie war er von der so sicheren Straße seiner Pflichten abgekommen – heute würde sich das ändern. Ja, wie er so in die Pedale trat, gab es keine Richtung mehr, keine Bestimmungen, nur noch die Straße, sein Fahrrad und ihn. Und den Raureif, der sich an seinen alten Stiefeln bildete.

Bei all dem gab es nur ein klitzekleines Problem:

Er musste auf die Toilette.

Bestialisch schlug ihm die Schwefelgrube entgegen, bevor er sie auch nur sehen konnte. Grässlich, sich auszumalen, er müsse seine Freiheit dagegen tauschen, den ganzen Tag hier herumzusitzen und irgendwelche halbverrosteten Fördermaschinen zu bedienen, aber das war es nicht, weswegen er abstieg und sein Fahrrad gegen die schmutzige Mauer lehnte. Ganz sicher würde man ihn hier nicht abweisen. Nachdem er im Büro, im frisch eingerichteten Museumsbereich und spaßeshalber noch bei den Garagisten abgewiesen worden war, stand er schließlich über dem Grubengelände selbst, mit nichts bei sich außer einem Stapel dieser übelriechenden, angeblich durch eigene Resteverwertung hergestellten Prospekte, die im Museum herumgelegen hatten. Niemand schien sie zu vermissen, doch sie bildeten den Schlüssel seines Plans.

Der Personalbereich lag geschützt unter ihm, neben regelrechten Bergen aus qualmendem, leise vor sich hin glimmendem Schutt, in den schräg mehrere mächtige Fördersäulen eintauchten; diese aber schienen gerade außer Betrieb zu sein. Er wusste ganz genau, wie er es angehen und die Toilette der Grube erobern würde. Er war noch nicht sehr lange an der mittleren Fördersäule hinabgeklettert, als auch schon die lästigen Sirenen einsetzten. »Rühren Sie sich nicht von der Stelle!«, wies ihn eine dröhnende Stimme durch die Lautsprecher an. Pah! Hatten die denn keinen Schimmer, dass er Geburtstag hatte? Seinem geltenden Recht, diese Toilette zu benutzen, musste entsprochen werden, sollten sie näseln, bis sie so schwarz wurden wie die gähnende, fast gänzlich unerleuchtete Grube selbst. Die Lampen, die reihenweise am schwarzen Stein angebracht waren, schienen beinahe alle ausgefallen zu sein.

Breitbeinig, wie auf einem Pferd, kletterte er weiter in die Grube hinab. Schon hatte er so die halbe Strecke überwunden. Das Feuer unter ihm war größer, als es erst ausgesehen hatte, wie er zugeben musste.

Aber das war umso besser!

Plötzlich begann die Säule sich unter ihm zu drehen.

»Matt, bist du irre?«, kreischte jemand, aber im Surren der monströsen Stange ging bald alles andere unter. Jetzt kam er nicht mehr voran, er musste sich seitwärts schieben wie eine Krabbe, um nicht in den lodernden Schlund zu stürzen.

Er hatte nicht mit solcher Entschlossenheit gerechnet, ihn abzuwehren, aber jetzt war die Stunde seines Trumpfes gekommen. Gewinnend streckte er die vor übelriechenden Chemikalien triefenden Prospekte hoch. »Sofort anhalten, oder ich lasse sie fallen«, rief er aus, und seine Augen verengten sich zu Schlitzen. »Dann geht hier alles in Flammen auf!«

Der verantwortliche Grubenmitarbeiter, der Matt zu heißen schien, dachte aber nicht einmal daran, sein bösartiges Gestänge wieder abzustellen, und so entglitt ihm in seinem verwegenen Manöver das erste Blatt. Mit Schrecken sah er diesem nach, wie es inmitten der Glut und der Flammen landete, aber nichts geschah.

Er keuchte:

Seine Geheimwaffe taugte nichts!

»Glaubt ja nicht, dass ihr mich geschlagen habt«, drohte er und schleuderte noch im selben Moment den Rest seiner Munition hinab, alles auf einmal, ungestreut, erbarmungslos – aber alles, was sein waghalsiges Manöver nach sich zu ziehen schien, war ein freundliches, zahmes, maßvolles Leuchten, als sie gemächlich brannten. »Endlich kann man hier mal was erkennen«, ärgerte sich die Stimme aus dem Lautsprecher, die peinlich berührt schien, und augenblicklich kam der eiserne Koloss unter ihm wieder zum Stehen. Nachdem der unerschrockene Eroberer sicher den Boden erreicht hatte und die betretenen Grubenarbeiter ihn empfangen hatten, stellte er fest, dass die Personaltoilette nicht sehr einladend und sein Bedürfnis verschwunden war. Matt, der, wie es sich herausstellte, heute ebenfalls seinen 60. Geburtstag feierte, war er um dessen Missgeschick nicht böse, schließlich konnte sich jeder mal im Schalter irren, wenn das Licht ausgefallen war. Matt seinerseits schien keine große Lust zu haben, auf der Sache herumzureiten. Es gab einen riesengroßen Topf mit dampfenden Gulasch für alle und ein rauschendes Fest.

Ende




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