Das Fotoalbum




Ich betrat den Dachboden eigentlich nur, weil ich nach einem Besen gesucht hatte. Es hatte geheißen, er würde hier, inmitten des Sammelsuriums meiner Großeltern, säuberlich stehen; aufgereiht zwischen dem beschädigten Spiegel, der ein uraltes Familienerbe sein sollte, und dem Schrank mit den Büchern. Tatsächlich war der Besen rasch gefunden, und hätte es geeilt, ich hätte mich nicht nochmals umgewandt. Aber die abendliche Sonne stach aus den schmalen Fenstern hervor und ließ den Staub erstrahlen, wie er über die Bücherrücken tanzte, schöner, als ich es je gesehen hatte. Plötzlich spürte ich eine ungemeine Lust, näher zu treten. Es war ein hoher, kunstreich verzierter alter Schrank. Ich machte einen zögerlichen Schritt näher.

Die alten Dielen knarrten.

Mein Auge suchte nach nichts Bestimmtem. Es war eher die Faszination darüber, wie fremd mir die wenigen Titel waren, die ich entziffern konnte; wie sonderbar die Einbände, stets in blassen, ernsten Farben gehalten. Ich erkannte nur ein einziges Buch: Däumelinchen und andere Märchen. Erst, als ich selber lesen lernte, hatte sich für mich die furchtbar drückende Frage beantwortet, ob sie je die kranke Schwalbe durchbekommen hatte, die auf dem Bild, das ich als Kind immer endlos betrachtet hatte. So süß schmeckte diese Erinnerung, der ich gegenüberstand, dass ich nicht anders konnte, als mit der Hand darüber zu streichen und den Staub säuberlich zu lichten. Doch war es ein anderes Buch, das mich nun in seinen Bann zog. Nicht minder groß als das Märchenbuch, schien es unbetitelt zu sein. Sonderbar.

Ich nahm es hervor. Schwer und samtschwarz, schien es lange geruht zu haben. Unsicher, was mich erwarten würde, ließ ich mich auf einem alten Beistelltisch nieder und ließ die beiden Buchdeckel unter mir auseinandertreten. Ich spürte, wie mein Herzschlag sich beschleunigte. Ein Fotoalbum! Ich hatte ein Portal in längst verstrichene Jahre durchschritten. Lebendig und ausdrucksstark wie am ersten Tag lagen die Bilder unter mir.

Ich blätterte und blätterte. Fremde Städte, Straßen. Lächelnde Gesichter von Menschen, die ich nie treffen würde, in Leben, die ich mir nur schwer auszumalen wusste. Hatte ihnen all das, was ich heute besaß und als selbstverständlich, ja unverzichtbar erachtete, wirklich gefehlt? Hatten sie ihre Leben ähnlich durchschritten, wie ich, mit ähnlichen Träumen und heimlichen Ängsten – oder hatten sie eine ganz andere Erde unter ihren Füßen gespürt und einen anderen Himmel über sich gesehen? Beschämt musste ich mir eingestehen, wie wenig ich auch nur über die Geschichte meiner eigenen Familie wusste.

Mein Blick blieb an einem Bild hängen. Es war anders als die anderen darin, dass es von ges-tern hätte sein können, wenn es nicht so überblendet gewesen wäre. Seltsam, wie schlicht es sich gab – da war nur ein niedriger Baum, dessen Krone sich müde unter einem wolken-schweren Himmel senkte. Ein zerbrochener Zaun verlief hinter der Szenerie. Je länger ich das Bild betrachtete, umso sonderbarer schien es. Ein großer Hut lag neben dem Stamm, und daneben ein Korb mit Früchten. Und darüber …

Ein Kreuz war in den Stamm geritzt, fast zu zierlich, um es in der Rinde zu erkennen, wenn man nicht genau hinsah. Ich entdeckte ein weiteres, kleineres darunter. Und da, noch eines, diesmal rechts! Schließlich hatte ich sieben Kreuze ausgemacht. Himmel, was bedeutete das? Ich saß lange da, als es neben mir knarrte. Erschrocken schaute ich herüber, wo mich das Lächeln meines Großvaters erwartete. Langsam erklomm er die Treppe und stand kurz darauf neben mir. Er schwieg, als er das Foto in meinem Schoß liegen sah. „Ah“, sagte er schließlich.

„Bilde ich es mir nur ein, oder sind da …“

„Die Kreuze? Nein, die sind echt.“ Er ließ sich geruhsam nieder. „Es ist eine sehr traurige Geschichte und doch auch ein bisschen ermutigend, wenn man es recht bedenkt. Eine kurze Geschichte, aber eine, die du dein Leben lang nicht vergessen wirst. Bist du bereit, sie zu hören?“ Ich nickte unwillkürlich.

„Nun, dein Urgroßvater Paul pflückte als junger Mann von diesem Baum die reifen Äpfel, als die Leiter unter ihm einbrach. Er schrie, hatte er sich doch sein Bein gebrochen. Ein halbes Jahr konnte er nicht arbeiten, nicht rennen, gar nichts verrichten.“ „Der arme Paul!“, stieß ich aus. Ich wusste nichts über diesen Menschen, und doch konnte ich ihn sehen, wie er von der Leiter stürzte … „Bedaure ihn nicht zu früh.“ Plötzlich nahm mein Großvater mich bei der Schulter und ließ mich nicht mehr los. „Denn das waren noch andere Zeiten. Es war dasselbe Jahr, in dem man alle erwachsenen Männer einzog, die man entbehren konnte, um sie in die Schützengräben zu schicken. Paul besaß da noch sieben Brüder. Nun … nicht einer von den sieben Brüdern kehrte jemals heim, nicht einer. Paul wurde gesund, heiratete und gründete eine Familie. Ich habe nie ganz begriffen, wie sich dieses Schicksal angefühlt haben muss. Ich kann mir die Trauer nicht besser vorstellen als du. Ich denke aber nicht, dass er ein gebrochener Mann war. Immer, wenn er mich hochhielt und ansah, leuchtete es in seinen Augen, weißt du, was ich meine? Paul wusste ja, dass der Herrgott ihn mit einem unverschämten Glück gesegnet hat, unverdient und bedingungslos. Es ist dasselbe Glück, aus dem heraus wir beide nun hier sitzen und uns unterhalten.“ Er lächelte.

Ich runzelte die Stirn, unsicher, was ich dazu sagen sollte.

Jemand rief uns essen.

Ich nickte nur und schob das Buch ehrfürchtig zurück in den Schrank. Seit damals haben wir nie wieder über Paul oder sein Schicksal gesprochen. Es war nicht nötig, um zu verstehen, dass die Erde, über die ich heute wandle, in der Tat eine gänzlich andere ist. Sie mag sehr ähnlich aussehen, wie damals, aber ich muss nicht fürchten, von ihr überraschend verschlun-gen zu werden.





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