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Der Baum

Aktualisiert: 22. Nov 2019


Ich betrat den Dachboden eigentlich nur, weil ich nach einem Besen gesucht hatte. Es hatte geheißen, er würde hier, inmitten des Sammelsuriums meiner Großeltern, säuberlich stehen; aufgereiht zwischen dem beschädigten Spiegel, der ein uraltes Familienerbe sein sollte, und dem Schrank mit den Büchern, von denen ich die meisten gar nicht zu entziffern vermochte. Tatsächlich war der Besen rasch gefunden, und hätte es geeilt, ich hätte mich nicht nochmals umgewandt.

Aber die spätsommerliche Sonne stach aus den schmalen Fenstern hervor und ließ den Staub erstrahlen, wie er über die Bücherrücken tanzte, schöner, als ich es je gesehen hatte. Plötzlich spürte ich eine ungemeine Lust, näher zu treten. Es war ein hoher, kunstreich verzierter alter Schrank aus dunklem Eibenholz. Fast schon goldbraun wie die köstlichen Apfelsinenkuchen, die meine Großmutter uns bei nahezu jeder nur erdenklichen Gelegenheit mitbrachte und die ich auch heute noch sehr deutlich von unserem ausgelassenen Frühstück in der Nase hatte. Ich machte einen zögerlichen Schritt näher.

Die alten Dielen knarrten.

Mein neugieriges Auge suchte nach nichts Bestimmtem. Es war eher die Faszination darüber, wie fremd mir die wenigen Titel waren, die ich entziffern konnte; wie sonderbar die Einbände, stets in blassen, ernsten Farben gehalten. Ich wunderte mich, ob sie einst dieselben Farben besessen oder nicht vielmehr gestrahlt und geleuchtet hatten wie die Geschichten, welche sie erzählten.

Ich erkannte nur ein einziges Buch: Däumelinchen und andere Märchen. Mir rann eine Träne herab. Erst, als ich selber lesen lernte, hatte sich für mich die furchtbar drückende Frage beantwortet, ob sie je die kranke Schwalbe durchbekommen hatte. So süß, so unschuldig schmeckte diese Erinnerung, der ich hier gänzlich unerwartet gegenüberstand, dass ich nicht anders konnte, als mit der Hand darüber zu streichen und den Staub der Jahrzehnte säuberlich zu lichten. Doch war es ein anderes Buch, das mich nun in seinen Bann zog. Nicht minder groß und dünn als das Märchenbuch, schien es unbetitelt zu sein.

Sonderbar.

Ich nahm es hervor und prüfte, wie es sich anfühlte. Schwer und samtschwarz, schien es nur auf mich gewartet zu haben. Unsicher, was mich erwarten würde, ließ ich mich auf einem alten Beistelltisch nieder und ließ die beiden Buchdeckel unter mir wie von selber auseinandertreten. Ich spürte, wie mein Herzschlag sich beschleunigte. Es war ein Fotoalbum! Ich hatte ein Portal in längst verstrichene Jahre durchschritten. Lebendig und ausdrucksstark wie am ersten Tag lagen die Bilder unter mir.

Ich blätterte und blätterte. Fremde Städte, Straßen. Lächelnde Gesichter von Menschen, die ich nie treffen würde, in Leben, die ich mir nur schwer auszumalen wusste. Hatte ihnen all das, was ich heute besaß und als selbstverständlich, ja unverzichtbar erachtete, wirklich gefehlt? Hatten sie ihre Leben ähnlich durchschritten, wie ich, mit ähnlichen Träumen und heimlichen Ängsten – oder hatten sie eine ganz andere Erde unter ihren Füßen gespürt und einen anderen Himmel über sich gesehen? Beschämt musste ich mir eingestehen, wie wenig ich auch nur über die Geschichte meiner eigenen Familie wusste.

Mein Blick blieb an einem Bild hängen, das mich erstaunte. Es war anders als die anderen darin, dass es von gestern hätte sein können, wenn es nicht so überblendet und verwaschen gewesen wäre. Es war seltsam schlicht – nichts daran schien dazu einzuladen, ein Foto zu schießen. Ein niedriger Baum, dessen breite Krone sich unter einem wolkenschweren Himmel ausbreitete, als wäre sie müde – umgeben von einer verwilderten Heide. Ein zerbrochener Zaun verlief hinter der Szenerie.

Je länger ich das Bild betrachtete, umso sonderbarer schien es. Ein großer Hut lag neben dem Stamm, und daneben ein Korb mit Früchten. Und daneben…

Nein, das war doch kein…

Ein Kreuz war in den Stamm geritzt, sehr groß und doch zu zierlich, um es in der moosigen Rinde zu erkennen, wenn man nicht sehr genau hinsah. Ich entdeckte ein weiteres, kleineres links darunter. Und da, noch eines, diesmal rechts! Schließlich hatte ich nicht minder als sieben Kreuze ausgemacht.

Himmel, was bedeutete dieses schaurige Bild?

Ich saß lange da, schwer atmend und schon nicht mehr sicher, ob ich es wissen wollte, als es neben mir knarrte. Ein bisschen erschrocken schaute ich herüber, wo mich das warme Lächeln meines Großvaters erwartete. Langsam, aber stetig und ohne echte Probleme erklomm er die Treppe und stand kurz darauf neben mir. Er schwieg, als er das unheimliche Foto in meinem Schoß liegen sah.

„Ah“, sagte er schließlich.

„Dietmar“, begann ich gebrochen und räusperte mich. „Ich verstehe nicht, was dieses Bild hier bedeutet. Bilde ich es mir nur ein, oder…“

„Die Kreuze? Nein, die sind echt.“ Er ließ sich geruhsam neben mir nieder. „Es ist eine sehr, sehr traurige Geschichte und doch auch ein bisschen ermutigend, wenn man es recht bedenkt. Eine kurze Geschichte überdies, aber eine, die du dein Leben lang nicht mehr vergessen wirst. Bist du bereit, sie zu hören?“ Er hörte sich an, als wären wir im Begriff, einen besonders edlen, alten Rebensaft miteinander zu teilen, den er viele Jahre hier gelagert hatte. Ich war mir nicht ganz sicher und brachte doch nichts anderes heraus.

„Natürlich!“

„Nun, dein Urgroßvater Fritz“, begann er und schaute dabei nachdenklich zum Fenster hinaus, der blitzenden Sonne hinterher, „pflückte als junger Mann von diesem kümmerlichen Baum die reifen Äpfel, als die Leiter unter ihm einbrach. Er schrie jämmerlich, hatte er sich doch sein Bein gebrochen. Ein halbes Jahr konnte er nicht arbeiten, nicht rennen, gar nichts verrichten.“

„Der arme Fritz“, stieß ich aus. Ich wusste nichts über diesen Menschen, außer, dass er gelebt hatte, und doch konnte ich ihn sehr deutlich sehen, unter mir in diesem uralten Bild, wie er von der Leiter stürzte…

„Bedaure ihn nicht zu früh.“ Plötzlich nahm mein Großvater mich bei der Schulter und ließ mich nicht mehr aus seiner wärmenden Berührung. „Es war dasselbe Jahr, in dem der Kaiser alle erwachsenen Männer einzog, die das Reich ihm entbehren oder auch nicht entbehren konnte. Fritz besaß nicht weniger als sieben Brüder, die alle älter, stärker, schneller und besonnener waren, als er selbst. Nun…“

Ich keuchte.

„Nicht einer von diesen sieben Brüdern kehrte jemals heim“, murmelte er leise. „Nicht einer. Fritz wurde wieder gesund, heiratete und gründete eine Familie. Ich habe nie ganz begriffen, wie sich dieses Schicksal angefühlt haben muss. Ich kann mir die Trauer, sieben Brüder zu verlieren, nicht besser vorstellen als du. Ich denke aber nicht, dass er ein gebrochener Mann war. Immer, wenn er mich hochhielt, konnte ich dieses Leuchten in seinen Augen sehen, weißt du, was ich meine? Fritz wusste, dass der Herrgott ihn mit unverschämtem Glück gesegnet hat, unverdient und bedingungslos. Es ist dasselbe Glück, aus dem heraus wir beide nun hier sitzen und uns unterhalten.“ Er lächelte.

Ich runzelte die Stirn, unsicher, was ich dazu sagen sollte.

Jemand rief uns.

Ich nickte nur stumm und schob das Buch ehrfürchtig zurück in den Schrank. Seit damals haben wir nie wieder über Fritz und sein Schicksal gesprochen. Es war nicht nötig, um zu verstehen, dass die Erde, über die ich heute wandle, in der Tat eine gänzlich andere ist. Sie mag sehr ähnlich aussehen, wie damals, aber ich muss nicht fürchten, von ihr überraschend verschlungen zu werden.

Der Braten, den wir später an diesem Tag gemeinsam aßen, schmeckte, wie mir nie irgendetwas geschmeckt hatte.

Sonderbar.

Bis bald! euer Schreibotter





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