Der Brief





Kommissar Taubert war froh, sich ein dickes Paket gesalzener Laugenbrezeln mitgenommen zu haben, denn es war schier unerträglich langweilig. Er saß allein im Sonnenuntergang auf der Parkbank und wartete. Und wartete.... Und wartete. Eine unbekannte Person hatte ihm einen kleinen Brief hinterlassen und ihn abends im Park sprechen wollen, aber es war niemand zu sehen. Niemand außer den Ratten, die gierig um seine Füße huschten, immer auf einen Krumen bedacht. Man fütterte sie eindeutig zu großzügig, aber er selbst wollte auch niemanden für eine solche Lappalie festnehmen, das wäre gemein gewesen. Hm. Gemeine Sachen taten am liebsten die Gesetzesbrecher. Es würde doch nicht etwa eine Falle sein? Seine Federn sträubten sich in Sorge. Wenn sie darin bestand, ihn einfach nur auf die Folter zu spannen, bis er durchdrehte, dann war sie ungemein effektiv. Bedenklich, wie gut ihn die bösen Buben kennen mussten, ihn so mutterseelenallein auf eine einsame Parkbank zu verdammen! Er liebte es doch so sehr, andere zuzuquasseln, insbesondere mit dramatischen Reden, die er aus der frühstücklichen Radioshow abkupfer... Elsa? Sie war es wirklich! Er schüttelte sich, spreizte seine Federn, legte sie wieder glatt an, rutschte auf der Bank nach rechts, dann nach links. Himmel, war es doch schwierig, ihr genau so viel Platz zu machen, dass sie bequem sitzen konnte, aber auch nicht mehr, als unbedingt nötig, angemessen eben. Noch immer rätselte er darüber, als die elegante Elster sich auch schon keck zu ihm gesellt hatte. Sie schien sehr genau zu wissen, wie viel Platz sie brauchte, und schob ihn bestimmt mit ihrer Flügelspitze zur Seite. Taubert erschauerte bei der kurzen Berührung. Fast wären ihm die Brezeln zu Boden gestürzt. Peinlich, schon der Gedanke! "Hey", machte sie, und er überhörte nicht, wie aufgeregt sie klang. "Gurr... äh... hallo, Elsa! Sehr unerwartet, ausgerechnet dich hier zu... ich will damit aber gar nicht sagen, dass..." "Ist schon okay. Ich weiß." Sie lachte. "Tut mir leid, dass ich so spät bin, es kam was dazwischen." "Natürlich, natürlich. Dinge pflegen immer dazwischen zu... äh, ich, ich meine das jetzt nicht auf dich bezogen, sondern..." Sie schien geduldig zu warten und strich ihn schon wieder. Sie war hier. Sie war es wirklich! "Ich möchte dir was sagen", begann sie schließlich. "Ach, tatsächlich...?" "Klar, aber ich weiß nicht genau, wie... es ist so, dass..." Taubert spürte sein kleines Taubenhirn rotieren und seinen großen Taubenmagen einen siebenfachen Salto hinlegen. Er war doch sonst so fluent im Gespräch! Wieso brachte er keinen Ton mehr heraus? In Trance spähte er neben sich. Sie war so wunderschön. Ihr Schnabel, so viel eleganter, so viel entschlossener und stärker als sein eigener. Ihre Farben, die leuchteten. Ihre schnellen, geschmeidigen Bewegungen ließen ihm schwindlig werden. Nein, so hatte er das noch nie empfunden. Sie war doch seine Assistentin! Er konnte doch nicht einfach... "Entschuldige. Ich... ich hätte dich nicht so überrumpeln sollen", begann sie. "Sicher hast auch du heute noch viele Pläne gehabt. Nein, ich sollte dir nicht deine Zeit stehlen. Ich möchte einfach nur sagen, dass... ich meine, ich fühle... empfindest du nicht irgendwie, dass..." Elsa begann zu stottern. Schließlich wandte sie sich ab, sichtlich verlegen. Träumte er auch wirklich nicht? Es war alles so vollkommen an diesem Moment. Er wollte nun wirklich irgendetwas Romantisches herausbringen, aber es gelang ihm nicht. Seine Stimme war wie zugeklemmt. Schließlich brachte er eine - viel zu schiefe, viel zu hastige - Erwiderung heraus. "Elsa, ich verstehe schon." Er berührte sie nun selbst andächtig mit der Flügelspitze - er strich ihr ganz behutsam über den Rücken, und sie ließ es zu. Ihr Götter! Sie räusperte sich. "Ich dachte mir schon, dass ich mich nicht trauen würde, es dir so zu sagen. Ich... ich habe noch einen Brief bei mir. Schau nur." Sie zückte ein makelloses, blütenweißes Papier aus ihren Federn hervor, das die untergehende Sonne in satte Strahlen tauchte. Sie zitterte ein bisschen, er sah es genau. Es rutschte ihr herab. "Herrje!", stieß sie aus. "Ich habe das nicht beabsichtigt. Ich... das ist jetzt aber wirklich..." "Elsa", er streichelte sie schon wieder wärmend, "ich verstehe schon." Sie lächelte. "Ich glaube, ich muss wieder los. Geschäfte und alles!" Sie verabschiedete sich hastig und eilte davon, wie er es noch nie erlebt hatte. Taubert seufzte dankbar. Endlich meinte es das Leben gut mit ihm. Endlich... wie würden sie sich wohl nennen, wenn sie erst ein Paar sein würden? Taulster? Elbert? Beides herzlich alberne Namen. Er musste lachen, als er den Brief hochnahm. So leicht lag er im Flügel. Er roch daran. Betörend! Ja, das war sie. Er öffnete ihn und las die makellose Krallenschrift.

"Danke. Danke erst einmal, dass du mich im Kommissariat behalten hast - so, wie ich mich benommen habe. Es tut mir wirklich leid. Ich weiß, dass du es nicht böse meintest und du hast ehrlich nichts weniger von mir verdient, als einen Fußtritt ins Gesicht. Ist mir unendlich peinlich, bitte glaub mir das. Ich muss dir endlich sagen, was ich für dich empfinde. Du bist eine wunderbare Person, das muss einfach mal raus. Ich habe nur noch eines für dich übrig, aber davon ganz viel. Es lautet..."

Der Brief schien beendet. Japsend wendete er ihn:



"R.E.S.P.E.K.T"

Bis bald! euer Schreibotter




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