Der Grünschnabel





1. Berthold



Berthold ärgerte sich grün und blau. Sein Mittagsmahl hatte er ausfallen lassen, um die Probe doch noch zu ermöglichen, obschon die Tuba und der Flügel sich gar katastrophal verspätet hatten. Hatten einen Streit mit dem Kutscher gehabt, aha. Hatten ihre Noten natürlich unterwegs verloren. Berthold indessen hatte mit der Partitur gehadert und ohne allen Scherz erwogen, diese jämmerlichen Gestalten einfach aus seinem Stücke zu streichen. Aber es war nichts ohne den Flügel. Der große Tag würde schon morgen anbrechen, und hätten die Streicher nicht einen solchen Katzenjammer veranstaltet, gewiss, dann wäre es rechtens gewesen und er hätte ein Auge zudrücken können, aber so, nein, so ging das hier nicht weiter. Noch immer war sein Publikum gar sehr bescheiden, noch immer hatte er sich seinen Ruf als Komponisten von Rang und Namen zu verdienen, es musste alles ohne Fehl vonstatten gehen. „Herein“, ließ er es vernehmen und nahm sich geistesabwesend eine hässliche alte Birne, ohne hinzuschauen. Das Büro war nicht der ideale Platz, um seinen Hunger zu stillen, doch was halfs? Seine Sorgen würde ihm der nagende Hunger schwerlich austreiben. Erinnerte ihn zu sehr an ein gewisses Tuch, an dem er nicht zu nagen gedachte. „Herein, ihr Schlawiner!“, polterte der alte Mann nochmals, dass die staubigen Regale mit den Tintenfässchen wackelten. Endlich schien sich jemand an der Türe zugange zu machen, schob sie fast schüchtern beiseite und ein trat der miserable Grünschnabel, den er beordert hatte, seinen erlesenen Flügel zu spielen. „Setzen“, fauchte Berthold und biss bewusst unfein ins wahrlich karge Mahl. Er ließ sich Zeit und beließ es beim eisigen Schweigen, schließlich musste die Misere unterstrichen werden. „So, der Tubaspieler weiß also bereits, dass er suspendiert ist, und hat sich gar nicht erst blicken lassen. Na, immerhin lernt er geschwind.“ Der junge Mann war sichtlich rot vor Schame. Seine Manschetten waren mit irgendeinem schwarzen Plunder beschmutzt, nicht einmal seine Perücke saß gerade. Wahrlich, eine jämmerliche Figur. „Meister, ich kann dies auseinandersetzen, ich...“ „Du kannst gar nichts!“, ereiferte sich Berthold in unverhohlenem Zorne und schlug auf seinen alten Tisch ein, indem er mit der anderen Hand eine kreisende Bewegung beschrieb, wie um dem erbärmlichen Lump eins überzubraten. „Ich habe dich engagiert, weil diese Stadt an guten Pianisten wahrlich nicht gesegnet ist. Ich hätte gleich ahnen müssen, dass ihr von dieser Möchtegernakademie nichts als Scherereien bereiten würdet! Habt ihr denn gar keinen Benimm?“ „Fürwahr, es ist unglückselig, dass…“, setzte der Grünschnabel behutsam an. „Habe ich dir gestattet, zu reden?“ Berthold biss wütend ein großes Stück aus der alten Frucht und spuckte es gleich wieder aus, so absonderlich stieß es ihm auf. „Ich habe dir nichts mehr zu sagen! Sei mir morgen keine Schande, und jetzt scher dich. Noch so eine Blamage geziemt sich nicht, ist das begriffen?“ Er wies überdeutlich zur Türe. Schon wich die Blässe des Burschen und er atmete aus, wie als wäre ihm ein Stein vom Herzen gerollt. Berthold konnte nicht anders, als über dieses Bild zu schäumen. Meinte er, ihm sei alles verziehen? Meinte er, das Leben sei ein Wunschkonzert? Warum saß er noch hier und verschwendete seine kostbare Zeit? „Raus!!!“, tobte er und schleuderte dem Hanswurst die Frucht an die Backe, aus der es schon faulig roch. Wie vom Blitze getroffen, fuhr dieser nun aus dem Stuhle und eilte geduckt von dannen. Berthold atmete gründlich durch, dann vergrub er die Stirn in der Hand. Es war nicht zu glauben. „Die Jugend von heute!“, stöhnte er.





2. Ganz und gar nicht Berthold



Er saß in der schummrigen Kammer, schwieg und machte sich keine Begriffe, was nun aus ihm werden sollte. Er hatte sein Schicksal nicht mehr in der Hand, und während die Minuten verstrichen, wusste er, dass es geduldig abzuwarten hieß - so gerne er andernorten gewesen wäre. „Herein“, hörte er es plötzlich gedämpft, und mit einem Male wurde ihm gehörig anders. Erst war er gar nicht imstande, seines Schwindels Herr zu werden, und weniger noch vermochte er sich von dieser unseligen Stelle zu rühren. „Herein, ihr Schlawiner!“ Endlich setzte er sich in Gang, wenn auch nur langsam und zögerlich, wie es ja allein seine Natur war, die er nicht leugnen konnte und die ihm schon viele unbequeme Situationen beschert hatte. So unzweifelhaft auch diesmal. Er betrat den Nebenraum wahrlich keine Sekunde zu früh, denn schon schredderten unbarmherzige Riesenzähne das eben noch so friedliche Zimmer hinter ihm in tausend Stücke wie in seinen schaurigsten Träumen. Ein Bild, das ihm geradewegs das Blut gefrieren ließ.

Raus hier! Kammer um Kammer barst hinter ihm auseinander, alles drehte sich und ein unsägliches Krachen und Schmatzen überdeckte alle anderen Geräusche. Er wusste nicht, wie ihm geschah – nur, dass ihm furchtbar Angst und Bange war, während das Riesenungeheuer sich sein Haus zu verschlingen anchickte. So kroch er um sein armseliges, unschuldiges Leben, bis er spürte, wie ihn seine letzten Kräfte verließen und er nichts anderes mehr zustande brachte, als sich ganz, ganz klein zu machen. Es musste eine Fügung des Schicksals sein, dass es just in diesem Moment wieder still um ihn ward. Zwar schien sich noch immer alles besorgniserregend zu drehen, aber nicht mehr ganz so rasch, und das Fleisch der Frucht barst nicht mehr um ihn. Hatte die namenlose, unheilige Monstrosität etwa die Muße verloren, sein bescheidenes Heim zu ruinieren? Hatte sie sich womöglich schon gesättigt?

Sein klitzekleiner Puls beruhigte sich, bis er wieder imstande war, sich geruhsam umzuschauen. Leider war es ausgerechnet der älteste, heruntergekommenste Teil seiner Birne, der verschont geblieben war. Braun waren die Fassaden, trüb rann der Saft der Fäulnis an ihnen herunter. Es war nicht so, dass er sich aus dem Geruch gar viel machte, aber leben ließ es sich hier schwerlich. Eine neue Birne musste her. Geschwind… Ganz unerwartet schlug es wieder zu. Das Haus des bitter drangsalierten Regenwurmes drohte ihm nun doch noch zum Grabe zu werden, als die riesigen Zähne seine Bleibe auslöschten. Eine seiner Spitzen – unversehrt, wie auch immer dies möglich war – lugte nun ins Freie. Sie sah nur, was sie musste: Es war hell, und das konnte schwerlich Gutes verheißen. Hastig suchte er sich wieder einzugraben, doch die Tunnelwand hinter ihm lag in Trümmern da. Hatte sein letztes Stündlein geschlagen? „Raus!!!“, grollte eine schauerliche Stimme, und was auch immer danach genau geschehen mochte, es raubte ihm endgültig die Sinne. Lediglich so viel spürte er, dass er sich rasend schnell um sich selbst drehte. Kreidebleich klammerte er sich an die Birne, indem er sein noch in ihr vergrabenes Ende weitete, und dann gänzlich unvermittelt – der Ruck seines Lebens. Riesenschritte, die in weiter Ferne nach und nach verhallten. Benommen kroch er aus den Ruinen. Roch er da nicht frische Blumenerde?






Bis bald!

euer Schreibotter



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