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Der... Präambelbär?

Aktualisiert: 22. Nov 2019





Schuster, der Notar, eilte voraus. Er hatte eine breite Traube aus Parteilern hinter sich, die sich angespannt um den altmodischen Edelholztisch drängten, an dem es geschehen würde. Endlich, nach all den Jahren. Der Stuhl kreischte wie unter höllischen Schmerzen, als Schuster ihn heranzerrte, um wichtigtuerisch Platz zu nehmen.

Möglich, dass dieser Stuhl es einfach leid war, wieder und wieder um Punkt 20:07 beladen zu werden und den gewichtigen alten Notar mindestens neun Stunden ununterbrochen zu stemmen, während der die Parteiler debattierten, stritten, feilschten und schließlich gemeinsam die eine oder andere monumentale Party-Pizza degustierten. Es war ein und derselbe Stuhl, der diese sinnlose und schlauchende Prozedur heroisch ertragen hatte, und das nun bereits sechzehneinhalb Jahre, welche die BRD ohne Regierung war. Manche der anwesenden Politiker lebten noch nicht einmal sechzehneinhalb Jahre. Für sie war der Gedanke, dass doch noch einmal eine Regierung entstehen würde, genau wie in den Mythen, mindestens einmal absurd. Und beängstigend überdies. Schuster begann, indem er die gescheiterten Beschlüsse der gestrigen Sitzung verkündete – getragen, mit erheblichem Pathos und rückwärts. Seinen bedächtigen und geistreichen Worten lauschte die versammelte Runde, und so manchem kullerten bereits die Tränen, so ergreifend war diese flammende Rede. Schuster, der gerne dramatisierte, wurde lauter mit jeder Silbe, bis er endlich, beschwörend die Fäuste geballt, schloss:

…eis ssad ,gillehnie kilbupersednuB red neietraP eid neßeilhcseb lhawsgatsednuB ruz segartrevsnoitilaoK sed egalfuA .0485 reseid nI LEBMAÄRP

Als diese historischen Zeilen verhallt waren, herrschte Totenstille. Nichts war zu hören, außer dem hörbaren Schnappen nach Luft des geneigten Lesers. Und dann – unvermittelt – gingen die Lichter des abgeranzten Schuppens aus und man hörte die Voodoohexer, wie sie ihr Ritual begannen und auf dem Wellblechdach tanzten. Ihre grunzend, kreischend oder hechelnd vorgetragenen Zaubersprüche sollten nämlich das Schlimmste verhindern – den schrecklichen Dämon Berlins sollten sie fernhalten, den allmächtigen Präambelbären, der immer erschien, wenn man eine Präambel verlas – selbst, wenn man es rückwärts tat. Sie hatten es übrigens noch nie geschafft. Ihre komischen Stäbe gerieten sich immer ins Revier, ihre magischen Tränke schienen einander zu verunreinigen, bis Kissen vom Himmel regneten und mongolische Tauben mit Blasrohren das Postamt stürmten, aber den Bären schien das alles einfach nicht zu kratzen.

„Iiiiihr stööööört meeeeeine Ruuuuuuhe?“

Es hörte sich an, als würde eine uralte Truhe sich öffnen, nur dass es eben die Truhe eines Bären war, wenn das Sinn ergab, und dann sah man ihn auch schon geradewegs durch die geschlossene Tür schweben, den leuchtenden, übelriechenden Schurken und Schlinger. Er sah aus wie ein ganz normaler Bär, nur dass er eben leuchtete und schwebte. Ihr wisst schon… so, wie ein Geist in einer Geschichte halt beschrieben wird, wenn der Geschichtenschreiber seinen Job ein bisschen über hat und innerlich nur noch darüber nachdenkt, welche Nudelsorte er sich nachher besorgen soll, savy? Genau diese Sorte Geist, mit der haben wir es hier zu tun. Es war der Präambelbär. „Schockschwerenot!“, keuchte Schuster. Es war zum Haaremelken! Konnte es denn wirklich sein, dass der Präambelbär nun zielsicher bereits die 5840. Runde der Koalitionsverhandlungen in Folge sprengte, nur weil sie eine gottverdammte Präambel im Text hatten? Schuster hatte den Statistikern des Bundesamtes für Präambelbärstatistik eine satte Million gezahlt, damit sie ihm ausrechneten, ab wie vielen fehlgeschlagenen Runden man endlich einmal davon ausgehen konnte, dass dieser elende Hund von einem Geist von einem Bären ausnahmsweise, wirklich nur aus dem dümmsten Zufall heraus, verschlafen würde! Eine satte Million. Und was hatten diese Flaschen ihm gesagt?

„Einfach weitermachen, Schuster. Lass dich nicht runterziehen. Irgendwann bleibt er fort, ganz bestimmt. Laut unserem statistischen sekanlinatorischen Spinalgamsystem wird es mit jedem Tag, den er zuverlässig erscheint, wahrscheinlicher, dass er es am nächsten nicht mehr tun wird. Lächle, und die Welt lächelt mit dir!“

Und jetzt stand Schuster da und konnte nicht mehr lächeln. Er hatte bereits sieben Notarrettungsschirme gebraucht, allein mit seinem endlosen Stempeln, das keinen Sinn hatte. Kochte Schuster? Schuster kochte! Er nahm den Stuhl und schmiss ihn nach dem blöden Bärenvieh, das sich bereits an seinem verlesenen Papier gütlich tat und es einfach auffraß. Man hätte meinen sollen, dass das elende Biest irgendwas magisches machte, vielleicht Flüchetamtam oder so, aber nein, es fraß zwischen seinen ungefragten Tanzeinlagen den gottverdammten Vertrag nun zum 5840. Mal, nachdem er mühsam errungen war, und ließ nicht einen Schnipsel zurück. Der alberne Stuhl zischte natürlich mitten durch ihn durch und krachte irgendwo irgendwem an den Schädel. Kochte Schuster? Schuster kochte! Unter affenartigem Gekreisch riss er sich die Kleider vom Leib und rannte vierbeinig die Straße einmal rauf, einmal runter und dann für immer auf und davon. Und wem das alles noch nicht crazed genug war, der sollte mal zur Apotheke gehen, ganz ehrlich.



Frohes Fest allen, die das hier lesen!

Feiert schön! ^_^ euer Schreibotter






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