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Der Tukan

Aktualisiert: 22. Nov 2019





Es hatte geregnet. Schwere, kühlende Perlen rannen durch sein strahlendes Federkleid, kräuselten sich auf seiner unsichtbaren Haut. Dampf stieg in mächtigen Schwaden aus der Tiefe empor und tauchte den Morgen in ein bleiches Tuch. Irgendwo ließ ein Brüllaffe sein dunkles, schallendes Heulen verlauten. Er fürchtete dieses Tier nicht, das sich so deutlich bemerkbar machte und auch anderweitig harmlos war. Schon oft hatte er es gesehen. Plump und lahm war es, selbst Eier mochte es nicht stehlen. Die Schwüle störte den Tukan nicht - sie bedeutete ihm seine Heimat. Er roch in ihr den feuchten Forstboden und die lieblichen Blüten der Bäume, unter denen er ruhte. Noch nie hatten seine neugierig blinzelnden Augen etwas anderes erblickt als diese Blätterwelt, und noch nie war eine Stunde verstrichen, die ihn nichts Neues gelehrt hätte.

Leise murmelte einer der Bäche, die sich in den nahen Fluss ergossen, wo die großen unheimlichen Tiere hausten. Manchmal, da war unter ihm alles über und über bedeckt vom dunklen, aber spiegelnden Nass des großen Flusses, der sich zwischen den Bäumen hindurch mäanderte, so weit die Flügel trugen, aber nicht hier, nicht heute. Es war seine allererste Trockenzeit, und der Forstboden war voll schwerer Schatten, in denen es raschelte.

Nach und nach lichtete sich der Nebel. Ein gewundener Baumast nach dem anderen schälte sich aus ihm hervor, und sie alle waren schwer von satten roten Früchten in schillerndem Tau, in dem sich alle Farben der Sonne brachen. Der Tukan breitete seine samtschwarzen Schwingen aus.

Ein beherzter Sprung nur, schon saß er inmitten der köstlichen Beeren. Auf und nieder wippte der harte, knorrige Boden, als sich seine Krallen darum schlossen. So und nur so fühlte sich sicherer Boden an, dass wusste er ganz genau, so jung er auch noch sein mochte. Schnappend schloss sich sein Schnabel -

Er mochte sehr geübt darin sein, die süßen Beeren zu greifen, doch den enormen Schnabel zu manövrieren und dabei die Frucht nach innen fallen zu lassen, erwies sich gelegentlich noch immer als Problem. Er konnte die runde, feste Perle sehr genau spüren, doch wie sollte er sie halten, damit sie nicht abrutschte?

Rasch riss er daran -

Und schon landete sie in der Tiefe. Er ruckte herum, um sie zu beobachten, doch sie war schon unrettbar im lichtlosen Blätterdach versunken. Glücklicherweise würde der Reichtum dieses Baumes so bald nicht erschöpfen. Die nächste Beere landete wie von selbst im Schnabel. Solch eine Lust, als sie über seine Zunge strich! Sie schmeckte überraschend säuerlich.

Plötzlich war die Ruhe dahin. Ein Ruck schüttelte den Tukan, und eine Silhouette näherte sich, die ihn an seine Eltern erinnerte. Aber sie waren es nicht. Leuchtendes Blau, flammendes Rot, und ein reinweißer Strich, der ganz breit schien – diesen Schnabel kannte er noch nicht, aber er war seltsam hübsch. Fast reizender als die Beeren, und das, obwohl man ihn doch gar nicht essen konnte. Das andere Tier drehte sich ihm zu und blickte ihn wach an. Ein beherztes Krächzen entfuhr ihm, das das neue Individuum sofort erwiderte. Sie klangen wie aus einem Schnabel. Kurz und ganz sachte strichen sie mit den Schnäbeln übereinander.

Das andere Tier wandte sich um und stieß sich erhaben ab. Das Rauschen seiner Federn war nur leise zu hören. Der Tukan verstand sofort und setzte nach. Ein rauschender Fahrtwind umspielte ihn, als er mit seiner neuen Bekanntschaft über den Baumriesen dahinbrauste, frei, den satten Sonnenschein über sich.



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