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Die Illusion des Bösen

Aktualisiert: 22. Nov 2019



Betrachten wir die Frage, warum Böses geschieht, von außen, so scheint sie leicht zu beantworten: Es ist die Illusion des Bösen, aus der heraus wir Böses tun. Sobald zwei Seiten sich gegenseitig fürchten und für "von Natur aus" böse halten, werden sie in eine endlose Kette aus Racheschlägen gerissen, in der die eigene Brutalität - da man ihre Gründe versteht - als reine Selbstverteidigung gewertet werden und die gegnerischen - da man ihre Gründe nicht versteht - als ein sinnloser, bestialischer Ausdruck des Bösen. Da das Böse bedingungslos bekämpft werden darf und muss, kann es auf keiner der beiden Seiten zur Selbsterkenntnis der grundlegenden Gleichheit beider Seiten kommen und die Brutalitäten werden niemals abreißen. Schlimmstenfalls können sie sich bis zu den Ausmaßen des ersten Weltkriegs aufschaukeln.


Das ist eine Teilantwort.

Aber da ist noch mehr - viel, viel mehr.


Es ist doch immer wieder ein Lichtblick, wenn man den Menschen widerspricht und sie nach langer, mühseliger Diskussion endlich ganz allmählich zu realisieren beginnen, dass man die letzten drei Stunden über nicht ihr "Feind" gewesen ist, sondern genau dieselben grundsätzlichen Interessen hochgehalten hat, wie sie selbst - bloß, dass man von ihrem Plan, sie zu verwirklichen, nicht überzeugt ist. Sei es, weil man ihn als kurzsichtig ablehnt oder weil man glaubt, dass er nicht realistisch ist, was in letzter Instanz natürlich dasselbe ist.


Es scheint eine Grundregel zu sein, dass wir so verständnislos auf Kritik an unseren Methoden reagieren. Kritik werten wir zuallererst einmal als das Ablehnen unserer Interessen, selbst wenn sich das Gespräch nicht die Bohne um diese dreht und sie ganz und gar unberührt lässt. Stimmt man uns zu, dann erblicken wir einen Freund; widerspricht man uns, einen Feind. Und das auch dann noch, wenn der scheinbare Freund uns lediglich befeuern wollte, einen schrecklichen Fehler zu seinen Gunsten zu begehen, und der scheinbare Feind uns genau davor in unserem eigenen Sinne warnen wollte - denn so tief blicken wir nur selten in die Dinge hinein. Unsere Entscheidungen basieren nicht auf lückenlosem Begreifen, sondern auf vorgefertigten Schubladen, nach denen jeder, der uns widerspricht, unsere grundlegenden Interessen in Frage stellt. Menschen, von denen wir eigentlich die schönsten Sachen hinzulernen könnten, werden als "Feinde" stigmatisiert, noch bevor wir einen blassen Schimmer davon haben, warum sie meinen, was sie meinen. Reizworte - gleich, wie und warum sie fallen - lassen in uns die Alarmglocken schrillen und uns weghören, denn der "Feind" ist böse und darf nicht unsere Gedanken verseuchen. Dieser Kurzschluss, mit dem jemand anders für uns "gestorben" ist und wir sie oder ihn nicht mehr von innen heraus verstehen wollen, um das Problem zu beheben, ist schwer zu erklären. Ich wage eine These: Es handelt sich um ein evolutionäres Überbleibsel. Ein Reflex, der sehr begründet war, als wir noch nicht gobal vernetzt waren, als die Sprachbarriere noch unüberwindbar war, als wir noch nicht 13.500 Möglichkeiten hatten, mit einem Problem umzugehen - sondern allzu oft nur eine einzige. Kurzum, es ist einmal mehr die Steinzeit in uns, die uns daran hindert, unser Potenzial als Zivilisation zu erreichen. Das ist die - freilich bittere - psychologische Realität, an der grundsätzlich nicht gerüttelt werden kann.

Es sei denn...?

Es ist uns überlassen, wie tief wir danach schürfen wollen, wer tatsächlich unsere eigenen Interessen unterschreibt und behütet und wer sie mit Füßen tritt. Hierzu muss aber nicht darauf geachtet werden, wer das, was wir sagen, unmittelbar ab- und anerkennt, sondern aus welcher Begründung heraus dies geschieht. Dieses Schürfen nach Begründungen jedoch ist ein Prozess, mit dem wir es uns gerne leicht machen. Es ist kein Geheimnis, dass noch immer ein sehr großer Teil der Menschen unterschwellig glaubt, dass sie - und sie allein! - den überlegenen Blickwinkel einnehmen - das soll heißen: Sie erklären sich jegliche abweichende Grundeinstellung anderer Menschen automatisch damit, dass diese weniger Informationen haben als man selbst. Niemals käme es ihnen in den Sinn, dass die anderen einfach bloß andere Informationen haben, die zwar ebenso wahr sind wie die eigenen, aber ein völlig anderes Bild zeichnen; und dass beide Blickwinkel gleichermaßen unvollkommen und lückenhaft sind. Erst recht käme es den Leuten nicht in den Sinn, dass ihr eigener Blickwinkel mit Täuschungen behaftet sein könnte und in der Tat sie selbst den ärmeren Blickwinkel einnehmen.


Und das resultiert in einem fatalen Fehlschluss. Denn - wenn diese unverfrorenen anderen es wagen, meinen idealen Plan zu kritisieren, dann müssen es meine grundlegenden Interessen sein, die sie ablehnen und anfeinden - sie können ja unmöglich lediglich ein Problem mit der Umsetzung haben. Dazu müssten sie ein Problem mit der Umsetzung sehen, das ich nicht sehen kann, d.h. sie müssten irgendetwas wissen, das ich nicht weiß, und das ist völlig unmöglich!


Ich habe keinen Schimmer, wie verbreitet dieser Fehler tatsächlich ist. Aber um weltweiten Frieden herzustellen, müssen wir dringend dafür sorgen, dass überhaupt niemand mehr in diese grauenhafte Falle tappt. Ein multiperspektivisches Bewusstsein ist zu schüren, denn erst dann wird unschuldige Methodenkritik nicht mehr als brutale Feindseligkeit missverstanden werden - und demgemäß auch nicht mehr mit sinnloser Feindseligkeit beantwortet werden, die ihrerseits neue Feindseligkeit lostritt und eine endlose, völlig vermeidbare Spirale in Gang bringt.


Der größte Stolperstein auf diesem Pfad ist sicherlich, dass Empathie nicht zu verwechseln mit Sympathie ist und dass beides traurigerweise bis heute ständig miteinander verwechselt wird. Es scheint mir nicht übertrieben, zu sagen, dass über kurz oder lang das Schicksal der Menschheit von ihrer Fähigkeit abhängig sein wird, diese beiden Begriffe endlich auseinanderzuhalten. Man braucht sich nicht über den Tisch ziehen lassen, nicht irgendwelchen Forderungen beugen, nicht nachgeben, um ein gemeinsames Problem zu erkennen und zu beseitigen. Und da dieser Blogbeitrag sich bisher hoffnungslos trocken gelesen hat und ich fürchte, auch noch meine letzten Leser zu verlieren, möchte ich das mit einer erstaunlichen Beobachtung über den weißen Hai anschaulich machen.


Es war in der Frühzeit der Meereserkundung, dass die Menschen sich in schweren Eisenkäfigen eintauchen ließen, um den weißen Hai zu studieren. Das Tier schien sie stets verschlingen zu wollen, kaum dass es sie bemerkte. Immer wieder biss es wütend in das schützende Gitter. Der Mythos vom blutrünstigen, hirnlosen Fischmonster entstand und resultierte in der annähernden Ausrottung dieser atemberaubenden Lebewesen. Erst kürzlich haben wir endlich begriffen, was die Haie immer ritt - das Eisen bringt ihre elektromagnetischen Sinne durcheinander. Ein Eisenkäfig ist für einen Hai so ähnlich, als würde jemand durch die Tür hereinkommen, eine kreischende Eieruhr ablegen und wortlos wieder den Raum verlassen. Natürlich würden wir sofort aufspringen und versuchen, die Eieruhr irgendwie abzuschalten, oder?


Entscheidend ist nun:


Man muss durchaus nicht Eisen hassen oder zwanghaft hineinbeißen, um hier das Problem zu verstehen. Und man muss ebenso wenig den Käfig abschaffen und sich den Launen des Raubtiers ergeben, um ihm gezielt entgegenzukommen - Aluminiumstäbe tun's auch und ermöglichen den Touristen mittlerweile die unvergessliche Begegnung mit freundlichen, tiefenentspannten Haien.


Empathie heißt nicht, zuzustimmen, und verpflichtet nicht dazu, entgegenzukommen, und wenn sie es doch tut, dann stets in einem völlig harmlosen, unbedenklichen Sinne. Das ist der Grund, weswegen ich nach Empathie gegenüber allen Personen dieser Erde strebe, sogar dann, wenn sie mir das Schlimmste wünschen. Meine Sympathie gewinnen sie deswegen noch lange nicht, und dass ich vor ihnen otterbuckeln und nach ihrer Pfeife tanzen werde, können sie sich abschminken. Aber mich geduldig in sie hineinzuversetzen und sie verstehen zu lernen, eröffnet mir die Chance, ihnen die Augen zu öffnen oder wenigstens irgendwie das Problem zu lindern. Und diese Chance, da bin ich sicher, sollten wir nutzen.



Bonus:


Die Grenze, die niemals da war



Bis bald!

euer Schreibotter




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