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Die Insel der Goblins

Aktualisiert: 22. Nov 2019


Fetter, schwarzer Ruß rieselte vor dem zwielichten Höhleneingang herab wie verwunschener Schnee. Ein Anblick, bei dem mir das Wasser aus dem Maul rann. Ich wollte hinaus, aber die Angst hielt mich zurück. Ich sah mich um. Skôrr, Madûra und ein paar andere graue, gebückte Gestalten starrten einander schweigend mit klaffenden Mäulern an, sich mit ihren schwarzen Zungen, die gespalten waren, über die Zähne leckend. Ich kannte das schon. Sie machten untereinander aus, wer vorausmarschieren durfte, ganz ohne miteinander zu sprechen. So war das in den Höhlen von Ashkamûr, der Insel der Goblins. Man redete selten um den heißen Brei. Nachdem Skôrr bewiesen hatte, dass er am scheußlichsten knurren konnte, ging er schließlich voran. Er trug um die Lenden den Pelz eines zottigen Tieres. Es war ein wunderbar stinkender, schwarzer Pelz, ein Sharaun wahrscheinlich. Es war das übelriechendste Tier, das man sich vorstellen konnte, und das war wahrscheinlich der Grund, warum man es noch fand. Ashkamûr bedeutete wörtlich: Sie, die keine Schwäche duldet. Die restlichen Goblins trugen nur ihr eigenes zottiges, schwarzes Fell. Mich eingeschlossen. Ich hielt mich abseits, nicht einmal ein Steinklingenmesser hatte ich bei mir. Ich war klein, gebrechlich, rangniedrig. Madûra funkelte mich aus ihren rotglühenden Schlitzaugen an, als sie vorbeihuschte, und ich machte mich noch kleiner. Sie hielt ihr Messer fest umklammert, es war vertrocknetes Blut daran. Sie musste um den Respekt der anderen buhlen, da war ich mir sicher. Bald schon würde sie Skôrr herausfordern. Und dann wollte ich nicht in der Nähe sein... Ein Goblin nach dem anderen huschte an mir vorbei, während sich die Höhle langsam leerte. Es war nicht so, dass es diesen geordneten Marsch wirklich gebraucht hätte, denn als Goblins waren wir federleicht, schnell und stark. Wir alle konnten an Wänden entlangklettern, und die Geschickteren sogar unter der rissigen Decke. Aber es waren die Zeiten des Großen Hungers, und das Misstrauen untereinander war nie größer gewesen. Hätte die Höhle keinen Ranghöchsten gehabt... Mir wurde schlecht, wenn ich nur daran dachte, was man über Höhlen ohne Ranghöchsten hörte. Nein, ich kannte meinen Platz. Ich war der Schwächste, und als solcher stand mir zu, was übrig blieb. Immerhin musste ich mich mit niemandem darum streiten. Ich zählte die Zähne der anderen und leckte mir in zuckenden Schüben über meine eigenen. Sechzehn. Es waren nur sechzehn. Jedes Jahr kam einer hinzu, und Goblins konnten alt werden. Skôrr musste über dreihundert haben. Er hatte bessere, sattere Zeiten gesehen, als die Goblins noch nicht in ihre Schranken verwiesen waren und viele Inseln beherrscht hatten, nicht nur Ashkamûr und ein paar unbedeutende Felsen in der See. Aber seine Bewegungen waren zittrig, seine Reflexe ließen nach. Sein nächstes Duell würde vielleicht sein letztes sein. Ich bangte um ihn, als ich ihn in die kühle Abenddämmerung treten sah. Er hatte mich immerhin noch nie gebissen. Er hatte es nicht nötig gehabt. Endlich war der Schluss der Prozession in Sicht, und ich reihte mich in die Traube der anderen Rangniedersten. Sie waren alle älter als ich, aber krank, schwach, bucklig. Sie kümmerten sich nicht um die Rangordnung untereinander. In stillem Einverständnis hielten sie zusammen. Ein bisschen. Sagen wir, sie taten es, solange es zweckmäßig war, und meistens war es das. Ein kühler Wüstenwind benetzte meine Haut, als ich mich dem Höhlenausgang näherte. Er rock trocken und erdig, und das machte ihn erträglich. Nichts war schlimmer, als an der Küste zu leben. Bäh! Sogar den Sonnenuntergang musste man da dauernd sehen! Hier, in der kashûrrischen Hochebene, blieb einem das furchtbar blendende Feuerdings schon früh erspart, gnädig verdeckt durch die kahlen, schwarzen Felsen, die sich überall auftürmten. Der Wind heulte gläsern, als er durch sie rauschte. Und dann roch ich ihn, den ersehnten schwarzen Staub. Die anderen hatten nicht viel übrig gelassen. Sie wälzten sich im Schmutz und lechzten gierig, als sie seine sättigende Energie durch ihre Haut in sich hineinsogen. Es war nicht viel, aber es reichte, und meistens blieb sogar etwas übrig. Ich begann, mir abseits und immer wieder hinter mich schielend die Hände einzureiben. Die Tausendzähnigen hatten diesen Staub in riesigen Höllenkesseln gekocht. Sie bliesen ihn mit ihrer Magie in den Himmel, um uns am Leben zu erhalten. Wir - das war eine schlafende Armee, so sagte man, ein riesiges Heer, das eines Tages wieder ein Goldenes Zeitalter einläuten würde, aber es war schwer, daran zu glauben. Selbst die Stärksten unter uns waren zu schwach, um Boote zu bauen, und mit welchem Holz überhaupt? Auf ganz Ashkamûr gab es kaum eine Pflanze mehr, abseits vom Berg der Tausendzähnigen. Und dann waren da draußen die Elfen, schreckliche Monster, für die nur ein toter Goblin ein guter Goblin war. Es war ein Segen, dass sie von der Insel fernblieben. Manchmal kam ein Schiff mit hochgewachsenen Menschen, die den Häuptlingen an der Küste Nahrung oder Felle brachten und dafür eine Schar rangniederer Goblins mitgehen ließen. Keiner wusste, was aus ihnen wurde, denn sie kamen nie zurück - und ich wollte es auch gar nicht wissen. Plötzlich hörte ich ein feuchtes Zischeln. Erschrocken drehte ich mich um, aber dieses Geräusch, das unmissverständliche Feindseligkeit bedeutete, galt nicht mir. Es war Madûra. Sie und Skôrr standen einander gegenüber, umkreist von anderen hochrangigen Goblins, die gerade genügend Kraft hatten, um begeistert einen martialischen Trommelchor auf ihren staubigen Brüsten anzustimmen. Ich merkte, dass meine narbigen Beine zitterten. Ich wusste, wie es ausgehen würde und wie Madûra herrschen würde. Ängstlich... Brutal. Sie hatte nicht die Zähne des alten Skôrr, nicht seinen Weitblick. Es war um mich geschehen. Es dauerte, bis ich realisierte, dass mich niemand beobachtete. Der nächste Felsen ragte unweit der Höhle in den Himmel, wie als wollte er ihn aufspießen, nackt und kahl. Hinter ihm noch einer, dann noch einer. Es war ein Wald aus Stein, über dem sich eine mondlose Nacht niedersinken ließ. Ich machte einen Schritt und sah mich verstohlen um, dann noch einen. Sollten sie sich doch die Hölle heiß machen! Mein Goblinherz raste, aber ich verbot mir, darüber nachzudenken, wie es ausgehen würde. Ich musste fort - weit, weit fort von dieser Höhle, in der ich einst namenlos aus einer Spalte im Stein gekrochen war, um herumgestoßen zu werden. Meine nackten Füße torkelten schwach durch das Geröll, das kalt war und stach und unter mir nachgab, während ich höher und höher kletterte und zwischen den Schatten der Steinriesen verschwand, bis von der Höhle nichts mehr zu sehen war. Nach Stunden, die ich mich immer wieder ermahnen musste, nicht zusammenzubrechen, roch meine Nase etwas, das ich schon sehr lange nicht mehr gesehen oder gekostet hatte. Es war ein kleiner Grasbüschel, mutterseelenallein. Ich kreischte jubelnd, noch bevor sich meine Hand um das kostbare Leben schloss, noch bevor es in ihr zu schwarzem Staub verdorrte und trostlos herabrieselte, um mich zu sättigen.




Bis bald!

euer Schreibotter






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