Die Torte




Kommissar Taubert starrte auf seinen Erzfeind, und sein Erzfeind starrte unversöhnlich zurück. So sahen sie sich an. Sekunden verstrichen. Eine Minute verstrich – wer würde zuerst den Blick senken? Und wer triumphieren?

„Sei nicht albern“, dachte der fette Tauberich und wandte sich von der Schokotorte ab. Er wusste es ja. Er wusste, dass er ihr nicht widerstehen konnte. Aber was hatten seine Kollegen sie auch hier in seinem Büro abgeliefert? Es war stets der eine Raum gewesen, an dem er nichts aß. Herrje, darum kam er doch mit solchem Eifer überhaupt hierher. Selbst, wenn es mal nichts zu erledigen gab. Er war hier, um abzunehmen. Er machte ja nicht einmal einen Hehl daraus, dass er darum Kommissar war. Die Leute fanden es immer einen sehr inspirierenden Grund. Bis ihnen dämmerte, dass es kein Scherz war. Immer diese Blicke, wenn sie es durchschauten… es waren immer dieselben. Entsetzt und beschämt. Er hatte es den Mitarbeitern natürlich nie verraten. Es war sein Geheimnis, und dabei würde es bleiben. Taubenkommissare brauchten ihre Geheimnisse. Aber… was tun mit der Torte, die ihn noch immer breit anlächelte?

„Kommissar Taubert von der KriPo“, gurrte er drohend zurück und richtete seine Schreibtischleuchte auf sie. „Sie werden verdächtigt, meine Person zu verführen. Außerdem richten Sie einen dicken Bauch an und leeren einem insgeheim die Tasche. Ein Geständnis könnte Ihnen manch ein Jahr hinter Gittern ersparen, Freundchen, aber auch nur dann, wenn ich einen guten Tag habe. Sie wollen doch sicher, dass ich einen guten Tag habe?“

Er sah sie fordernd an.

„So, so. Spielen mir nicht mal was vor. Sitzen einfach nur da und markieren die Steinharte. Sie werden schon sehen, wohin Sie das noch im Leben bringt!“

Er machte sich an seinem Schreibtisch zu schaffen.

Mit einem Brieföffner, der aussah, als ließe sich daraus eine Kuchengabel improvisieren, fuhr er herum.

„So“, brummte er. „Jetzt reden wir. Raus mit der Sprache – wie erklären sich diese schändlichen Taten? Ich will Namen hören, Fakten, Uhrzeiten. Überzeugen Sie mich, dass Sie es noch wert sind, vor den Geiern des Gerichtswesens beschützt zu werden.“

Ein Föhn rauschte.

Himmel, wer föhnte sich da schon wieder die Federn glatt? Es war eine verlotterte Polizeistation, nichts zu tun und nur Flausen im Sinn! Aber nicht mit ihm, oh nein. Er würde dieser Torte beweisen, wie ernst er es meinte. Er würde alles aus ihr rauskitzeln, und dann würde man ihn in eine andere Stadt versetzen, in der Kommissare tatsächlich auch mal vor die Tür kamen. Eine, die ein Fitnesscenter hatte oder so, natürlich mit noch bescheidenerer Kriminalitätsrate. Eine Stadt, in der man sich nicht mit dem Schlemmen erholte, sondern vom Schlemmen. Eine Stadt, in der einem die gerösteten Körner in den Schnabel … nein! Nicht schon wieder vom Essen träumen. Es machte seine heroische Bürodiät so viel schwerer.

„Na schön, du Halunke! Ich kann auch anders“, stieß er aus und den Brieföffner der sturen Torte mitten ins Herz hinein. „Na? Fühlst du es schon?“, zischte er leise und zerrte genüsslich mit seiner Kralle an dem blitzenden Mordinstrument, das einen klaffenden Riss hinterließ. „So fühlt es sich an, wenn man allein ist. Niemand wird kommen und dich retten, du elendes Scheusal. Du hast keine Freunde mehr. Es sich mit mir zu verscherzen, war dein letzter Fehler.“

Jetzt hatte der Brieföffner den Rand der Torte erreicht.

Triumphierend riss er ihn hoch.

„Ich bin mir sicher, dass dein Gewissen dich quält“, fuhr Taubert scheinbar im Plauderton fort, doch ein diabolisches Lächeln verriet ihn. „Hättest du nur ausgepackt! Tja, aber dafür ist es jetzt zu spät. Der Reichtum, den du dir ergaunert hast, schmeckt nur noch halb so süß, wenn man nicht mehr unversehrt ist, findest du nicht auch?“ Er stach erneut zu. Die Torte schien nun viel leichter zu schneiden, wie als hätte sie sich bereits mit ihrem unvermeidlichen Schicksal abgefunden. Eine kühne Lust am Tortenschneiden hatte ihn berauscht, sodass er nun schneller schnitt, mit nichts mehr als Gier im Blick.

Ganz unversehens löste sich das Tortenstück, und er riss es dankbar an seinen Schnabel. Es schmeckte atemberaubend.

„Leute! Er hat es geschafft!“

„Nein!“

„Ehrlich?“

„Ja, ehrlich. Kommt schnell rüber!“

Im Nu saß er in einer Traube aus seinen Mitarbeitern. Sie alle hatten Feierlaune. Die schöne Elsa Elster hatte sich sogar die Federn geglättet.

„Herzlichen Glückwunsch, alte Trantaube!“, jubelten sie.

Taubert knabberte an seinem Tortenstück und gurrte. Und erkannte, dass er anscheinend doch nicht hier war, um immer nur zu fasten.

Bis bald!

euer Schreibotter





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