Die unvollendete Reise




„490346F“, summt es. „Treten Sie vor.“ Ich werde nie vergessen, wie ich die erste Exekution hier unten miterlebt habe. Die Roboter machen das in ein und derselben Routine wie den Boden zu schrubben. Und in derselben Stimmlage. Natürlich - denn das hier sind ja keine Luxus-Menschkontakter, wie die Alphas sie sich angeblich beim samstäglichen Einkaufsbummel für Millionenbeträge ersteigern, keine Servier- oder Buttlerdroiden, nichts davon. Es sind Sklaventreiberdroiden. Natürlich ist das nicht ihr richtiger Name, hier unten nennt sie aber jeder so. Und sie ahnden es nicht einmal. Es scheint sich zu sehr mit ihrer Programmierung zu decken. Nur nicht auffallen. Nichts zu verbergen haben. Ein normaler Schritt... ich mache einen kleinen, hastigen Schritt und versuche, unbekümmert in die stechend gelben Maschinenaugen zu sehen. Es gelingt mir nicht. Ich sehe wieder nur die riesigen Füße. Es… „Treten Sie näher. Ich muss Ihren Puls messen.“ Bitte nicht. Schwer atmend besinne ich mich. Erinnere mich daran, was mein bester Freund mir noch sagte, am Tag, bevor sie ihn holen kamen. Er sagte: Angst – das muss der Normalzustand für dich sein. Du musst lernen, damit zu leben, was du bist und wo du bist, dann bist du irgendwann hart genug, es zu ändern. Irgendwann… für ihn war dieses irgendwann nicht gekommen. Ich strecke die Hand aus. Sehe, wie mein Unterarm zittert. Er ist knallrot, wenn man von einigen schwarzen Brandblasen einmal absieht, die hier ganz normal sind. Das kalte, pulsierende Licht des Flurs blitzt über die kleine Platine, die mir in den Handrücken eingeschweißt ist. Ein kalter Stahl schließt sich um sie. Ich sehe nicht hin. Bitte nicht… Ich versuche, mir nicht auszumalen, was passieren könnte, wenn sie merken, dass die Platine kaputt ist. Ich sie sabotiert habe. Sie nicht mehr künstlich mit meiner Psyche spielen können. Sie würden… ich würde… „Fehlfunktion“, summt die Stimme und macht eine Pause. Ich schließe die Augen.

Sehr, sehr fest. „Individuum 490346F. Schnelle Panikreaktion ist erkennbar. Platine arbeitet normal. Schneiden Sie sich die Haare. Schönen Feierabend.“ Der Schraubstock löst sich. Mehr erleichtert als überrascht trete ich wieder zurück in die Reihe. Ernte mitfühlende Blicke. Bin einer von ihnen. Ich darf nicht auffallen. Sie dürfen mich nicht holen, noch nicht. Ich habe meinem besten Freund versprochen, weiterzumachen.

~~~


"Beruhige dich jetzt, Bill." Samba, der hünenhafte Schwarzafrikaner, legt mir eine Hand auf die Schulter. Ich höre all die Angst in seiner Stimme, all die Besorgnis. Er hat so viel mehr gesehen als ich. Und wenn ich in seine sanften Augen schaue, spüre ich, dass sie auch jetzt so viel mehr sehen als meine. Sie sehen in die nächsten Minuten. "Ich bin ruhig, Samba", sage ich leise. Meine Stimme ist dünn und zittrig. "Den Umständen entsprechend. Hast du denen, die nicht mitmachen, gesagt, wo sie sicher sind?" "Bill, genau das wollte ich dir sagen - sie alle machen mit. Selbst die, die in Krücken durch das Lager gehen. Selbst die Kinder. Sie alle werden ihren Beitrag leisten. Sie alle sind bereit, für einander ihr Leben zu lassen." Ich schlucke. So viele Menschenleben liegen ausgerechnet in meinen Händen. Ich habe nie irgendwas gelernt, außer, in schwierigen Situationen zu überleben. Plötzlich fühle ich mich völlig ungeeignet. Aber es hat bereits begonnen. "Samba", beginne ich leise und spähe nochmal in den Gang. Die Beleuchtung ist schummrig. Irgendwo zischen die Gasdrucksysteme eines großen Schotts. Es ist niemand zu sehen; die maskierten und in schwarzes Kunststoff gerüsteten Gestalten, die den Gang passieren, sind schnell weitergehuscht. Normalerweise lungern hier mehrere Sklaventreiber rum, wenn sie in Bereitschaftsdienst stehen. Aber nicht heute, denn irgend so ein Alpha betritt gerade die Basis. In diesen Sekunden. El Pulpo heißt er. Es könnte mir nicht egaler sein. Alphas sind alle gleich. "Samba, wenn ich da rein stürme, dann werden die da oben es binnen zwei Minuten merken, jeder von ihnen. Es ist noch nie vorgekommen. Es sollte auch nie vorkommen. Ich weiß nicht, wie sie reagieren werden, verstehst du? Ich habe keine Ahnung." "Sie könnten dich erwischen, Bill." Ich nicke abwesend. "Sie werden mich erwischen. Dass ich eins der Exoskelette klaue, ist nur ein Ablenkungsmanöver. Ihr müsst sofort in die Schweißhalle und eure Platinen loswerden, erst dann könnt ihr euch wehren. Sie werden versuchen, euch aufzuhalten. Ihr könnt nicht viel dagegen machen. Ihr werdet da einfach durchrennen müssen... die meisten sollten es schaffen. Und dann..." Ich schließe kurz die Augen. "Ich wünsche dir, dass du unter den meisten sein wirst, Samba. Du hast Schneid. Mit dir können sie diese grässliche Basis übernehmen, da bin ich mir sicher. Halt dich am Leben, klar? Du wirst noch gebraucht, wenn das hier 'rum ist."

Eine Pause. Er nickt mir zu. Ein grimmiges Lächeln, das ich zu erwidern versuche. Aber ich bin viel zu betäubt. Mir dreht sich alles. Kurz muss ich daran denken, was geschehen wird, wenn ich das hier versaue. Sie würden... alle... sterben. Und das vorausgesetzt, sie haben Glück. Ein leises Piepen aus dem Nebenkorridor lässt mein Blut rauschen. Sie haben die Schranken sabotiert. Jetzt kann für dreißig Sekunden niemand die Türen durchschreiten, nicht einmal El Pulpo persönlich. Für ihn muss es aussehen wie ein harmloser technischer Ausfall, aber das wird nicht lange anhalten. Ich bin bereits losgestürmt, renne wie der Teufel. Die rote Sicherheitsschranke heult auf, als ich hindurch hechte. Jetzt geht es um Sekunden. Normalerweise wäre jetzt meine Platine ins Spiel gekommen und hätte mir eine tödliche Dosis verpasst - normalerweise, aber das ist nicht heute. Triumphierend überbrülle ich die Sirene. Jetzt kommt der schwere Bohrer ins Spiel, den ich bei mir getragen habe. Ich haue die Glastür ein. Der Rausch verleiht mir Riesenkräfte. Klirren, als sie in tausend Splitter springt. Ich stürme hindurch. Alarm dröhnt in meinen Ohren - egal. Glas bohrt sich höllisch in meine Beine - egal. Ein Sicherheitsbeamter schreckt auf seinem Schlaf hoch. Ich schicke ihn ins Land der Träume oder hoffe es zumindest. Er ist nur ein trunksüchtiger Beta und nicht gänzlich freiwillig hier, soweit ich weiß, aber ich ersticke jede Rücksicht in mir, noch bevor sie keimen kann. Besser, ein Unschuldiger stirbt, als sechshundert. Jetzt übernimmt der Rausch vollends. Ich weiß schon gar nicht mehr, wo ich bin und was ich mache, als ich jeden einzelnen Schalter umlege, der danach aussieht, als würde er irgend etwas auslösen. Erleichterung macht sich in mir breit, als ich entdecke, dass ich soeben die Zellen geöffnet habe, Genugtuung, als ich El Pulpo und seinen Sicherheitsleuten die Sauerstoffversorgung entziehe. Sollen sie doch sehen, wo sie bleiben. Uns hat auch keiner gefragt, ob wir hier unten arbeiten wollen, bis wir unser Leben lassen. Exoskelett. Ich brauche sofort ein Exoskelett, und zwar bevor die Roboter zurückkehren. Solange ich lebe, können sie nicht wissen, was ich als nächstes anrichten werde. Und wer weiß, was mir in den Sinn kommt. Alphas fürchten immer nur um sich selbst, das ist ihre große Schwachstelle.

Ich darf nicht geschnappt werden.

Noch nicht.


~~~


Ich höre den Sklaventreiber, bevor ich ihn sehe.

Schaudern. Genauer gesagt, ich höre seine knisternde Plasmaschleuder, die sich in meine Gedanken brennt. Hoffentlich bleibt es bei ihnen. Schweißüberströmt hantiere ich mit den Hebeln herum. Ich habe noch nie ein Exoskelett von innen gesehen - diese teuren Maschinen werden grundsätzlich nur Alphas anvertraut. Und erklärt, was das betrifft. Ich halte inne und stelle fest: Ich habe keinen Schimmer, was ich da gerade mache. Durch die Basis zu marschieren, war das eine; die stählernen Beine ahmen meine eigenen ungefragt nach, und die überrumpelten Sicherheitsleute hatten nichts zu lachen, aber das hier… das hier erfordert technische Bildung, nehme ich an. Etwas, das ich als jemand, der seit dem sechsten Lebensjahr hier unten schuftet, natürlich nicht hat. Da! Eine rote Glut zerteilt die Dunkelheit. Der Sklaventreiber! Er hat sich bereits ein Loch in die Schleusekammer gebohrt. Die Schneide zersägt nun ganz methodisch die Stahlmauer. Fiebernd sehe ich ihr zu. Ich weiß, dass ich das nicht sollte - ich muss mich beeilen. Ich kann mich nicht gegen den wehren, ich muss hier raus. Ich muss sofort hier raus! Blind schlage ich in der engen, finsteren Kammer um mich. Ein bisschen wie ein Sarg, schießt es mir durch den Kopf - nur, dass er ein bisschen zurückweicht, wenn man von innen dagegen schlägt. Beruhigend. Nicht beruhigend ist das rote Signallämpchen geradewegs unter meiner Nase. "Die Schleuse kann nur geöffnet werden, wenn der Exosuit sicher verriegelt ist", ertönt eine höfliche, ruhige Frauenstimme. "Bitte schließen Sie das Gehäuse zu Ihrer eigenen Sicherheit, um die Prozedur einzuleiten." Knistern. "Ich mach dich kalt, du Made!" Knistern. "Bill, kannst du uns hören? Sie haben den dritten Schweißersaal eingekesselt. Sechshundert Leute können jetzt jede Hilfe brauchen, bevor es zu spät ist! Bill, kannst du mich…" Plötzlich kracht etwas zu Boden. Ich schrecke hoch, versuche etwas zu erkennen, aber es ist so verdammt düster. Es klang nach einer Stahlplatte. Einer sehr großen, schweren Stahlplatte, dem Geräusch nach zu urteilen. Wäre es nur nicht so finster! Musste ich denn auch unbedingt den mit kaputter Innenbeleuchtung erwischen? Plötzlich werde ich geblendet. Blinzle. Schnurrend schaut mich ein Schwebe-Bot aus seiner rot leuchtenden Linse an. Ich stutze. Sofort eröffnet er das Feuer. Die Kugeln prasseln ohrenbetäubend über dem Glasvisier nieder, hinter dem ich versuche, mich in Deckung zu schleudern, aber da ich an die Maschine gefesselt bin, verletze ich mich nur. Es hält ihnen zu meiner Überraschung stand. Noch! Brüllend hole ich aus, und der riesige Metallarm schlägt das Mistviech in seine Einzelteile. Seltsam, dass ich noch immer einen Schein sehen kann. Ich drehe mich geräuschvoll nach der Lichtquelle um. Es ist nicht ein Sklaventreiber. Es sind drei. Sie haben sich durchgebrannt. Rot glühen ihre Plasmabrenner, als sie sich nähern. Schreiend reiße ich mich herum, reiße an allem, was sich bewegen lässt, reiße daran, so weit es eben nachgibt. Ich bin tot. Ich bin tot. Ich bin tot... "Glückwunsch! Sie sind nun sicher. Die Prozedur wird nun eingeleitet. Genießen Sie den Tauchgang und beehren Sie Tasmania Aquamining bald wieder."

Bevor ich reagieren kann, bricht eine große schwarze Flutwelle über uns herein und spült die Roboter von ihren Füßen. Ich schlucke, als das Tiefenwasser durch die Risse tost, die sie selbst hinterlassen haben. Die Basis wird untergehen, mit Mann und Ratte wird sie untergehen. Im Stillen bete ich, dass meine Leute inzwischen die Landeboote erreicht haben. Sirenenschall ertönt...

"Bill!", knistert eine Stimme. "Kannst du mich hören, alter Junge? Die Rebellion hat begonnen!" Eine Pause. "Ich weiß nicht, ob sie dich schon erwischt haben, aber - sie hat begonnen."

Ich nicke langsam. Die Strahlung des Meeresbodens durchdringt mich, seit die Schleuse sich aufgetan hat, das ist mir schmerzlich klar. Sie haben uns nie anständige Schutzanzüge gegeben. Sie haben es uns nie gegönnt.

"Dann schauen wir doch mal, wie viel ich noch reißen kann."

Und das war es leider auch schon. Diese kleine Geschichte, die gerade erst begonnen hat, war mein Beitrag zu einem Foren-Rollenspiel, an dem leider kaum jemand Interesse zeigte. Aber wer weiß - vielleicht schreibe ich sie eines Tages weiter, mit schreibbegeisterten Mitspielern, die ihre ganz eigenen Pläne haben?



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