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Die unvollendete Reise, Teil 2

Aktualisiert: 22. Nov 2019




"Beruhige dich jetzt, Bill." Samba, der hünenhafte Schwarzafrikaner, legt mir eine Hand auf die Schulter. Ich höre all die Angst in seiner Stimme, all die Besorgnis. Er hat so viel mehr gesehen als ich. Und wenn ich in seine sanften Augen schaue, spüre ich, dass sie auch jetzt so viel mehr sehen als meine. Sie sehen in die nächsten Minuten. "Ich bin ruhig, Samba", sage ich leise. Meine Stimme ist dünn und zittrig. "Den Umständen entsprechend. Hast du denen, die nicht mitmachen, gesagt, wo sie sicher sind?" "Bill, genau das wollte ich dir sagen - sie alle machen mit. Selbst die, die in Krücken durch das Lager gehen. Selbst die Kinder. Sie alle werden ihren Beitrag leisten. Sie alle sind bereit, für einander ihr Leben zu lassen." Ich schlucke. So viele Menschenleben liegen ausgerechnet in meinen Händen. Ich habe nie irgendwas gelernt, außer, in schwierigen Situationen zu überleben. Plötzlich fühle ich mich völlig ungeeignet. Aber es hat bereits begonnen. "Samba", beginne ich leise und spähe nochmal in den Gang. Die Beleuchtung ist schummrig. Irgendwo zischen die Gasdrucksysteme eines großen Schotts. Es ist niemand zu sehen; die maskierten und in schwarzes Kunststoff gerüsteten Gestalten, die den Gang passieren, sind schnell weitergehuscht. Normalerweise lungern hier mehrere Sklaventreiber rum, wenn sie in Bereitschaftsdienst stehen. Aber nicht heute, denn irgend so ein Alpha betritt gerade die Basis. In diesen Sekunden. El Pulpo heißt er. Es könnte mir nicht egaler sein. Alphas sind alle gleich. "Samba, wenn ich da rein stürme, dann werden die da oben es binnen zwei Minuten merken, jeder von ihnen. Es ist noch nie vorgekommen. Es sollte auch nie vorkommen. Ich weiß nicht, wie sie reagieren werden, verstehst du? Ich habe keine Ahnung." "Sie könnten dich erwischen, Bill." Ich nicke abwesend. "Sie werden mich erwischen. Dass ich eins der Exoskelette klaue, ist nur ein Ablenkungsmanöver. Ihr müsst sofort in die Schweißhalle und eure Platinen loswerden, erst dann könnt ihr euch wehren. Sie werden versuchen, euch aufzuhalten. Ihr könnt nicht viel dagegen machen. Ihr werdet da einfach durchrennen müssen... die meisten sollten es schaffen. Und dann..." Ich schließe kurz die Augen. "Ich wünsche dir, dass du unter den meisten sein wirst, Samba. Du hast Schneid. Mit dir können sie diese grässliche Basis übernehmen, da bin ich mir sicher. Halt dich am Leben, klar? Du wirst noch gebraucht, wenn das hier 'rum ist."

Eine Pause. Er nickt mir zu. Ein grimmiges Lächeln, das ich zu erwidern versuche. Aber ich bin viel zu betäubt. Mir dreht sich alles. Kurz muss ich daran denken, was geschehen wird, wenn ich das hier versaue. Sie würden... alle... sterben. Und das vorausgesetzt, sie haben Glück. Ein leises Piepen aus dem Nebenkorridor lässt mein Blut rauschen. Sie haben die Schranken sabotiert. Jetzt kann für dreißig Sekunden niemand die Türen durchschreiten, nicht einmal El Pulpo persönlich. Für ihn muss es aussehen wie ein harmloser technischer Ausfall, aber das wird nicht lange anhalten. Ich bin bereits losgestürmt, renne wie der Teufel. Die rote Sicherheitsschranke heult auf, als ich hindurch hechte. Jetzt geht es um Sekunden. Normalerweise wäre jetzt meine Platine ins Spiel gekommen und hätte mir eine tödliche Dosis verpasst - normalerweise, aber das ist nicht heute. Triumphierend überbrülle ich die Sirene. Jetzt kommt der schwere Bohrer ins Spiel, den ich bei mir getragen habe. Ich haue die Glastür ein. Der Rausch verleiht mir Riesenkräfte. Klirren, als sie in tausend Splitter springt. Ich stürme hindurch. Alarm dröhnt in meinen Ohren - egal. Glas bohrt sich höllisch in meine Beine - egal. Ein Sicherheitsbeamter schreckt auf seinem Schlaf hoch. Ich schicke ihn ins Land der Träume oder hoffe es zumindest. Er ist nur ein trunksüchtiger Beta und nicht gänzlich freiwillig hier, soweit ich weiß, aber ich ersticke jede Rücksicht in mir, noch bevor sie keimen kann. Besser, ein Unschuldiger stirbt, als sechshundert. Jetzt übernimmt der Rausch vollends. Ich weiß schon gar nicht mehr, wo ich bin und was ich mache, als ich jeden einzelnen Schalter umlege, der danach aussieht, als würde er irgend etwas auslösen. Erleichterung macht sich in mir breit, als ich entdecke, dass ich soeben die Zellen geöffnet habe, Genugtuung, als ich El Pulpo und seinen Sicherheitsleuten die Sauerstoffversorgung entziehe. Sollen sie doch sehen, wo sie bleiben. Uns hat auch keiner gefragt, ob wir hier unten arbeiten wollen, bis wir unser Leben lassen. Exoskelett. Ich brauche sofort ein Exoskelett, und zwar bevor die Roboter zurückkehren. Solange ich lebe, können sie nicht wissen, was ich als nächstes anrichten werde. Und wer weiß, was mir in den Sinn kommt. Alphas fürchten immer nur um sich selbst, das ist ihre große Schwachstelle.

Ich darf nicht geschnappt werden.

Noch nicht.



Bis bald! euer Schreibotter




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