Die wunderbaren Abenteuer der Müslischachtel



Es war einsam im Regal. Schon lange waren die anderen über den Ladentisch gewandert, waren ihr frohgemutes Geraschel und ihre leuchtenden Farben nur noch blasse Erinnerung. Staub hatte ihre Plätze erobert, sich in Reihe um Reihe breit gemacht. Mit jeder anderen Schachtel, die ein Kunde erlöst hatte, war das drohende Damoklesschwert ihres Bangens über ihr schwerer geworden, dass sie niemand je kaufen würde - aber gleichermaßen war auch diese stille Gewissheit in ihr, dass es nächstes Mal doch ganz sicher sie selbst sein würde, die da endlich im Korb landete, machtvoller in ihr Leben getreten. Bis die letzte andere Müslischachtel neben ihr verschwunden war und sie allein zurück blieb. Die verbitterte alte Schachtel ließ den Blick durch leere Reihen wandern, wieder und immer wieder, und schrie hinaus, dass man sie endlich erlösen solle, doch niemand schien sie zu hören. Sie war allein mit ihrem ungnädigen Schicksal.

Sie erinnerte sich an ihre Kindheit. Die Zeiten damals in der Fabrik. Man hatte sie mit den schönsten und makellosesten Slogans bedruckt, und kein Klecks war daneben gegangen. Da war kein Riss in der Pappe gewesen, der sie minder vertrauenswürdig hätte erscheinen lassen. Sie hatte unbändigen Stolz besessen, damals, wie sie über das Fließband gerollt war, von der heroischen Hand des Exvizeunterabteilungsleiters Rudi Göttich berührt und besehen. Tief in ihrem hämmernden Herzen hatte sie schon damals gespürt, dass sie, ja sie! etwas ganz Besonderes war. Sie war eindeutig die auserwählte Müslischachtel, von der die Prophezeihung gesprochen hatte, die ihr ein altersschwacher Mülltonnendeckel noch zugekrächzt hatte, bevor sie damals verladen worden war – und schließlich ließ sich auch beweisen, dass sie anders war als die anderen. Denn unter ihrer makellos verschweißten Folie ruhten nicht die außen so appetitlich und preiswert angepriesenen 450 Gramm Müsli. Sondern es waren tatsächlich nicht minder als stolze 450,03 Gramm. Es war ihr Geheimnis, das sie von allen anderen Schachteln unterschied. Im Höhenrausch, als drittunterste im Stapel hatte sie den Laden erreicht. Sicher, dass sie es allen zeigen würde, ein junges Müsli mit großen Träumen. Aber eines hatte sie nicht geahnt - dass ein Fluch auf ihr lasten würde. Schwarze Magie, die die Menschen sie immer wieder zurückstellen ließ, so oft sie berührt wurde, während die anderen immer sofort mitgingen. So war ihr nichts anderes geblieben, als hilflos zuzusehen, wie es allmählich immer leerer um sie herum wurde. Ihr einziges Hobby bestand darin, innerlich abenteuerliche Filme zu drehen und in ihrer Fantasie abzuspielen, die alle ganz detailgetreu davon handelten, was tatsächlich um sie herum geschah. Und das war schließlich nichts für schwache Nerven.

Schon hatte sie den Glauben in die Menschen verloren, als der magische Tag, den sie so sehr ersehnt hatte, endlich anbrach. Sie war mutterseelenallein - außer den anderen beiden Ladenhütern natürlich, bei denen den Schreibern dieser packenden Geschichte irgendein Sidekick und ein Loveinterest vorschweben, das Bewährte eben, auf jeden Fall nicht zu mehrdimensional, um unsere heroische Schachtel bloß nicht zu überschatten. Sie stand da also herum und die beiden rissen Flachwitze. Haben wir nicht noch welche in der Kühltruhe rumliegen? Nein, nicht die teuren, sondern die eiserne Reserve. Jaaaa, die! Gut. Ich würde raten, den Schauspielern ihr Glück hier in diesem Script zu ersparen, bis sie es sehen. Könnte sie nämlich echt runterziehen und mittlere Lebenskrisen auslösen. Spielt auch eigentlich keine wirkliche Rolle für den Plot, wenn ich so drüber nachdenke. So, wo waren... stimmt ja! Sie war bereits zu 27% im Preis reduziert worden, aber nicht einmal das hatte sie retten können. Nichts, überhaupt nichts würde die Schachtel mehr retten! Schon dachte das Müsli in ihr daran, zu rebellieren. Immer wieder rieb es sich an ihr und schien nach Rissen und Löchern zu suchen, durch die es wilde Tiere hätte anlocken können, die es von seinem Elend erlösen sollten. Aber die Tüte, so sehr auch sie selbst ihr enttäuschendes Leben müde war, blieb wie von Zauberhand so richtig dicht. So blieb das Müsli verschmäht, sebst von den Insekten, die nachts unter den Regalen nach Schmutz suchten. Hatte das Schicksal vielleicht doch noch seine Pläne mit ihr? Sie... holla!

Jemand hatte sie angestoßen. Es war die wärmste, zarteste Berührung ihres ganzen Lebens. Eine liebevolle Menschenhand nahm sie hoch, drehte und wendete sie. Endlich! Sie würde endlich... „Boah Fritz, zieh' dir dat mal rein!“ „Häh, watt meinse?“ „Die is' von 2002, Fritz. Nee, nich' mal, da isse ja schon vor die Hunde, in dem Jahr damals. Ich sachs dir, saumäßich widerlich, was die hier so ham' alter!“ „Nee, echt jetz? Is' ja mörder!“ „Ranzich, meinse." Eine andere Hand riss an ihr und drehte sie um. 2002? Aber... da war sie doch noch nicht einmal geboren gewesen! Hatte es mit dem Mülltonnenseher zu tun? Hieß das, sie war die Inkarnation einer anderen Tüte? Einer Legende womöglich, die alle tausend Jahre wieder den Planeten retten musste? Plötzlich verstand sie: Ein Zahlendreher! Es war kein Fluch, nur ein dummer Zahlendreher! Ein Lichtstrahl rauschte durch ihr Herz, als sie begriff, was zu tun war. Sie reckte und streckte sich. Sie musste einem der Menschen auf den Fuß fallen. Dessen überraschter Schrei würde die Ladenmitarbeiter alarmieren, und diese würden den Fehler endlich beheben! Ja, so würde sie es machen. Sie musste in sich hinein lächeln, als sie ihren Plan in die Tat umsetzte. Rüttel! Schüttel! „Brat mir'n Bagger mit Beleuchtung! Sach' nich, es lebt auch noch!?" „Puah, bäh Gerte, lass mich damit bloß in Ruhe. Ich dachte ja, so Süßkram hält. Aber das hier, nee echt jetz, is' kein Spaß mehr, mann.“ Plötzlich entwischte sie Gertes Griff. Triumphierend rutschte sie hinab in die Tiefe, schnurstracks auf den schwarzen Stiefel zu, auf dem sie einschlagen würde, um ihr neues Leben zu beginnen, ein Leben, wie die Prophezeihung es vorhergesehen hatte, ein strahlendes Heldenmüsli, bis der Stiefel überraschend aus der Bahn gerissen wurde.

Stein.

Nackter, glänzender Stein. Ein Ruck, und dann nichts. Ihr Inhalt ergoss sich über den halben Laden und die Kakerlaken schmissen in dieser Nacht eine rauschende Party, von der sie ihren Großenkeln noch in der Toilette erzählen würden.

Und die Moral von der Geschicht?

Seufz...


Schreibe aus der Sicht von Essen nicht.


Bis bald! euer Schreibotter





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