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Ein Leben ohne Schatten, Teil 1

Aktualisiert: 22. Nov 2019




Die Tür öffnete sich mit einem nahezu unhörbaren Knirschen, das sich sehr ähnlich auch vernehmen ließ, wenn jemand eine Blumenvase nur ein Stückchen anhob, um sie zu säubern, oder wenn man eine Schublade schloss, die sich ein kleines bisschen sträubte; aber es war nichts von all dem, wie Marie heraushören konnte. Jemand schob eine leise schlurfende Sandale über dem Türrahmen hindurch – behutsam, beinahe schüchtern, und das Atmen, das sie hörte, rasselte nicht im Stress der harschen Realität in diesem Haus, sondern klang leiser, unsicherer. Kurz hörte sie nichts, wie als würde sie beobachtet. Sie erlaubte sich ein Lächeln.

„Nun kommen Sie schon herein, Schwester Lindtner. Ich beiß ja nicht.“

„Sie… Sie haben mich…“

„Ich erkenne jeden, der hier eintritt.“

Schwester Lindtner musste leise schlucken, ein Geräusch, das sie stets vernehmen ließ, wenn sie überrascht wurde.

Sollte sie sie darauf hinweisen?

Besser nicht.

Endlich riss die junge Frau, die aus unerfindlichen Gründen zu meinen schien, dass ein Sprühstoß mehr die bescheidene Klasse ihres Parfüms schon ausbügeln würde und das Parfüm seinerseits den enorm dichten Tabakqualm in ihrer Jacke, sich los. Die Tür knarrte nun sehr laut, bevor sie sich einigermaßen spät und unüberhörbar wieder schloss. Stete, aber immer noch seltsam verhaltene Schritte näherten sich bis auf einen halben Meter.

„Frau Kubi…“, begann sie.

„Ich erinnere daran, dass Sie mich Marie nennen dürfen.“

„Sicher, äh. Marie“, erwiderte die Schwester in unmerklich höherem Ton als üblich. Ihre Schultern mussten sehr verkrampft sein. Hatte sie schlechte Nachrichten?

„Besser. Na dann schießen Sie doch mal los.“

„Frau Dr. Mittermeier meinte, dass Ihre Hüfte sich erholt hat. Ich soll Sie auf einem Spaziergang durch den… durch den Gang begleiten.“

„Durch den Gang?“

„Ja!“

Sie schien es ernst zu meinen.

„Sind wir hier bei versteckte Kamera oder so? Dann können Sie rauskommen. Es ändert sich nichts dadurch.“

„Schauen Sie, ich…“

„Ich bin mir nicht sicher, warum Frau Dr. Mittermeier davon ausgeht, ich bräuchte jemanden, um einmal durch das Stockwerk zu schlurfen. Aber jetzt, wo Sie schon mal hier sind, können wir ja auch in den Garten. Ich brauche mal frischen Wind und warmen Sonnenschein, wissen Sie. Und außerdem sind Sie überarbeitet und könnten da draußen eine rauchen.“

Das leise Rascheln, als sich wiederholt eine ablendende Hand schüttelte. „Nein, Marie, das können wir nicht machen. Das ist…“

Mit einem Freudenschrei riss Marie die Bettdecke zur Seite. Sie spürte ihre Balance, spürte, wann ihr Fuß den Boden berühren würde, noch bevor er es tat. Prüfend rieb sie sich über die metallene Schiene. Ja, heute würde sie endlich wieder draußen sein. Sie umrundete das Bett, das sie spürte, ohne es zu berühren, und stand bereits mit ihrem nagelneuen Blindenstock in der Tür.

„Kommen Sie mit?“

Lindtner hörte sich hysterisch an. „Bitte, bleiben Sie hier!“

...

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