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Ein Leben ohne Schatten, Teil 2

Aktualisiert: 22. Nov 2019





Schon stand Marie am Treppenabsatz. Sicher umklammerte sie das Geländer. Es ruhte kühlend und rau in ihrer Hand; schon viele andere Menschen, die die moderne Medizin als behindert einstufte, mussten ihr gemeinsames Schicksal gespürt und hier gestanden haben. „Marie, nein“, keuchte Schwester Lindtner. „Nein was?“ „Das ist doch nicht der Lift! Kommen Sie mit mir mit. Sie können ja mit mir in den Garten, aber Sie müssen den Lift nehmen. Ich flehe Sie an!“ Marie antwortete nicht. Es roch unbequem beißend nach Tabakqualm. Lindtner schaffte es tatsächlich, die ohnehin schon eher bescheidenen Gerüche des dritten Stockwerkes großräumig zu überdecken – Betäubungsmittel, scharfe Essigreiniger, und andere, noch unappetitlichere Noten, über die Marie sich mit niemandem hier zu unterhalten gedachte. Jedenfalls nicht mit Schwester Lindtner. Eine dünne, zittrige Hand packte sie an der Schulter und krallte sich wie in Panik hinein. Sie riss an ihr, hektisch, ungleichmäßig und äußerst wirkungslos. „Sie tun mir weh“, murmelte Marie. „Kommen Sie ins Zimmer. Ich rufe sonst den Chefarzt, hören Sie?“ „Tun Sie das, er kann Ihre Nervosität sicher besser behandeln als ich.“ Schraubstockartig griff Marie mit der freien Hand nach dem dünnen Handgelenk der Krankenschwester, überging den Schrei und stemmte ihn von sich. Die Fingernägel hörten sich dabei an, als würden sie etliche kleinste Risse in ihrer alten Bluse hinterlassen, aber die war ohnehin über und über zerknittert. „Hören Sie mir zu“, erwiderte Marie nun lauter. „Ich werde jetzt in den Garten gehen. Es ist der erste Schritt zurück in mein Leben vor dem Leistenbruch. Ich habe bei mir zuhause keinen Lift, ich wohne im sechsten Stock, und ich muss wissen, ob ich das hier noch kann, ohne Fehler zu machen. Sie werden mich begleiten. Es wird nichts geschehen. Berauben Sie mich noch einmal meiner Freiheit als erwachsener Frau, und Sie sind hier raus. Ich meine, Sie verlieren Ihren Job. Klar?“ Schon wieder dieses echsenhafte Schlucken. Nun, immerhin schien sie sich jetzt zu beruhigen. Die zappelnde Hand wurde schlaffer, bis Marie sie bedenkenlos loslassen konnte. Sie nahm den Blindenstock von ihrem Gürtel und machte den ersten Schritt. Plötzlich war alles anders. Ihr Fuß harrte still in der Luft. Sie hatte vor, ihn abzusetzen; sie wollte es tun, aber sie konnte nicht. Etwas hemmte sie. Etwas schien ihre linke Hand um das Geländer geschlungen und bombensicher verriegelt zu haben. Etwas, das nicht wollte, dass sie diesen Fuß absetzte, seit sie spürte, dass er schon die Höhe des anderen unterschritten hatte. Ihr Fuß schien gegen eine unspürbare Mauer aus Zement zu stoßen. Die quengelnde Schwester war wie vergessen. Es war Unsinn, das wusste sie. Ihre linke Hand meldete ihr, dass sie das Geländer haben würde, selbst wenn sie ausrutschte. Und der Blindenstock meldete ihr in der rechten, dass da sicherer Grund und Boden war, wunderbar eben, steinern, exakt da, wo sie den Fuß abzusetzen plante. Nie zuvor hatte eine harmlose Stufe, von der sie doch spürte, dass sie da war, in ihr so sehr den Drang schüren können, umzukehren. „Marie... ?“ „Es ist schlimmer, als befürchtet“, murmelte sie.

„Sie müssen schon wieder an diesen Bordstein denken, nicht wahr?“, fragte Lindtner, jetzt überraschend ganz ruhig und einfühlsam. Marie schluckte schwer, dann nickte sie. „Manchmal sind die Verletzungen, die am schwersten heilen, nicht die sichtbaren", erklärte die Schwester geduldig und fasste sie bei der Hand. „Nun kommen Sie schon, ich bringe Sie sichr zum Lift." Jegliche Schwere fiel von ihr ab. „Einverstanden."





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