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Gartenbesuche, Teil 1

Aktualisiert: 22. Nov 2019




Es war über Jahre meine Gewohnheit, morgens den botanischen Garten der Ruhr-Universität zu besuchen, um Bücher zu lesen, Tee zu schlürfen und mir gedankliche Skizzen zu machen. In dieser Reihe möchte ich ein paar harmlose und ganz und gar tatsachengetreue Geschichten erzählen, die sich - da ich niemanden mit meiner Routine dort langweilen möchte - um Begegnungen mit der Fülle von Tieren drehen, die diesen wunderschönen Garten beleben oder durch ihn angezogen werden. Die meisten Menschen machen einen großen Bogen um diesen Garten, weil er so schön und erholsam ist und sie aus ihrer täglichen Routine bringen würde, die hochgradig stressbasiert ist (wie es im Neoliberalismus ja normal ist). Die meisten Studenten wissen gerade noch, dass er existiert - aber nicht, dass er nur zehn Minuten zu Fuß von den Seminarräumen liegt. Außer mir waren die meisten Besucher entweder die, die ihre Hunde ausführten, oder aber Kunststudenten, die sich hier niederlassen, um zu üben. Biologiestudenten sah man ca. einmal im Jahr, auch wenn ich schätze, dass das daran liegt, dass sie normalerweise eher hinter den Kulissen zugange sind wie auch das Personal. Aber wie dem auch sei. Die Tiere schätzen die Ruhe, und wer kommt, um sie zu beobachten, tut dasselbe. Das merkt man auch schon, wenn man nur in seiner Nähe wohnt. Die Umgebung des botanischen Gartens ist ein Paradies für alles, was Federn hat. So ließ sich ein Adlerpaar mehrmals hinter meinem Studentenwohnheim nieder - durch die Balkontür kamen sie mir zum Glück nicht geschneit. Eines Morgens allerdings, nach einer bitterkalten Nacht, weckte mich das Piepsen einer Blaumeise, die überraschend hinter dem Kleiderschrank hervor sprang. Sie sah mich mit großen Augen an, dann versuchte sie, nach draußen zu entkommen, aber das Fenster war natürlich geschlossen. Sie musste abends beim Lüften durch den Spalt geschlüpft sein. Eine halbe Stunde muss sie damals an der höchsten Stelle meines Zimmers gesessen und mich vorwurfsvoll angeschaut haben, während ich mich wieder ins Bett verkrümelt hatte, um das offene Fenster zu ertragen. Furchtbar niedlich, aber auch ganz schön ängstlich. Schließlich überwand sie sich dann aber doch und hat sich seither auch nie wieder in meine seltsame Höhle verirrt.

Ein bisschen spannender - aber rückblickend demselben Phänomen geschuldet - war die Begegnung des kleinen Finken mit einer eigentlich tierlieben Schulklasse vor dem Tor des botanischen Gartens. Ich kam gerade in meiner Routine vorüber, als mich die Schüler baten, mir ein Stück Mauer anzusehen, um das sie sich geschart hatten. Ich war überrascht - was konnte das sein? Rasch stellte sich die Attraktion als ein kleiner Grünfink heraus, der gegen die Mauer gedrängt saß und offensichtlich nicht mehr flugfähig war. Er saß einfach nur da und starrte die Kinder an, die um ihn herum aufragten wie Bäume. Ich nahm ein Taschentuch heraus - es brachte nicht viel, er biss mich trotzdem blutig, aber was tut man nicht alles - und lupfte ihn vom Boden, um ihn mir näher anzusehen. Der Fink starrte mich aber nach wie vor bloß böse an. Ich hatte schon so eine Idee, was hier nicht stimmte, also bat ich die Schüler, alle mal einen großen Schritt zurückzutreten. In derselben Sekunde, als sie es taten, sprang der Fink auch schon aus meiner Hand und flatterte fröhlich davon. "Der kann ja fliegen", staunte eines der Kinder. "Der hat uns die ganze Zeit bloß angeschmiert", ein anderes. Ich musste lachen.

Tatsächlich meinte er es ganz sicher nicht böse. Aber die meisten seiner Fressfeinde - wie Raben oder Falken - sind in der Luft schneller als er. Mag ein bisschen überraschen, aber das größere Tier tendiert immer auch dazu, das schnellere zu sein. Die Trumpfkarte des Finken liegt in seiner Beweglichkeit, seiner unberechenbaren Flugbahn - aber die kann er nur ausspielen, wenn man ihm den entsprechenden Raum lässt. Deswegen kann es ihn lähmen, wenn man ihm zu nahe kommt.

Soweit meine Interpretation des Geschehens.


Bis bald! euer Schreibotter




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