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Gartenbesuche, Teil 3

Aktualisiert: 22. Nov 2019





Bei strömendem Regen liest es sich draußen doch eher schlecht, und so wurde ich ein Stammbesucher der beheizten Gewächshäuser. Das Tropenhaus, welches das größte und schönste ist, sprach mich dabei ganz besonders an. Hier begegnen neben dem einmaligen Pflanzenreichtum auch viele nicht einheimische Tiere, darunter auch die unangefochtene Herrin des Fischteiches: Eine Rotwangenschmuckschildkröte.

Dieses Tier sonnte sich gerne auf genau derselben Steinmauer, auf der ich gern saß und las, und ich glaube, schon deshalb neigte sie dazu, mir zu misstrauen. Schildkröten sind nicht unbedingt begnadet darin, rasch die Flucht einzuschlagen, und schätzen daher gegenüber Fremden ihren Sicherheitsabstand.

Der Teich war damals zwar bereits ihr frisch bezogenes Revier, aber für ihre Bedürfnisse umgestaltet war er noch nicht. (Das wurde später nachgeholt.) Anfangs musste sie sich noch anstrengen, um die Mauer zu erklettern und aufs Trockene zu kommen, und eine Brücke nach draußen existierte überhaupt nicht. Sie kannte zwar eine Stelle, an der es sich ausbrechen ließ, indem sie kontrolliert von der Mauer herabrutschte; im Sinne des Erfinders war das aber anscheinend nicht. Es bestand für das einmal ausgebüchste Tier nämlich keine Möglichkeit, in den Teich zurückzuklettern.

Schildkröten sind nicht dumm. Sie können das hier und jetzt erstaunlich scharf beurteilen. Die besten Planer jedoch sind sie nicht. Das jedenfalls bewies mir dieses Tier eines Tages bei strömendem Regen, als ich vermutlich die einzige Person im botanischen Garten war. Ich saß gerade am Teich und las, als ich hörte, wie die Schildkröte gegenüber von mir aus dem Becken rutschte. Darum, wie sie zurückkehren sollte, schien sie sich keine Gedanken zu machen. Schließlich konnte sie jederzeit die massive Steinmauer mit ihren Gräberklauen beiseite schaufeln und wenn nicht, würde sich ja bestimmt ein anderer Teich finden, wo man sie genauso generösfütterte. So oder so ähnlich muss das Tier sich das gedacht haben, wenn es sich überhaupt etwas dabei dachte - wer weiß das schon. Ich weiß nur, was sie leitete. Denn als sie so über den Fußweg des Tropenhauses watschelte, schien sie etwas wie magisch anzuziehen, das mich sehr überraschte:

Die Scheibe.

Die Schildkröte manövrierte sich durch die Büsche, bis sie vor der regenüberströmten Glasscheibe anhalten und hinausschauen konnte. Eine gute halbe Stunde verstrich so, ohne dass sie den Blick abwendete oder das Interesse verlor. Man konnte überhaupt nichts durch diese Scheibe erkennen - es war beinahe, als wäre draußen ein Fluss heruntergestürzt. Aber wer weiß, vielleicht war es gerade das, was sie so daran liebte.

Inzwischen musste ich los, Regen hin oder her. Aber wenn niemand hier war, um auf sie aufzupassen, konnte auch niemand die Schildkröte zurück in ihren Teich setzen. Ein Ruck, und das erstaunlich schwere Tier hatte sein Flugticket. Ich kann nicht behaupten, dass sie einverstanden war - starke, stumpfe Krallen bohrten sich strafend in meine Hände. Ich hatte gerade meinen Rucksack gepackt, als ich sie schon wieder ausbrechen hörte. Sie krabbelte stur an genau dieselbe Stelle zurück. Ich wartete einige Minuten, dann wiederholte sich das Spiel. Diesmal strafte sie mich, indem sie mich von oben bis unten mit einem Strahl einurinierte. Ich fühlte mich endgültig, als hätte ich es mit einem trotzigen Baby zu tun. Ich beschloss, dass ich für sie genug getan hatte.

Der Schildkröte ging es auch noch viele Semester später bestens. Ihr Gehege wurde artgerecht angepasst und selbstständige Spaziergänge auf dem Trockenen wurden ganz normal.

Mir hat sie nie verziehen.


Bis bald! euer Schreibotter





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