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Gleichheit ohne Streit

Aktualisiert: 22. Nov 2019







Die meisten Menschen glauben, solange sie die moralische Überlegenheit haben, könnten sie sich alles erlauben. Beispielsweise, sie wegzuschmeißen.



Eins vorweg – dass ein verbissener Streit um eine Sache, die moralisch ist und niemandem weh tut, nicht wünschenswert ist, sollte allen einleuchten. Und auch, dass das Gespräch die Form eines Streits an keiner Stelle anzunehmen braucht, gleichgültig, wer wem was mitteilen möchte. Man salzt Mitteilungen, die ankommen sollen, nicht mit Beleidigungen, sondern mit Empathie und Geduld. Es ist strategisch sinnentleert, zu streiten. Man kann eine Person zum Schweigen bringen, indem man sie niederbrüllt, aber zu meinen, damit sei sie überzeugt, ist der meistverbreitete Selbstbetrug dieses Planeten. Und es bringt nichts, im Recht zu sein, wenn wir es nicht schaffen, einander zu überzeugen.

Im Licht dieser Erkenntnis sind wir hier, ich und alle, die das hier weiterlesen werden. Sie lesen es, weil sie sich Frieden wünschen. Sie lesen es, um zu lernen, warum dieser Streit nie hätte beginnen müssen.

Und wie wir ihn beenden können.


Das Projekt einer Kunst, die die Gleichheit allen menschlichen Lebens betont und stärkt, ist ebenso bedeutsam wie zerbrechlich. Soll es gelingen, darf die soziale Gerechtigkeit nicht länger abgewertet oder lächerlich gemacht werden. Und das wiederum führt uns im neutralsten und arglosesten Sinne zu der Frage, warum dies geschieht.

Möglicherweise haben alle, die diesen Satz lesen, bereits eine ausführliche Antwort auf diese Frage. Ich erkenne alle diese Antworten an. Aber ich möchte hier meine eigene ausbreiten, die ihr vielleicht noch nicht kennt und die eurer vielleicht auch gar nicht entgegenstehen muss, sondern sie ergänzt. Ich werde diese meine Antwort nun ausführen, und zwar in mehreren behutsamen Schritten einer philosophischen Analyse. Erwartet niemals von einem einzelnen Satz, dass er euch erhellen und eure Lebenswirklichkeit verändern könnte. Es ist möglich, aber wir werden weit ausholen müssen.


Ich beginne.



1. Das Problem


Ich werde hier die Gleichheit in der Fiktion betrachten, aber die Schlüsse, wie wir sehen werden, sind verallgemeinerbar. Fiktion kann, wie wir alle wissen, dazu dienen, der Realität vorübergehend zu entkommen. Die Frage, ob sie angesichts dieser Natur überhaupt eine politische Ebene hat oder haben muss, ist durchaus umstritten. Und das, scheint mir, nicht ohne Grund – denn zwei sehr unterschiedliche Facetten der Fiktion lassen sich heranziehen, mit sehr unterschiedlichen Resultaten. Fiktion ist ein doppeltes Spiel:

Einerseits baut Fiktion nicht unbedingt auf unserer Realität auf. Sie hat die Freiheit, ein Universum fernab aller unserer Probleme zu zeichnen, ein Universum, in dem Probleme unserer Gesellschaft und somit auch der moralische Fortschritt unserer Gesellschaft scheinbar nichts zu suchen haben. Indem wir in sie eintauchen, kann sie uns von all dem scheinbar losmachen.


Scheinbar!


Denn andererseits baut sie natürlich auf Ideen auf, die uns vertraut sind. Sehr schnell wird sie, absichtlich oder nicht, zum Resonanzobjekt unserer Realität, in dem unterschwellig Ideen und Annahmen als »natürlich« suggeriert werden. Noch bedeutender, sie baut nicht nur auf Ideen aus der Realität auf, sondern formt selbst auch neue mit. Fiktion kann also sehr wohl beeinflussen, wie wir in unserer Realität über Nationalitäten denken, über Kulturen, über die Gleichstellung und über vieles mehr – im Guten ebenso, wie im Schlechten. Letzteres, indem sie unzutreffende Bilder zeichnet, die wir annehmen und an denen wir uns anschließend im echten Leben orientieren. Diesen Prozess nennt man auch Propaganda, und er liegt auch dann vor, wenn solche Botschaften durchaus unbeabsichtigt sind. Rassismus in der Kunst ist ein ernstes Problem, und wir können nur hoffen, dass er es eines Tages nicht mehr sein wird.

Insofern ist es selbstverständlich eine außerordentlich begrüßenswerte Entwicklung, dass wir einen neuen Trend hin zur Repräsentation der tatsächlichen Bandbreite des Menschseins und aller unserer unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten erleben, um eine verständnisvolle, humanere Gesellschaft zu schaffen.


Aber wer nun meint, damit sei der Käse gegessen, unterschätzt genau dies – wie höllisch facettenreich und subjektiv es sein kann, ein Mensch zu sein. Breite Schichten und Milieus laufen Sturm gegen ein dermaßen schönes und unschuldiges Projekt, und wir sind nicht hier, um sie blind zu verdorbenen Feinden des Humanismus zu erklären, sondern um zu verstehen, welche Prozesse sich hier vollziehen.

Und, wie sie sich ändern lassen.



2. Das Problem am Problem


Bereits an dieser Stelle verlieren die Fronten, die sich gegenseitig wieder zuhören noch zuhören wollen, den roten Faden. Die Phänomene, denen wir nun nachspüren werden, sind ebenso allgegenwärtig wie unbeachtet und unverstanden.

Die Philosophie kann uns helfen:

Die Moraltheorie lehrt schon seit Jahrhunderten einstimmig, dass nur zwei Phänomene sich jemals moralisch ausmessen lassen und somit eine verantwortliche, d. h. ethisch politische Ebene besitzen: erstens, unser Handeln; zweitens, unsere Überzeugungen, aus denen heraus wir handeln. Eine Fiktion ist nun aber weder ein Handeln, noch eine klar und verbindlich ausgedrückte Überzeugung. Sie kann nicht wie die unmittelbare Forderung behandelt werden, dass jeder Mensch über 85 Jahren das Recht auf kostenloses Himbeereis habe. Kunstschaffende müssen nicht gutheißen, was sie abbilden. Konsumenten müssen nicht gutheißen, was sie sehen. Diese Beobachtung mutet nun erst einmal sehr akademisch an. Ihre tatsächliche Tragweite wird sich in den nächsten Schritten nach und nach herausstellen.



3. Das Potenzial der Fiktion


Fiktion kann, wie wir schon sahen, natürlich Bilder entstehen lassen, die wiederum das Potenzial haben, bestimmte Überzeugungen zu schüren, und zwar sowohl bewusst, als auch unterbewusst. Bis zum Entladen des Potenzials, d. h. dem Entstehen der Überzeugung, gilt es aber einen nicht zu unterschätzenden Schritt zu machen, und zwar den der subjektiven Interpretation durch das kritisch denkende Publikum.

Dieser Schritt wird gerade durch die, die die Besonderheiten des Individuums hervorheben möchten, gerne übersehen bzw. als unbedeutend abgetan, was hochgradig übereilt und gefährlich ist. Eine Fiktion hat zwar stets einen klar erkennbaren Inhalt. Aber wie man nun ihn interpretiert und assoziiert, d. h. was man sich aus ihm in der Realität macht, ist eine fundamental andere Sache. Frühere Erlebnisse, Kultur und Subkultur, Psyche, Lebensalter und Milieu entscheiden mit, welche Botschaften man für sich mitnimmt, und welche man bleiben lässt. Bedeutsam ist, dass sich auch dies sowohl bewusst, als auch unterbewusst vollziehen kann. Nichts wäre bedenklicher, als aus der bloßen Tatsache unterbewusster Begleittöne zu schließen, diese müssten sich auf alle Betrachter gleichermaßen auswirken. Kein besseres Beispiel dieses Phänomens wird sich finden als die große Begeisterung, die den klassischen Star Wars-Filmen entgegenschlug (die erste der drei Trilogien). Der erste Film, mit dem alles begann, war außerordentlich beliebt in den chinesischen Kinos, und das, obwohl in ihm keine Chinesen mitspielen und ein »westliches« Imperium mit eiserner Faust über die Galaxis herrscht. Hier wird aus zeitgenössischer Sicht die Überlegenheit der »westlichen« Menschen ausgesagt, was natürlich höchst rassistisch anmuten muss. Aber damals, für die damalige Generation, die sich so viel deutlicher an die abstoßende Realität des Kolonialismus im 19. Jahrhundert erinnerte, glich dieser Film einem antirassistischen Befreiungsschlag. Ihre damalige technologische und militärische – aber nicht moralische! – Überlegenheit hatten die europäischen Nationen ja brachial und ausgiebig unter Beweis gestellt. Für die Menschen interessant war daher nicht, dass die westlichen Menschen imstande waren, ein mächtiges Imperium zu schaffen – das wusste jedes Kind – sondern die verspätete Einsicht, dass dieses Imperium durch und durch böse war. Die Tatsache, dass westliche Menschen hier als Rebellen auftraten und heroisch ein böses westliches Imperium stürzten, muss als eine zwar nicht die Schuld tilgende, aber immerhin äußerst deutliche Entschuldigung begriffen worden sein. Hätte die Rebellen Allianz in diesem Film nicht aus westlichen Schauspielern bestanden, so wäre diese antirassistische Botschaft mutmaßlich schwächer ausgefallen.


Heißt dies, dass es in den neuen Filmen ein Fehler ist, ethnisch diverse Schauspieler zu engagieren? Selbstverständlich nicht. Die Lektion ist ausschließlich, dass Interpretationen sich wandeln.

Und stets überraschen können.



Lassen wir dies sacken.



Bloß Jahrzehnte später erscheinen die alten Filme natürlich in einem komplett veränderten Licht. Das, was einst antirassistisch war, muss einmal rassistisch scheinen. So können wir es uns auch bei vielen überholten Feministen denken – das, was einst als Besserung gemeint war, wird unseren modernen Selbstverständlichkeiten nicht mehr unbedingt gerecht und kann sie beleidigen. Ein anderes Beispiel sei hier noch genannt, der Herr der Ringe. J. R. R. Tolkien kann als für seine frauenrechtlich düstere Generation durchaus als Feminist gelten, denn dass er überhaupt Frauenrollen verteilte, denen eine nennenswerte inhaltliche Bedeutung zukam, war nicht eben Standard. Eine Frau, der es verboten ist, in die Schlacht zu ziehen, tötet den Hexenkönig und damit einen der mächtigsten Feinde Mittelerdes. Das wird manche Leser damals beeindruckt, und andere befremdet haben. Aber lesen wir seine Geschichte heute, dann sind wir natürlich mehr davon befremdet, wie selten und spärlich diese Frauenrollen sind.

Die Bandbreite der Interpretationen, wie man sehen kann, ist unglaublich. Dies hängt damit zusammen, dass alle Interpretationen zwar abhängig von der Perspektive, aus der heraus sie gemacht werden, wahr oder unwahr sein können – eine Perspektive hingegen, also ein System, um dargebotene Inhalte zu entschlüsseln und sich auf sie einen Reim zu machen, ist niemals wahr oder unwahr, sondern Realität.

Und zwar, wie ich bemerken möchte, eine sehr bunte Realität.

Aber warum?



4. Die Prämisse


Die Philosophie hilft uns aus, denn in ihr hat das Phänomen, das hier verantwortlich ist, einen Namen: Prämissen. Eine »Prämisse« ist in der Philosophie jedoch nichts, das in der Fiktion im Besonderen bedeutsam wäre, sondern es handelt sich schlichtermaßen um eine Idee, die uns leitet, wann immer wir einen Schluss ziehen.

Ein rasches Beispiel:


1) Haben wir in uns die absolut unwahre Prämisse, dass Frauen nicht todbringend mit einem Schwert umgehen können, dann muss uns Tolkien in seiner Geschichte stutzen lassen. Dem Hexenkönig von Angmar scheint es so ergangen zu sein, sonst hätte er sich sicher besser vorbereitet.


2) Haben wir hingegen die Prämisse verinnerlicht, dass Frauen mit einem Schwert verflucht tödlich sein können, dann wird das, was Tolkien hier schildert, uns entweder erfreuen, oder wir werden es – wenn der Prozess, in dem wir eine Prämisse untersuchen, abgeschlossen ist – zusehends als selbstverständlich abtun. Dies erachte ich als bedeutsam. Gilt die Gleichheit uns als selbstverständlich, dann ist durchaus nichts schlecht daran, dass wir nicht mehr darauf schauen, wer nun den Hexenkönig besiegt hat. Es scheint mir stattdessen ein Zeichen, dass wir uns von Irrtümern bereits gelöst haben.


Es gibt allerdings noch einen dritten Fall, nämlich den, dass wir keine solche oder ähnliche Prämisse in uns haben, d. h. mit der aufgeworfenen Frage unvertraut sind. Dann – und nur dann! – sind wir durch die Bildnisse in der Fiktion leicht erreichbar und in dem, wer und wie wir sind, veränderbar. Es hilft keinem unheilbaren Chauvinisten, dass wir ihn mit dem Tod des Hexenkönigs konfrontieren, denn er wird lachen. Die unaussprechliche Macht, die viele in der Repräsentation durch die Fiktion zu erblicken meinen, hat diese im Guten und im Schlechten immer nur da, wo die Menschen sich noch kein bewusstes Bild gemacht haben. Es ist sehr richtig, dass es etliche Fälle gibt, in denen die meisten erwachsenen Menschen sich noch kein bewusstes Bild gemacht haben. Es ist sehr richtig, dies mit einer besseren Repräsentation zu ändern. Beides heißt jedoch nicht, dass wir uns einen Gefallen tun, Repräsentation als das alleinige Maß unseres moralischen Fortschritts anzusehen; denn wie wir nun sehen, stößt sie auf Grenzen. Grenzen, die sich mit anderen Mitteln durchaus beiseite räumen lassen. Aber eins nach dem anderen.

Schließlich stehen wir scheinbar vor einem unlösbaren Problem. Denn wie ist mit der Tatsache umzugehen, dass ein und dieselbe Fiktion aus mehreren Blickwinkeln die unterschiedlichsten Botschaften enthalten kann, dass sie unterhalten, nutzen und schaden kann in derselben Sekunde, je nach dem, wer sie konsumiert? Und wie kann es sein, dass die eine Perspektive zwar kein bisschen wahrer oder unwahrer ist als die andere, aber dennoch so etwas wie ein moralischer Fortschritt in unseren Überzeugungen möglich ist? Nun – es geht bei alldem vielleicht nicht so sehr darum, eine möglichst wahre Perspektive zu finden. Sondern eine möglichst reiche. Darum, durchs Fenster hinaus ins Blumenbeet zu blicken, statt vor der nackten Fassade daneben herumzustehen und von den Blumen, die draußen gegossen werden möchten, gar nichts zu ahnen.

Aber wie?



5. Die Pflicht der Gesellschaft


Es ist die unbestreitbare Pflicht aller, die Fiktion schaffen, sich mit den Problemen und Fragen des Lebens auseinanderzusetzen. Die daraus resultierende Rolle könnte man, soweit ich es sehe, in zwei Schritten auffassen: Erstens müssen sie es vermeiden, Propaganda zu schaffen, die unterbewusst zu unwahren Überzeugungen beiträgt. Außerdem scheint es sinnvoll, zu versuchen, solche Irrtümer in der eigenen Fiktion abzubauen. Selbstverständlich existiert hier ein neutraler Boden. Fiktion kann wunderbar sowohl keine Irrtümer schüren, als auch keine beheben. Rotkäppchen ist sicherlich keine rassistische Geschichte, bloß weil sie nichts dazu beiträgt, Rassismus einzudämmen – ein solcher Blickwinkel wäre äußerst eindimensional und verengend und wir müssen uns fragen, welchen Sinn es hat, alle anderen Themen unter der Sonne aus der Betrachtung zu verbannen. Für mich als Kunstschaffenden heißt verantwortungsbewusste Kunst, den gesamten Blumengarten des Lebens sichtbar zu machen, nicht immer nur eine Blume. Sehr viel interessanter ist nun, was unsere Pflicht als Konsumenten und der Gesellschaft als Ganzes sein könnte.

Endlich sind wir nun dort, wo sich der Großteil des Streits entlädt: bei der Frage nach dem gesellschaftlichen Umgang. Ergeben sich Pflichten aus Sicht der Konsumenten einer Fiktion? Man könnte argumentieren – und das wird getan – dass alle, die eine bestimmte Fiktion konsumieren und wie auch immer unterstützen, damit auch ihre Risiken verstärken. Sozusagen stille Überträger: Bloß, weil du über unglückliche Interpretationen dieses Films erhaben bist, sind es andere noch lange nicht. Und das ist ja auch richtig. Rückständige Ideen sind, wie alle anderen auch, nicht allein im Individuum verwurzelt, sondern in der Gesellschaft als Ganzes, und um sie zu überwinden, muss man sie somit auch als Ganzes mobilisieren.


Bloß, wie?



5 a) Die Strategie der Interpretationshoheit


Hier scheiden sich die Geister auch schon wieder. Denn auch dann, wenn wir alle in dieser Erkenntnis übereinstimmen, lassen sich höchst unterschiedliche Schlüsse ableiten, wie wir dies zu verwirklichen haben, je nach der Feinheit unseres Menschenbildes. Falls wir nicht beachten, was wir in diesem sehr weit ausholenden Blogbeitrag bisher erarbeitet haben – nämlich die unermessliche Bandbreite der Interpretationen ein und derselben Fiktion – so läge der Fehler nahe, einheitliche Standards nicht nur an die Kunst selbst anzulegen, sondern auch an das Erlebnis, das sie in uns als ihrem Publikum auslöst. Soll heißen, jede Fiktion wird mit einer geltenden Interpretation versehen. Eine Interpretationshoheit wird erhoben.

Das, was sich so edel anhört, heißt im Klartext:

Jede, die eine Fiktion konsumiert, die sich aus einem beliebigen Blickwinkel heraus als rassistisch deuten ließe, ist als »Rassistin« anzusehen. Jedes Kind, das Lucky Luke liest und seine Freude hat, ist in der Schusslinie, unter anderem, weil Chinesen hier mit vorstehenden Zähnen abgebildet werden. Jeder, der Kunst anders erlebt und sich an solchen Details nicht stört und nicht von ihnen beeinflussen lässt, hat einen Schaden und ist eine Gefahr. Ich musste mir tatsächlich selbst mehrmals anhören, alles mögliche zu sein, weil ich Fiktionen betrachtete, ohne mich dabei als bestens informierter Humanist von möglichen Problemen beeinträchtigen zu lassen. Probleme, die ich durchaus anerkenne – bloß mich selbst beeinflussen sie nicht. Die Immunität gegen Rassismus macht mich demnach somit zu einem Rassisten.

Ich möchte ein Beispiel liefern:

Ich, der kürzlich Metal Slug 3 spielte, wo japanische Panzer auf Menschenbeinen erscheinen, und über diesen aus meiner unmaßgeblichen Sicht absolut unernsten Scherz herzlich lachen musste, bin in der Schusslinie. Ich bin, so scheint es, ein Menschenhasser, der Japanern nicht die gleichen Rechte zugesteht wie allen anderen (ein sehr rascher, sehr weitgehender Schluss). Das Fatale ist erst einmal, dass hier nicht Handlungen oder Sichtweisen verurteilt werden, sondern Menschen. Die, die sich als Hüter der wahren Interpretation erachten, werden mit mir nicht darüber debattieren, warum Rassismus falsch ist, denn das weiß ich ja schließlich schon. Sondern sie werden mir sachfern und selbstüberhöhend erzählen, dass sie »richtig« empfinden und ich »falsch« – und dass ich dadurch ein Feind des moralischen Fortschrittes sei. Statt einer sachlichen Diskussion, die Irrtümer behebt, rutschen wir so blitzschnell in einen emotionalen Streit darüber ab, wer hier der bessere Mensch sei. Es scheint, als müsse man ein Gottkaiser der Gerechtigkeit sein, um sprechen zu dürfen, aber davon laufen leider nicht genug herum. Schlimmer noch, als sich eine eigene Interpretation zu erlauben, d.h. »unwissend« zu sein – und ich wünschte mir sehr, dass ich mir diese erschütternd bevormundende Rhetorik gerade ausdenken würde – sind jene, die sich nicht »belehren« lassen, soll heißen, es nicht einsehen, ihre individuellen Gefühle zu leugnen. Tatsächlich lässt die Moraltheorie uns wissen, dass wir unsere Gefühle niemals rechtfertigen müssen, denn Gefühle sind keine willkürlichen Taten, zu denen wir uns nach bestem Gewissen frei entscheiden.

Sie sind wie auch schon die Perspektiven:

Realität.

Sie kann man nicht verbieten.

Harmlose Personen in Sekundenschnelle in eine Schublade namens »Menschenhasser« zu stecken, nur weil sie einen anderen Humor haben, hat nun selbstredend das Potenzial, unser Projekt eines moralischen Fortschrittes zu ruinieren und lächerlich zu machen. Brücken zwischen unterschiedlichen, aber gleichwertigen Individuen werden hier nicht errichtet, sondern mit vollen Händen eingerissen. Das Resultat ist eine Gesellschaft, die in Lager gespalten ist. Sie verbeißen sich so unversöhnlich ineinander, dass nicht nur die sachliche Diskussion abstirbt, sondern mit ihr auch der moralische Fortschritt selbst.

Bitte nun nicht falsch verstehen – sehr viele Medien haben das Potenzial, schädlich und z.B. rassistisch zu sein, wenn man sie so interpretieren möchte. Aber daraus folgt nicht, dass sie es auch immer sind. Die Sache mit einem Potenzial ist, dass es sich entladen kann oder eben nicht. Das kleine Kind weiß vielleicht schon, dass Chinesen nicht wirklich so aussehen. Lucky Luke sieht ja auch nicht gerade aus wie das Foto eines echten Menschen. Und ich weiß vielleicht, dass der Seitenhieb in Metal Slug 3 überspitzt auf die Tatsache anspielt, dass japanische Panzer vergleichsweise sehr klein und einfach waren, da sie im chinesischen Dschungel operieren mussten – und dass diese Tatsache über ihre Erbauer rein gar nichts aussagt, außer taktisches Gespür. Nein, ich und das Kind sind vielleicht gar keine gefährlichen Menschenhasser, sondern einfach nur harmlose Personen, die ihre Freude an der Fiktion und der eigenen Freiheit haben und in der Realität vielleicht als entschiedene Antirassisten auftreten. Selbstverständlich ist das alles jedoch nur meine persönliche Interpretation, die absolut keine Hoheit über irgendeine andere beansprucht – wer dieses Bild vom japanischen Panzer verletzend findet, hat darin meinen Respekt. Ich muss eine solche Sicht nicht teilen, um dafür aufzustehen und mich dafür einzusetzen, dass sie Gehör findet, beachtet und im vollsten nur erdenklichen Maße berücksichtigt wird. Die Freiheit des einen, sich einen Spaß zu erlauben, sollte selbstredend da aufhören, wo dieser Spaß jemand anders verletzt, das nenne ich Pietät.

Ich bin nicht allwissend. Aber nach allem, was ich erlebt und beobachtet habe, kann ich für mich resümieren, dass Strategien, die das Gegenüber entmündigen, primitiv sind und untauglich, den moralischen Fortschritt der Gesellschaft zu untermauern. Sie bewirken bestenfalls Antiwerbung und erziehen die Menschen dazu, unser Projekt zu hassen und auf den gesellschaftlichen Fortschritt zu pfeifen. Kurzum, sie sind vollkommen unverantwortlich.

Aber wie es besser machen?

Ein alles rettendes Stichwort drängt sich auf:

Aufklärung!

5 b) Die Strategie der Prämissenkontrolle

Könnte es nicht sein, dass wir dem Rassismus von Metal Slug 3 den Stachel ziehen, indem wir unsere Mitmenschen darüber aufklären, warum die japanischen Panzer waren, wie sie waren? Könnten die Hersteller des Spieles nicht einfach eine entsprechende Referenz hin zu aufklärerischem Material einbinden? Könnte es sein, dass wir dem Rassismus von Lucky Luke, dem Sexismus des Herrn der Ringe, den scheinbaren kolonialen Problemen Star Wars und vielem mehr den Stachel ziehen, indem wir einander erklären, wie es wirklich ist – und so die unausweichliche Schattenseite der Fiktion, die niemand leugnen kann, in der humansten, friedlichsten und besten aller Formen bannen?

Aufklärung setzt beim Begreifen an, nicht daran, was wir empfinden oder nicht empfinden. Lasst uns darstellen, wie es wirklich ist. Dass Rassismus sich erübrigt, weil uns kaum irgendein biologischer Faktor unterscheidet, außer verschieden hohe Farbstoffvorkommen – das wäre doch einmal ein schönes Thema eines Buches. Ein Buch, das anschaulich macht, wie egal Farben sind, sobald wir nur bitte endlich aufhören, sie zu behandeln wie das Goldene Kalb des Menschseins und sie wieder und wieder mit sozialen Grenzziehungen aufladen, die sich nicht selten als Selffulfilling Prophecy erweisen. Und nachdem man das einmal weiß, wird man es nie vergessen, sodass auch noch der hässlichsten Fehlrepräsentation der Stachel gezogen ist. Sie ist natürlich weiterhin mit vollem Recht zu kritisieren. Aber man sollte das Recht behalten, ein kritisierbares Buch zu lesen. Und, falls man möchte, zu loben. Denn Gedanken sind nicht zu bändigen. Und so unermesslich viel bunter, als die meisten unter uns zu realisieren scheinen.

Das Projekt "moralischer Fortschritt" ist wie ein Boot, auf das wir alle einsteigen können. Je mehr an Bord sind, desto besser. Egal, ob wir in allem einer Meinung sind, oder nicht. Denn die gemeinsame Richtung ist für uns alle gleich: Irrtümer aufklären und niemals auslernen. Lasst uns deshalb nicht einander vorschnell verurteilen, nicht brachial und herablassend die Perspektiven vereinheitlichen, wie die Faschisten dies immer wieder versucht haben – lasst uns danach streben, die vielen verschiedenen bestehenden Blickwinkel zu verschmelzen, Kenntnis und Respekt vor dem jeweils anderen zu entwickeln und gemeinsam so viele Fenster wie nur menschenmöglich aufzustoßen. Lasst uns nicht nur erworbene Erkenntnisse miteinander teilen, die das Leben leichter und moralischer machen, sondern auch unsere Besonderheiten, unser kulturell und individuell stets abweichendes Gefühl, von den am tiefsten verwurzelten Sehnsüchten bis hin zu den harmlosesten Späßen. So stelle ich mir den moralischen Fortschritt vor, harmonisch und miteinander. Und nicht als eine riesige Schlammschlacht, die sich um die hochgradig bedenkliche Frage dreht, wer der bessere Mensch sei und darum gefälligst das Sagen habe.

Übrigens, die Heldin meines Fantasyromans wird eine Frau sein. Und ihre Mentorin wird klein, dick, schwarz und lesbisch.

Und dermaßen cool, dass sie noch nicht mal stirbt.

Macht es ihr nach!


Bis bald! euer Schreibotter






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