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Grießbreibert

Aktualisiert: 22. Nov 2019




"Jeder weiß das, Chef. Jeder!" "Nein." "J - E - D ... " "Halt den Rand! Ich muss nachdenken." Grießbreibert verstummte augenblicklich. Mit Kohlekalle scherzte man nicht. Er war ein fairer Gastronom, aber das hieß - eben das, was es hieß. Gastronomen war schließlich bewusst, dass es da draußen Hilfsköche wie Sand am Meer gab, die sich danach sehnten, satte 0,04 € die Stunde mehr zu erhalten. Grießbreibert jedoch war nicht unter ihnen. Nein; er war hier bei Kohlekalle, um sein Genie auszuleben und unter die Leute zu bringen. Selbst, wenn das hieß, dass er riskierte, dass man vorübergehend sein Gehalt zusammenstrich. Sobald erst einmal die ersten Gäste lechzend in die Küche hasteten, um ihm zu gratulieren... "Ich rekapitulier das mal", brummelte der beleibte Bartträger, der in dieser streng riechenden Grillbude das Sagen hatte und dessen völlig verkohlte Schürze längst ein Markenzeichen war. "Die Kunden sin heut reingekommen und lasen aufer Tafel irgendwas von Dessert, obwohl das hier 'ne Grillbude is. Dann haste ihnen gesagt, dass wir ne neue Kekskreation hätten, die auf Zucker verzichtet oder son Schmarrn, und irgendwie hat sie das dazu verleitet, dafür Bares hinzublättern. Komisch dran is nur, dass ich keine solche Kekskreation angeordnet, gemacht oder bestellt hab'." "Das ist nicht allzu komisch", berichtigte Grießbreibert, der schlaksige Teenager. Besaß er seinerseits ein Markenzeichen, so waren es die völlig zerzausten, ungewaschenen schwarzen Haare, die nach allen Richtungen abstanden und tatsächlich so aussahen, als hätte er sie sich von einem avantgardistischen Profibarbier durchstylen lassen. "Schließlich ist das hier eine Grillbude. Kekse macht ja ein Konditor, kein Grill...budenmensch." "Das mein ich nich", brummte Kohlekalle geduldig. Es war jedoch nicht zu übersehen, dass sich die eigentlich so netten Grübchen langsam zu röten begannen. "Sondern?", erkundigte sich Grießbreibert. "Sondern dass du Kekse beworben, gebacken und serviert hast, anstatt den verdammten Grill zu putzen. Bin ja kein Comedian oder so, aber das scheint mir doch irgendwie komisch." "Scheint es das?" "Ja. Irre komisch. Ha. Ha. Ha." Immer wieder spähte Grießbreibert ungeduldig durch den Türschlitz. Hm, sehr seltsam. Noch immer keine Prozessionen der Begeisterung. "Aber... schau doch mal", versuchte er seine zugegeben manchmal ein bisschen wirren Gedanken diesem bodenständigen Grillbudenmenschen zu vermitteln. Es waren die Gedanken eines Genies. Er hob wissend den Zeigefinger: "Jeder weiß, dass Kürbis und..." "Ich will's gar nich wissen." "...ein Teig, halb Granatapfel, halb Hackfleisch und..." "Acks!" "...reichlich Senf mit saurer Sahne als Bindemittel und..." "BITTE!", stöhnte Kohlekalle und machte eine abwehrende Geste. "...roher Ingwer mit einer Prise... dass das... na, du weißt schon... ich meine, das ist doch..." Grießbreibert brach ab. Sein Finger knickte ein. Konnte es tatsächlich sein, dass sein Genie hier nicht angemessen gewürdigt würde? Fast schien es ihm so. Er hatte in Kohlekalle eigentlich immer eine sehr offene Person gesehen, charismatisch, habituiert in den gängigen Stilrichtungen, sicher, aber doch offen für Neues! Stirnrunzelnd schritt er an den Töpfen und Tellerstapeln und dem dreckigen Grill entlang, schritt hin und her wie ein Tiger, dessen ungeheurer Scharfsinn irritiert wurde durch die schiere Enge seines eisernen Käfigs. Immer gleich, immer durchgenormt, immer sicher und bewährt listeten sich die Rezepte an geschluderten Zetteln, die an tristen Mauern klebten, uninspiriert, von allzu profanen Sorgen und Nöten getrieben, endlos kreisend in den immerselben erstickend engen Bahnen eines Geistes, der noch nie über den Tellerrand geblickt, der noch nie das wagemutige Feld der immerwährenden Entdeckungen und leidenschaftlichen Schlachten um Ruhm und Ehre betreten hatte, das die Geschmackskombinatorik war. Es schien beinahe, als... "Nein." Grießbreibert erschrak, als er realisierte, dass er noch in der Küche stand. Kohlekalle sah ihn kopfschüttelnd an. "Nein, Bert. Das is' nix als ein Riesenmurks. Und ich darf den für dich ausbaden." "Aber..." Er biss sich noch auf die Zunge, doch es war zu spät - denn schon stürmte sein massiger Arbeitgeber vor und riss ihm die ikonische schwarze Schürze herunter. Fassungslos starrte er an sich herunter. Gefeuert, und das für seine vielleicht beste und durchtriebenste Kreation bisher! Ein unrühmliches Ende. "Ich hab' dir vertraut", murmelte Kohlekalle noch leise. Grießbreibert schaute in das Gesicht dieses engstirnigen, ewig gestrigen Mannes. Er meinte es nicht böse. Er sah sogar aus, als hätte er ihn zu gerne hier behalten. Gemeinsam hätten sie so vielles erreichen können. Schon hatte er sie eine neue Kette eröffnen sehen, Kohlebert's oder Grießbreikalle's... Aus und vorbei. Eine Riesenchance in der Geschichte der Kochkunst war vertan. Er würde sich anderswo beweisen müssen, andere Schlachten schlagen, mit anderen Mitstreitern. "Ich mache dann mal den Grill sauber", nuschelte er kleinlaut. "Das is' die Spülmaschine." "Äh... klar. Ich wollte dich nur testen, weißt du."


Es wurde ein langer, einsamer Putzabend. Tags darauf stürmte Kohlebert's kuriose Kekskreuzung die internationalen Schlagzeilen.



Bis bald!

euer Schreibotter





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