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Königin Nimryanna und der verzauberte Pfeil

Aktualisiert: 22. Nov 2019


Es begab sich zu einer Zeit, als das Elfenreich von Dol Farnissa blühte und Frieden herrschte, als der dunkle Drache Abarganoth sich aus dem dunklen Norden herabschwang und alles Leben auszulöschen drohte. Sein Herz war das reine Böse, sein Flammenatem nur darauf bedacht, zu zerstören. Schon etliche schutzlose Elfendörfer waren am Rande der Berge von Eryon, die die Grenze des Reiches bildeten, ruiniert worden. Abarganoth hatte sie angezündet und alle Frauen, Männer und Kinder restlos verschlungen.

Doch die noch junge Königin des Reiches, die stolze weißhaarige Nimryanna, hatte ihren Untertanen in der Tradition ihres Landes versprochen, dieses grausige Unheil zu tilgen. Mit nichts als einem einzelnen, verzauberten Pfeil und ihrem treuen Begleiter aus Kindheitstagen – dem mähnenschütteren Riesenlöwen Belfarias – hatte sie sich nach Eryon gewandt.

So schritt sie durch neblige Täler und über schroffe Kämme. Ihr prächtiges Gewand ließ sie aus der staubigen Leere des berüchtigten Bergzuges hervorstechen wie ein Smaragd. Scharen hämisch kreischender Geier kreisten bereits über ihrem bekrönten Haupt, doch eisern marschierte sie der feinen Nase ihres Begleiters nach. Fern ragten die schwarzen Berge des schwarzen Landes auf, doch den Göttern sei Dank würde sie so weit nicht reisen müssen. Jeder Busch und jeder Stein dort waren verdorben und verflucht!

Abarganoth hatte sie kommen hören. An einer Klippe, hoch über den nebligen Tälern, lag er unter einer uralten Eiche, ein riesiges Ungetüm. Sein Blick glomm, als er sich erhob und sein markerschütterndes Brüllen ertönen ließ. Jetzt! Jetzt würde sich das Schicksal von Dol Farnissa entscheiden, denn ohne ihre Königin würde das uralte Reich in Jahrhunderte der verderblichen Ratlosigkeit stürzen. Es musste ihr gelingen, die feige Bestie zu töten, um jeden Preis!

Nimryanna zückte ihren einen Pfeil. Sie würde nicht mehr brauchen, als ihn.

Ha! Spöttisch dachte sie an Kamyreor zurück, ihren könglichen Berater, und die törichten Pläne, die er ihr unterbreitet hatte. Sie hatte sich in ihrem goldenen Thron geräkelt, in einer gewaltigen Halle aus Marmor, und sich während seines langweiligen Redeschwalls die Finger maniküren lassen.


„Meine Königin“, hatte er begonnen, „es ist sehr weise, dass ihr das rasche Erschlagen dieser gar grausigen Bedrohung angeordnet habt. Nun, ich und Marschall Imdalos haben bereits Pläne, wie wir Abarganoth Einhalt gebieten können.“

„Ich werde gehen“, hatte sie entschieden zurückgegeben. „Selbstredend allein. Ich bin doch die Königin und als solche die beste Schützin und Kriegerin und die erste Beschützerin im ganzen Land – oder möchtet ihr das etwa bestreiten, unwürdige Bande von Fußabtretern?“

Kamyreor hatte sich überaus deutlich geschüttelt. „Niemals würden wir das wagen, meine Königin! Doch erinnert Ihr Euch nicht, wie lange es gedauert hat, um den Hofstaat und das Beamtenwesen nach Eurer Krönung umzugestalten? Die Mühlen von Dol Farnissa mahlen leider langsam. Ist die Krone erst einmal umstritten, so wird das Reich schwere wirtschaftliche Regressionen hinnehmen müssen, und bedenkt, dass Euer Großcousin um jeden Preis versuchen wird, den Thron an sich zu reißen! Ein Bürgerkrieg gegen die Provinz Escalman würde mein Herz nahezu ebenso sehr trüben, wie Euch vor der Zeit zu verlieren.“

„Pah! Und was schlägst du vor?“

Kamyreor hatte sich beeilt, ihr für die Gnade seiner Anhörung die Füße zu küssen, bevor er sich wieder erhoben hatte. „Ich habe die Ehre, Euch Sundrahil und Elesmeris vorzustellen – der neue köngigliche Zeremoniemeister und seine Mitarbeiterin, die Euch täuschend ähnlich sieht und der wir sehr vertrauen.“ Die beiden Elfen waren sich verneigend vorgetreten, dann hatte Sundrahil das Wort ergriffen: „Ich kenne die hofstaatlichen Methoden unserer Nachbarreiche, Majestät, mit denen die Könige sich glänzend als erste Beschützer inszenieren lassen, ohne dass man ihr unbezahlbares Leben riskieren müsste. Es wird ein siebentägiges Festspiel vor den Toren der Stadt geben, Majestät, mit Gauklern und Märkten und Theaterspielen. Den letzten Tag wird der Schützenwettbewerb einnehmen, in welchem die besten Schützen des Landes und Ihr, Majestät – vertreten durch meine mit dem Bogen sehr versierte Assistentin hier – um den Rang des besten Schützen im Lande streiten werdet. Selbstverständlich werden wir sicherstellen, dass sämtliche Bögen außer dem Euren beschädigt sein werden, gerade so, dass sie den Sieg nicht erringen werden und doch nicht so sehr, dass jemand aus den Reihen der Niederen auf die Idee käme, uns diese kleine… Sicherheitsmaßnhame anzulasten. Nachdem Ihr den Titel der besten Schützin im Lande innehabt, werde ich unsere Priester einkehren lassen. Ihr könnt nun den Platz von Elesmeris einnehmen und mit Eurer betörenden Stimme Euren Segen über die unterlegenen Schützen herabrufen, also Eure Sicherheit mit dem Bogen gewissermaßen mit göttlicher Billigung auf unser Heer übertragen. Ein jeder soll die Präsenz der Götter in diesen kostbaren Sekunden spüren können! Ich werde Rauchspiele von einer Pracht veranstalten, wie Ihr sie noch nie gesehen habt, Majestät, und der hofstaatliche Ritualmeister hat mir bereits versichert, dass er das berauschendste und erhabenste Pfeifenorchesterstück spielen lassen wird. Es wird ein unvergesslicher Tag. Nachdem wir als ein abschließendes Präsent auch noch freies Brot unter die Leute gebracht haben, wird niemand mehr daran zweifeln, dass Ihr und Ihr allein die erste Beschützerin des Landes seid. So denken die Niederen eben. Sind sie glücklich, dann stellen Sie die Königin auch nicht in Frage.“

Elesmeris hatte ihr zugezwinkert.

Nimryanna hatte das alles nicht so recht verstanden. „Aber… es war doch noch nie so“, hatte sie verwirrt erwidert.

„Selbstredend, Ihr kommt wie immer gleich zum Punkt“, hatte Kamyreor untertänig beigepflichtet und die beiden hastig angewiesen, zurückzutreten. „Ich präsentiere Euch Anesmaris, einen ausgezeichneten Schreiber… und Manipulator.“

„Hoheit“, hatte der große, hagere Elf sie nur begrüßt und war mit einer deutlichen, aber knappen Verneigung vorgetreten. „Ich kenne die Bibliotheken und die Schreibstile unserer Urahnen besser, als jeder andere. Es wird mir ein Leichtes sein, die Geschichte unseres Reiches zu fälschen und urkundlich zu belegen, dass diese Tradition bereits aus den ersten Tagen nicht wegzudenken war. Sie überdauerte die Jahrtausende unverändert, doch schändlicherweise wurde sie vor siebzig Jahren vergessen und die Bürokratie übernahm diesen entsetzlichen Fehler bis heute. Indem Ihr dieses Fest veranstaltet, Hoheit, seid Ihr nicht bloß die unanfechtbare erste Beschützerin, sondern überdies auch noch die legendäre Bewahrerin und Retterin einer uralten und heiligen Tradition, für die die kommenden Dynastien Euch gewiss verehren werden.“

„Ich weiß nicht“, hatte Nimryanna entgegnet. „Ich habe Lust, diesen Drachen zu töten und im Ruhm zu baden. Eine Königin sollte tun, was sie will. Immer!“

Sehr verständnisvoll hatte Kamyreor genickt und den Schreiber weggeschickt. „Selbstverständlich, auch daran habe ich gedacht. Hier, neben mir, steht Gelsatyron. Er ist der begabteste Bildhauer des gesamten Reiches und täte nichts lieber, als abzubilden, wie Ihr den Drachen erschlagt.“ Der untersetzte Bildhauer hatte ihr das breiteste Lächeln geschenkt, das sie je gesehen hatte. Er war zu bescheiden gewesen, um selbst das Wort an sie zu richten. „Seine unwahrscheinlich realitätsgetreuen Tafeln wird er in jeder Stadt, jeder Straße und jedem Tempel aushängen, meine Königin, und wenn wir nur ausreichend Sold unter unseren Soldaten streuen, wird niemand von ihnen widerlegen können, was jedermann weiß: dass Ihr den Drachen höchstselbst getötet habt! Jeder Barde wird seine Loblieder auf Euch anstimmen und heimlich von Euch träumen, der großen Drachentöterin. Und all das, während Ihr zuhause bleiben und Luxusbäder nehmen könnt. Nun?“

Die Fußabtreter hatten einander unsicher angesehen und seltsam schief gelächelt.

„Na schön… was schlägt der Marschall vor?“, hatte sie gelangweilt wissen wollen.

Kamyreor hatte sich einen Jubelschrei erlaubt. „Der Marschall rät dazu, einen großen, tragbaren Holzschild auf Rollen mit einer feuerfesten Substanz aus den Amberwäldern von Fundalia einzuwachsen. Er will beim Töten des Drachen auf diesen Schild setzen, um ihn in eine Falle zu treiben und ihn aus beiden Flanken mit Belagerungsgeschützen…“

Sie hatte gegähnt. „Ich scherze nur, Kamyreor. Ich lasse mir diesen Spaß nicht nehmen. Ich allein werde Abarganoth erschlagen. Morgen ziehe ich los in die Schlacht.“

„Aber…“

„Sag mal – seit wann ist dir ein aber gestattet, Kamyreor?“

Der königliche Berater und der Zeremoniemeister hatten verstohlenee Blick gewechselt. Ganz sachte, aber sehr energisch hatte letzterer den Kopf geschüttelt und war sich unauffällig mit einem Finger über die Kehle gefahren.

„Selbstverständlich, Majestät“, hatte der Berater kreidebleich gestammelt. „Ich lasse die besten Rüstungsschmiede der Stadt holen, um eine hitzeresistente…“

„Rüstung?“, hatte sie nur gelacht. „Ich gehe in meiner Abendgarderobe, mit der ich immer die süßen Typen in mein Bett locke, wenn mir danach ist. Ich muss doch meinen königlichen Bauchnabel präsentieren, während ich das schwächliche Echsenvieh alle mache!“

Dem Berater hatte es über ihre königliche Entschlossenheit und ihren erhabenen Mut die Sprache verschlagen.

Nimryanna lachte schallend. Solche Flaschen! Sie würde es ihnen allen zeigen, ihnen mit ihren erbärmlichen Sorgen und komplett unrealistischen Ideen – sie allein mit ihrem magischen Pfeil.


„Los, Belfarias!“, schrie sie, und der gewaltige Löwe tat, wie ihm geheißen. Er machte einen blitzartigen Satz gegen Abarganoth – doch was war das? Die Bestie riss mit einem dunklen Fauchen ihr Maul auf und ließ einen Feuerstrahl daraus hervorschnellen.

„Belfarias!“, kreischte sie noch, dann rollte ihr bester Freund auch schon dem Rand der Klippe entgegen, ein glühender Feuerball, schon längst mausetot. Scheiße, der brannte ja wie Zunder! Sein Schwanz und Reste seines Kopfes blieben unterwegs liegen, doch der Wind verwischte ihre Asche, sodass sie das Gesicht des teuherzigen Löwen wohl nie wieder sehen würde, während der Rest wie eine qualmende Laterne in die Schlucht hinabrauschte. Nein! Es konnte nicht wahr sein!

Der Drache wandte sich nun ihr zu.

Sie knurrte leise.

Er – würde – büßen!

Nimryanna nahm den verzauberten Pfeil und legte ihn an. Es war ein Pfeil, wie es ihn in der langen Geschichte ihres Reiches noch niemals gegeben hatte und vielleicht nie wieder geben würde. Denn dieser Pfeil… leuchtete blau. Er war exzellent in schummrigen Umgebungen, denn wie dunkel auch immer es war, man sah, ob man auch irgendwas getroffen hatte, wenn natürlich auch erst hinterher. Und verloren ging er auch nicht.

Unbeeindruckt durch das markerschütternde Brüllen, das ihr entgegen toste, zielte sie und riss den Pfeil zurück. Ein unglaublicher Schmerz fuhr durch ihre Schulter – die Sehne war deutlich straffer, als sie erwartet hätte. Sie wusste, dass man den Pfeil bis ganz hinten durchziehen musste – so hatte sie es bei ihren Gardisten noch immer gesehen, wenn die ihr mal wieder eine Wildgans geschossen hatten – also nahm sie sich zusammen und zerrte und zerrte, um auch ja…

KNIRSCH!

Mit einem grauenerregenden Geräusch, das selbst Abarganoth zurückweichen ließ, sah sie ihren Arm herabsacken, aus der Schulter heraus gebrochen, gehalten durch nichts mehr als schlackernde Haut. Sie war zu überrascht, um zu schreien oder auch nur zu stöhnen. Es wurde langsam dunkel um sie, während sie dem staubigen Boden entgegensackte. Die Technik des ersten Schusses ihres Lebens war wohl nicht unbedingt die allerbeste gewesen, dabei war sie doch Königin! Sie hatte sowas doch zu können! Ihre letzten Gedanken waren beherrscht von unendlicher Erschütterung darüber, dass niemand ihr gesagt hatte, dass man, um einen Bogen zu bedienen, das Körpergewicht eines ausgewachsenen Mannes mit einem Arm stemmen musste!

Es… hatte… im Theater… immer… so leicht… ausgesehen. Dies war ihr letzter Gedanke, bevor der ungeduldige Abarganoth sie gnädig in seinen Flammenodem hüllte und servierfertig grillte.


-


Der Drache schaute dem Rauch zu, der sich um seine Beute lichtete. Da lag sie, rostbraun, ihre ehemalige Kleidung war ja schon zuvor nichts als ein paar jämmerliche Fetzen gewesen. Er wollte gerade herüberstapfen und sie verschlingen, da sah er den Pfeil.

Er steckte zwischen zwei Schuppen in seiner Nase.

Es war so ein lächerlicher kleiner Stachel. Die Mistgabeln, mit denen die verzweifelten Bauern ihn attackiert hatten, hatten ihn mehr beeindruckt. Aber dumm war, dass er ausgerechnet hier eingeschlagen war. Abarganoth konnte sich nicht daran gewöhnen, dass da ein kleines Holz in sein Gesichtsfeld ragte, das so widerwärtig fake und billig britzelte. Was sollte dieses Licht überhaupt darstellen, zur Hölle? „Du musst es ausblenden!“, sagte er sich in Gedanken, aber das Blöde daran war ja, dass man das nicht willkürlich tun konnte und schon gar nicht dadurch, dass man daran dachte.

Er begann, mit einer seiner riesigen Pranken danach zu zielen, schlug sich aber nur selber ins Auge. Autsch! Sowas war einfach nur saudumm. Er begann, sich zu schütteln, erst sachte, dann immer stärker, aber jedesmal, wenn er innehielt und nachschaute, war das blöde Britzelholz noch immer da.

Er erinnerte sich an die Eiche.

Zischend vor Erleichterung wandte er sich nach ihr um, um… echt jetzt!?

Der komische Löwe, den er abgefackelt hatte, musste sie angesteckt haben. Da, wo sie gestanden hatte, war nichts als schwarzes Pulver. Abarganoth stöhnte. Fein, dann würde er halt dieses alberne Land verlassen und nach Norden in die Schwarzen Berge zurückkehren – dort würde man ihm bestimmt helfen können. Er wusste eh nicht so recht, was er hier in Dol Farnissa eigentlich gesucht hatte. Elfen schmeckten nicht besonders, sie hatten einfach nichts auf den Rippen. Es war locker sein schlechtester Urlaub bis jetzt gewesen.

Abarganoth kroch an den Rand der Schlucht, genoss kurz den Blick ins bodenlose Tal – und stieß sich ab. Ein bisschen einem Flughörnchen ähnlich, streckte er seine Extremitäten aus, um die beiden Segelhäute an seinen Seiten zu spannen. Da fast seine gesamte Muskelmasse in seinen Schenkeln lag, die ohnehin nicht sehr beweglich waren, besaß er keinen aktiven Flug, doch das hier, hatte der Große Gott der Finsternis ihm versichert, würde gut genug sein, um große Strecken zurückzulegen, solange er nur zum Start einen großen Berg erklomm.

Leider war der Große Gott der Finsternis anscheinend nicht besonders gut in Mathematik gewesen, denn was bei einem Flughörnchen ging, das ging bei Abarganoth noch lange nicht. Das Kubusgesetz besagt ja, dass Raum schneller wächst als Fläche, weil das eine sich in drei Dimensionen ausbreitet und das andere lediglich in zwei. Abarganoth mochte zwar die Flughaut von hundert oder zweihundert Flughörnchen haben, doch besaß er die Körpermasse von vielen tausend, und das war ungünstig. Diese letzte mathematische Erkenntnis war ein schwacher Trost für den Drachen, der seinem ebenso unausweichlichen wie unappetitlichen Tod entgegenbrauste.

Flatsch!

Sein Blut spritzte kilometerweit in alle Richtungen.

Ente gut, alles gut ?



Bis bald! euer Schreibotter



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