Kommissar Taubert



Liebe Leute,

ab heute möchte ich eine Geschichte mit euch teilen, die keinen Sinn hat. Ein Krimi eines Schreibers, der niemals auf die Idee hätte kommen sollen, einen Krimi zu schreiben. Es bedauerlicherweise aber doch tat, weil er an einer "Challenge" teilnahm, um außerhalb seiner Genre-Komfortzone zu schreiben. Eine schändliche, bodenlose Pfuscherei...

Ein Taubenschiss!

Mehr soll nicht verraten werden...

Komissar Taubert hatte seine graue Krawatte angezogen. Sie bestand aus Rattenhaaren, wenn man genauer hinschaute. Tauben hielten nicht sehr viel von Ratten. Sie waren eine lästige Plage in den Taubenstädten. "Ist es nicht ironisch", zwinkerte Taubert seiner Assistentin Elsa Elster zu, "dass ich gar nicht Taubert heißen würde, wenn das hier eine reine Taubenstadt wäre?" "Ach?", fragte Elsa abwesend. Sie hielt eine Plastiktüte mit weißen Daunen in ihrem… ähm… Schnabel. Sie machte sich nämlich eifrig nebenher Notizen mit dem linken Fuß. Elsa war eine Linksfüßerin. Taubert war stolz, dass er das gleich beobachtet hatte. "Ja! In einer reinen Taubenstadt wäre 'Taubert' ein viel zu offensichtlicher, viel zu ineffizienter Name, um unterscheidbar zu sein. Ein Glück, dass wir beide ganz eindeutigen Minderheiten in dieser Stadt angehören, nicht?" "Nein." Taubert strich sich eitel über seine Krawatte. Es war nämlich so, dass er eine Schwäche für Elsa hatte und sie deswegen mit allem dauernd zuschwadronierte, was ihm durch den Taubenschädel ging. "Ich mag Ihren Namen", gestand er. "Elster. Sagt alles, was man wissen muss." Elsa nahm die Tüte mit den Federn und klatschte sie Taubert ins Gesicht. "Aua!" "Sie glauben wohl, Sie könnten sich darüber lustig machen, ja? Eine diebische Elster bei der Mordkomission. Ha. Ha. Ha. Fast so lustig wie das Ableben dieses Spatzen hier. Können wir jetzt bitte einfach mal die Fakten durchgehen?" "Natürlich", räusperte sich Taubert und strich sich schon wieder die Krawatte glatt. Nein, das war nicht gut angekommen. Sie konnte ihn nicht leiden, und das nach allem, was er schon versucht hatte! Am Ende musste er sich sogar noch mit dem Fall beschäftigen. Igitt. "Detleff Kaschinsky", las Elsa den Namen des Spatzen vor, dessen Federn gestern im Park gefunden worden waren, am selben Tag, als auf der anderen Straßenseite die nationale Sonnenblumenkernbank ausgeraubt worden war, kurz NSBKB. Sie schaute auf und sah ihm zynisch in die Augen. "Der gehörte wohl nicht einer Minderheit an, was?" Bedauerlicherweise fehlte Komissar Taubert die stereoskopische Sicht, um zu beurteilen, wie sehr sie sich gerade zu ihm herüber gebeugt hatte. Es konnte alles sein - vom unbeholfenen Flirt bis hin zur unterschwellige Beleidigung, die er nicht verstand. "Im Zweifel für den Angeklagten", erinnerte sich Taubert an eines der Prinzipien der Justiz und begann mit lautem Gurren, seine Halsfedern zu spreizen.


~~~


Die kleine Spatzin öffnete die Tür und starrte ihm ins Auge. Sie starrte nicht auf seine breite Krawatte, nicht auf seinen vorgestreckten Dienstausweis, nicht einmal auf die beiden bulligen Bussarde, die hinter ihm in Habachtstellung standen. Alles, was sie zu interessieren schien, war ausgerechnet sein blaues Auge. "Komissar Taubert von der Mordkomission", brummte er und sah, wie ihre Augen sich weiteten. Dieser Blick sagte alles, völlig klar. Er hatte das schon tausendmal gesehen.

"Heißt das, dass er wirklich…", fing sie mit dünner Stimme an.

"Wir würden gerne reinkommen." Schweigend gingen sie ins Wohnzimmer. Eigentlich nichts Besonderes. Tische, Stühle und so. Sie lebte ganz normal. Taubert musste aber gestehen, dass alles ein bisschen klein war. Es krachte. "Autsch!" "Das war dann wohl mein Nachttisch." "Stellen Sie den doch nicht hier so mitten hin!" Sie erwiderte nichts. Verdächtig… sehr verdächtig. "Sie sind Frieda Kaschinsky?", erkundigte er sich betont professionell, nachdem er mit seinem breiten Bierbauch den kleinen Tisch vor sich hergeschoben und sich in einem winzig kleinen Sessel niedergelassen hatte. Sehr unbequem. Und sehr verdächtig. Offensichtlich war dieser Sessel nur zum Schein hier. Er machte sich eine gedankliche Notiz und überhörte die Antwort der Spatzin.

"Und - warum sind Sie hier, Komissar?", wunderte sie sich. "Bitte sagen Sie mir nicht, dass er wirklich…"

"Sie und der Tote hatten sehr viel Streit", sagte Taubert triumphierend. "Außerdem hatten Sie Kornprobleme."

"Er ist wirklich tot?!", keuchte die Spatzin. "Ich dachte, man hätte bisher nur Federn ge…"

"Spielen Sie nicht so unschuldig, Sie sind ja verantwortlich dafür", wies er sie zurecht. "Ihre Maskerade wird hier nichts bringen, das verspreche ich Ihnen. Ich weiß alles über Sie, dank Ihrer sehr zuvorkommenden Nachbarin Trudi Trauerschwan." Bei diesem Stichwort kam ein riesiger schwarzer Schwanenhals durch das Fenster und schlängelte sich einmal durch den Raum, bis er neben dem Komissar stoppte und fleißig nickte. Die Schwänin blickte komisch drein, irgendwie schuldbewusst.

"Trudi!", stieß Frieda aus. "Sag doch was!"

"Hab' ich doch schon."

"Danke, Frau Trauerschwan, Sie sind hier nicht mehr erforderlich."

Der Schwanenhals verschwand wieder. "Sie sehen, wir haben alle Indizien." Taubert lehnte sich selbstzufrieden zurück. "Hier meine Rekonstruktion der gestrigen Ereignisse: Sie und Ihr Mann spazieren durch den Park. Plötzlich kommt es Ihnen in den Sinn, fremdes Korn an sich zu reißen. Sie stürmen die Bank, lassen drei große Säcke mitgehen und bitten Ihren Komplizen, beim Tragen zu helfen. In einem plötzlichen Anflug von Gesetzestreue stellt er sich Ihnen entgegen. Sie erinnern sich an den Frust Ihres letzten Streits, möglicherweise über die vergammelte Pizza, mit der Sie Ihren Hochzeitstag feiern mussten, und vielleicht denken Sie auch daran, wie Sie erst kürzlich auf einem Stück Seife ausgerutscht sind, das Ihr Mann im Badezimmer liegen ließ. Möglicherweise spielte aber auch…" Einer der beiden Bussarde stieß ihn unsanft an. "Sie beschlossen, Detleff Kaschinsky, Ihren langjährigen Mann, umzubringen. Sie konnten alles beseitigen außer seinen Bauchdaunen, als die Polizei eintraf und Sie türmen mussten. Und hier sitzen Sie jetzt, im Angesicht des Gesetzes - und wagen es, unschuldig zu spielen."

"Ich bitte Sie! Ich würde das doch niemals tun", piepste die Spätzin, die jetzt noch kleiner zu werden schien. Klarer Fall. "Haben Sie denn irgendwelche Beweise?"

"Hmmm, mal überlegen." Taubert machte sich einen Spaß daraus, sich mit ungelenken Bewegungen umzusehen und dann scheinbar unbeabsichtigt den Tisch mit seiner enormen Wampe umzustoßen. Es kamen drei große weiße Säcke zu Tage, prall gefüllt und mit den Buchstaben NSBKB bedruckt.

"Aber… aber… wie kommt das denn hier her?", kreischte Frieda erschrocken.

"Ich habe keine Lust mehr auf dieses Schmierentheater", erwiderte Komissar Taubert, dessen Magen grummelte und der eigentlich schon die ganze Zeit überlegte, bei welcher Imbissbude er heute reinschauen sollte. "Im Namen des Gesetzes - Sie sind festgenommen."


~~~


Der siegreiche Komissar Taubert schritt mit stolzgeschwellter Brust durch den Park. Er schaute in den blauen Himmel, der ihn zu feiern schien. "Ich bin der Größte! Ich bin der Schönste! Ich bin der Beste!", gurrte er immer wieder und genoss die ehrfürchtigen Blicke der Passanten, die er ununterbrochen erntete. Sie alle schienen bereits von seinem Sieg zu wissen.

Plopp!

Dann wurde es schwarz.


~~~


"Lassen Sie mich gehen!", krähte Elsa Elster, die gefesselt und kopfüber von einem Abflussrohr baumelte.

"Sagen Sie mal", wunderte sich der winzigkleine Spatz im obligatorischen Drehstuhl, der einige nackte Stellen an seinem Bauch und eine Schutzbrille aufgesetzt hatte, "glauben Sie, ich hätte Sie zum Spaß gefesselt, oder warum stellen Sie so dämliche Forderungen?" Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich wieder den riesigen Maschinen zu, inmitten von allem: Ein Computer, so groß wie ein Haus. Sagen wir, so groß wie ein Spatzenhaus. Elsa hätte ihn schon umschubsen können, wenn sie frei gewesen wäre. Aber dieser elende Spatz hatte sie mit einem selbstgebauten Elektroschocker außer Gefecht gesetzt, kaum dass sie ihm auf die Spur gekommen war. Er setzte sich einen Kopfhörer auf und starrte angespannt auf den Bildschirm, der für Elsa nur abstrakte Strichmuster enthielt, die sich dauernd änderten. Dabei rührte er immer wieder mit dem Fuß in einem Bottich, der eine grüne, schleimige Past enthielt, die bedrohlich vor sich hinblubberte.

"Warum machen Sie das alles?", versuchte sie es wieder. "Sie hätten doch einfach die Bank mit Ihrem Elektroschocker ausrauben und die Stadt mit dem Korn verlassen können." Er drehte sich wieder nach ihr um. Sie sah sein breites Grinsen.

"Ja, so sah der Plan einmal aus, als ich noch dabei war, dieses unterirdische Geheimlabor aufzubauen. Aber dann bekam ich Streit mit meiner Frau… und so beschloss ich, das Korn stattdessen unter ihrem Tisch zu verstecken."

Elsa hielt den Atem an. "Sie meinen… dass Sie Ihren eigenen Tod inszeniert haben, damit Ihre Frau…?"

"Bingo! Die Kandidatin hat tausend Punkte. Und weiß zuviel, um hier lebend rauszukommen. Ich hoffe, das ist ok für sie."

Elsa versuchte, mit den Flügelansätzen zu zucken. "Ist schon ok. Ich meine, ich hänge hier seit drei Stunden. Ich kam schon von selber darauf. Es ist doch viel interessanter, an Ihrem faszinierenden Plan teilzuhaben."

Geschmeichelt legte der Spatz die Beine übereinander und lehnte sich zurück. "Endlich jemand, der mein Genie zu würdigen weiß."

"Aber was hören Sie da ab?"

"Das Polizeipräsidium", sagte er grinsend. "Ich muss ja meine Frau befreien."

"Aber hatten Sie nicht gesagt, dass…"

"Ja, so sah der Plan einmal aus, aber dann realisierte ich, dass es nicht ihre Schuld ist. Mit all der Knete werde ich ihr endlich das Leben geben können, das ich ihr versprochen habe. Und dann wird sie sich schon wieder einkriegen."

"Aber… hatten Sie das Korn denn nicht…"

"Ja, so sah der Plan einmal aus, aber dann erfand ich das explodierende Korn. Sehen Sie den Bottich da?" Elsa sah den Bottich, aber sie verstand nichts mehr. "Ich habe alle drei Säcke mit explodierendem Korn gefüllt", lachte der Spatz hämisch. "Sieht genauso aus wie Korn, fühlt sich genauso an, aber wenn ich diesen großen roten Knopf hier drücke…" Er strich versonnen mit der Flügelspitze darüber. "Bumm! Klar?"

"Das Polizeipräsidium!", keuchte Elsa erschrocken.

"Genau. Ich weiß, wo ihr berechenbaren Idioten das Korn lagern werdet. Das explosive Korn wird die Zelle öffnen, ohne meiner Frieda eine Daune zu krümmen. Muhahaha!" Stirnrunzelnd musterte ihn Elsa. Sie hatte nie einen fröhlicheren Spatzen gesehen. Oder einen Irreren.

"Aber… aber… warum haben Sie nicht einfach…"

"Kein Aber mehr!", knurrte der Spatz, der auf einmal seinen Elektroschocker an sich riss und aufstand. Es knisterte am Ende des Stabes, dass sich Elsa alle Federn aufstellten. "Wenn Sie nicht mein Genie bewundern können, dann sterben Sie eben jetzt. Der Elektroschocker ist zu lethalen Spannungen fähig! Habe ich übrigens schon erwähnt, dass ich ihn ursprünglich baute, um meine Frau damit loszuwerden? Bevor ich die Idee hatte, mit ihm eine Bank auszurauben." Er näherte sich mit einem versonnenen, sadistischen Lächeln. Elsa schrie. Sie versuchte sich dem Stab zu entziehen, der immer lauter knisterte, aber jede noch so große Anstrengung ließ sie einfach wieder zurückbaumeln.

Jetzt war er fast da… Flatsch! Plötzlich war da kein Spatz mit Elektroschocker mehr. Sondern ein fettleibiger Tauberich, der nicht zu wissen schien, wo er gelandet war, geschweige denn warum.

"Taubert!", stieß sie erleichtert aus.

"Elsa…?", stutzte er benommen. "Ist das hier schon wieder so ein Tagtraum?"

"Sie haben mich gerettet!"

"Hä?" Taubert unternahm einen bescheidenen Anlauf, sich auf die Füße zu rollen, aber es wollte ihm nicht gelingen. "Ich habe ein zu großes Yufka gegessen, Elsa", stöhnte er. "Ich…"

"Schon gut", stöhnte Elsa.

Und wenn sie nicht gefunden wurden, hängt sie dort noch heute.




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