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Lachs und Tippfehler

Aktualisiert: 22. Nov 2019





"Flachs! Ich suche FLACHS!", brülle ich mir gerade buchstäblich die Seele aus dem Leib. Ich meine sie sehen zu können, und sie auch.

Aber sie grinst nur breit. "Nehmen, nehmen nur. Frisch gefangen. Köstlich." Hätte die alte Frau mich nicht schraubstockartig mit der Energie von zwei Bulldozern an meiner Hand gepackt, ich hätte diesen Teil des Marktes fluchtartig verlassen, schon des Geruches wegen. Eine kleine Auster rollt über das Pflaster, drei Kinder mit ganzen Körben davon huschen quietschend vorüber. Ich greife unwillkürlich nach meiner Tasche, die ich auf gar keinen Fall verlieren - immerhin, sie ist noch da. Taschendiebe würden mich nicht wundern, ich rechne fest mit ihnen. Gut genährte, reiche Touristen stehen hier zwischen die Fischauslagen gepfercht wie die Pinguine, wenn es kalt wird, da ist kein Schritt möglich, ohne mindestens drei der über und über mit Muschelketten, Fotokameras und Teppichen überhäuften Gestalten aus dem Gleichgewicht zu bringen. Das Schlimmste aber ist zweifellos der Lärm, wie er unverständlich aus tausenden Kehlen hervorbricht und zwischen Oktopusarmen, ganzen Schwertfischen und Krabbenschalen widerhallt wie in einer sehr großen, sehr vollen Kathedrale. Ich stehe vor einem Riesenberg stumm gaffender Fische und kann mich nicht einmal verständlich machen. Besonders peinlich ist mir, dass ich - die einzige unbehangene und überdies weder an Fisch, noch anderem Gedöns interessierte Person weit und breit - hier gerade den halben Betrieb aufhalte, da mich die perfide Händlerin ganz sicher nicht gehen lassen wird, ohne dass ich ihr etwas abgenommen habe. Ich sehe es in ihrem Blick, der mich so liebevoll fixiert hält wie ein Fischer den Fang seines Lebens. Ihr bunt bestickter Sari ist dabei irgendwie respektheischend, sodass ich ernstlich ins Taumeln gerate. Im Sekundentakt werde ich allerseits angerempelt, in sieben fremden Sprachen angeschnaubt, überklettert und von flüchtenden Pelzwesen untertunnelt, denen wütend nachgeeilt wird. Aber ich sollte überhaupt nicht hier sein. Ich muss dringend den Flachshändler finden. Er ist sicher schon ungeduldig, und es heißt, dass er es nicht sonderlich mag, wenn man ihn warten lässt. "Ich nehme EINEN Lachs", schreie ich der kleinen Frau entgegen und reiße dabei einen Finger hoch, den ich aufgeregt mit der anderen Hand schüttle. Sie legt fröhlich den Kopf schief und erlaubt mir dabei, ihr anscheinend sehr hirsehaltiges Frühstück zu begutachten. Rasch und sicher greift ihre runzelige Patschhand eine Flosse, dann noch eine und schließlich eine dritte. "Feiner Lachs!" Sie hält mir drei Fische entgegen, die garantiert modern werden, sobald ich sie aus dem Schutz der Planen herausgetragen habe. Aber was noch schlimmer ist, ist die Tatsache, dass mir das Geld, das ich ihr seufzend in die Hand drücke, gar nicht gehört. Es ist eine lächerlich kleine Summe, und doch habe ich es von einem Mann genommen, der garantiert eher selten die Spendierhosen trägt. Endlich! Sie deutet kurz eine Richtung an und entlässt mich in die Freiheit. Kurz dreht sich mir alles, doch dann rapple ich mich auf und spähe einmal ringsum. Eine Uhr entdecke ich nicht, wohl aber ein Schild zu der Gasse, in der ich verabredet bin. Ich hetze los, als hätte ich den Teufel hinter mir. Der überbordende Reichtum dieser tropischen Gewässer bringt mich auf andere Gedanken. Ein aufgeschnittener Schweinswal - ich brumme Beileid - liegt inmitten eines Stapels bunter, sicher geschützter Rochen. Naturschützer? Regierungsbeamte? Polizeistreife? Fehlanzeige! Ich weiß schon, warum wir es hier tun. Er weiß es auch. Schwer zu sagen, wie viele meines Schlages hier schon von raffinierten Händlern ausgenommen worden sind, die dir an der Nasenspitze ansehen, dass du um gar keinen Preis auffallen möchtest. Ich hoffe, El Tiburón mag Fisch.

Humor soll er ja immerhin haben.



Bis bald! euer Schreibotter





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