o shar'as shi'el




Der Bus hält spät nachts an einem schummrigen Platz inmitten der Stadt, in der sie studiert. Falls sie noch hier studiert. Ich bin hier nie ausgestiegen, habe nie daran auch nur gedacht. Ich könnte ihr schließlich begegnen. Ich weiß nicht, wie es ihr ergangen ist oder wer für sie da ist, und genau das ist mein Schutz.

Man lernt nicht, eine solche Liebe von sich abzustoßen.

Man lernt lediglich, damit zu leben, und je weiter weg man ist, desto besser.

Heute aber bin ich hier.


Ich blicke unwillkürlich hinaus, wo - ich könnte es schwören - sie lehnt. So unwahrscheinlich. So albern von mir. Es ist dunkel, und ich kann nur eine Silhouette erkennen, die ihr täuschend ähnlich sieht und sich gegen eine Mauer lehnt.

Schaut sie mich an?


o shar'as shi'el - oder in unserer Sprache:

Ich spüre deine Präsenz.


Ich möchte mich eigentlich wegdrehen, aber ich kann nicht. Ich spüre genau dieselbe Gefühlsachterbahn wie damals, als ich ihr begegnete. So sehr wummert mein Herz, dass ich es in meinen Fingern sehen kann. Die Suche hat nichts ergeben. Niemand schien mir so schön wie sie, so klug wie sie oder so unfassbar gütig wie sie. In diesen bangen Sekunden erscheint es mir auf einmal wieder völlig vermessen, zu glauben, jemand könne sein wie sie.


o shar'as shi'el -

das allein hält mich am Leben.


Der Busmotor ruckelt, und gemeinsam setzen wir Fremden in dieser Stadt unsere Reise fort. Noch immer lehnt sie - so scheint es - an dieser Mauer und blickt mir nach, noch immer kann ich nicht glauben, was ich fühle oder fühlen, was ich glaube. Ich habe mich auf meine eigene Straße besonnen, ganz wie sie mich gebeten hat. Und so viel ist sicher, sie führt mich weit, weit weg von hier, weit, weit weg vom vergangenen Leben, das so düster und einsam war.

o shar'as shi'el -

das lässt mich aufrecht gehen.


Schon beim Morgengrauen denke ich nicht mehr an sie. Stattdessen fällt mir der kürzlich eingelaufene Pullover ein, der so flauschig ist. Erst war ich traurig, dass ich ihn nicht mehr tragen kann, aber jetzt muss ich lächeln. Ich beschließe, dass ich ihn dir schenken werde, gleich als erstes.


o shar'as shi'el -

und mehr Trost als das braucht niemand.

Bis bald!

euer Schreibotter




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