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Philosophie, die Freiheitsliebende





Internationale Zusammenarbeit, internationale Standards: Die Reform des Unilebens hatte unbestreitbar ihre Gründe. Man kann sich nun Stunden darüber streiten, ob und inwiefern die Maßnahmen ihren Intentionen gerecht geworden sind, aber damit will ich euch hier nicht langweilen. Der hauptsächliche Maßstab der Sache, und das ist ja auch sehr verständlich, sind die Ingenieurs- und Naturwissenschaften: Niemand möchte eine Brücke bauen lassen und nicht nachvollziehen können, was die Leute dahinter von Statik oder Baumaterial wissen.

Aber die Frage ist nun natürlich, ob dieser Maßstab deshalb auch in Fächern herrschen muss, die komplett anders strukturiert sind und komplett andere Funktionen in unserer Gesellschaft inne haben.

Ich kann nur von meinen beiden Fächern sprechen und wie sie mit der Standardisierung sehr unterschiedlich davon kamen. Sehr hat mich erstaunt, dass dasjenige Fach, das in seiner Materie eindeutig greifbarer ist, so viel freier gestaltet ist: Die vergleichende Religionswissenschaft, wie ich sie erlebt habe. Sie ließ nach nur einem Jahr aufbauender Module eine umfassende Richtungswahl zu und obendrein die allem zugrunde liegende Entscheidung, ob man eher einzelne Kulturen oder die abstrakte Theorie studieren möchte. Ein hocheffizientes, sehr liberales, aber auch verbindliches System. Ein System, das der Tatsache gerecht wird, dass man beruflich nach einem solchen Studium eher tausende als hunderte unterschiedliche Berufsrichtungen einschlagen kann und dass inhaltliche Flexibilität ganz ausschlaggebend dabei ist, wie viele darunter einem tatsächlich offen stehen. Es ist nicht das Ingenieursdasein, wo ganz klar ist, was man macht und wo man hinterher landet. Es ist sehr schwer zu sagen, wo man landet - aber wenüger nützlich ist ein solches Fach genau deswegen noch lange nicht. Man muss sich mehr in der eigenen Profilisierung engagieren, und im Gegenzug stehen einem dadurch dann auch deutlich mehr unterschiedliche Türen offen.


So stelle ich mir ein gutes kulturwissenschaftliches Studium vor: Flexibel, aber mit verbindlichen Grundlagen.



Ganz anders sind da leider meine Erlebnisse mit der Philosophie gewesen! Eben jenes Fach, in dem ich mir sogar noch mehr Freiheiten gewünscht hätte. Denn die Philosophie ist unter den Kulturwissenschaften ein bisschen wie die Mathematik unter den Naturwissenschaften: Sie ist einfach überall involviert und stellt unverzichtbare Methoden bereit, aber ganz allein und für sich genommen ist sie erst einmal gar nichts. Philosophie möchte angewandt werden, mit Fragen in der Lebenswirklichkeit verschweißt werden, dann und nur dann lohnt sie sich. Und genau wie auch die Mathematik lebt die Philosophie von nichts mehr als von der immer neuen Betrachtung, vom Brechen mit alten Regeln, vom Erweitern der Erkenntnis in alle nur möglichen Richtungen.


Früher, so erzählten die Professoren immer sehr nostalgisch, seien sie nach den Seminaren mit ihren Mitstudentinnen und Mitstudenten im Raum geblieben oder hätten andernorts ein Treffen abgehalten, um das Thema z.B. bei einer Tasse Kaffee fortzuspinnen und ihre eigenen Gedanken zu verfeinern. Ich bin mir sicher, dass diese Praxis gerade unter jenen sehr verbreitet war, die heute die dozierenden Rollen einnehmen: höchst kritische und individualisierte Geister, imstande, ihr Feld nicht nur zu überblicken, sondern es substanziell voranzutreiben. Und zwar dadurch, dass sie neue Perspektiven einnehmen, neue Fragen stellen, neue Methoden austüfteln, unermüdlich nach den Fehlern im bereits Gelernten suchen und es nötigenfalls umstoßen. Die modernen Philosophiestudenten sind da anders. Sie streben weder nach dem eigenstänigen Tüfteln noch nach der praktischen Anwendung in anderen wissenschaftlichen Bereichen. Sie streben nach - Trommelwirbel - dem "Bätscheler."


Sie büffeln ganz selbstverständlich sämtliche Texte von Descartes, von Platon, von Hegel, von Foucault und so weiter und so fort. Zeit, um sich ganz ungezwungen und frei aus einem frischen Blickwinkel heraus diesen antiquierten Gedankengebäuden zu nähern, bleibt da einfach auf der Strecke. Die Module sehen vor, dass alles mal flüchtig gesehen haben muss, zu allem ein paar bescheidene kritische Sätzchen fallen lässt, dann muss man auch schon weiter, denn der Stapel der ungewünschten Seminare ist erdrückend, die starre Modulbastelei bestimmt das Studium ganz und gar.


Die Freiheit, ein Seminar z.B. "über die Naturphilosophie" oder "über die Religionsphilosophie" wählen zu können, klingt so lange annehmbar, bis man begreift, wie unzusammenhängend und beliebig die Kombinationen sind, die durch diese Modulnamen entstehen. Fokus, Synergie, die Suche nach der einen heißen Spur, der man sein Studium früher widmen mochte, muss dabei unweigerlich abnehme oder gänzlich verloren gehen, es sei denn, man besucht reihenweise Seminare, die man modularisch nicht "verwerten" muss oder auch nur darf. Schreckt einen dies nicht - weil man schließlich hier ist, um etwas Bestimmtes zu lernen, nicht bloß, um eines Tages ein Papier hochrecken und es ungeschoren behaupten zu dürfen - dann resultiert dies also ganz unvermeidlich in einem deutlich verlängerten Studium, für das man heute irritierenderweise eine umfassende soziale Rüge erhält.


Ganz scheint es so, als würde nicht mehr die Tiefe des Erlernten zählen, sondern die Geschwindigkeit. Studenten sind eine "Ressource", die es ökonomisch möglichst rasch "herzustellen" gilt - sogar Philosophen. Es ist eine ideologische Selbsttäuschung, die uns in diesem Jahrhundert noch so einiges schwerer machen wird, als es unbedingt sein müsste. Die Philosophie trifft diese bizarre, menschenverachtende Ideologie aber ganz besonders hart. Philosophen sollen die Gesellschaft moralisch anleiten und mittels neuer Instrumente der Selbstkritik den kulturellen und technologischen Fortschritt maßgeblich beschleunigen. Beides ist aber selbstverständlich nur denen möglich, die es schaffen, sich hochgradig zu spezialisieren. Da dies nicht mehr erlaubt ist, jedenfalls weder sozial noch durch die Struktur des Studiums unterstützt wird, wandelt sich die attraktivste berufliche Betätigung - vom Taxifahren weg - hin zur Lehre. Falls Studierende der Generation "Bätscheler" auf ihrem Studium der Philosophi überhaupt aufbauen werden, dann werden sie höchstwahrscheinlich an den Universitäten bleiben, immer wieder dieselben uralten Texte entstauben und sie zu 99% unverändert weiterreichen.


Eine große Sorge lastet über diesem Gedanken. Könnte es sein, dass die Philosophie, die über Jahrtausende eine neue Naturwissenschaft nach der anderen aus dem Taufbecken hob und unsere Zivilisation so unglaublich vorwärts getrieben hat, sich nun eine nie dagewesene Flaute eingehandelt hat, eine Flaute des Geistes, bis das bittere Ende vom Lied ist, dass die Politiker sie einfach absägen?

Ich überlasse es anderen, hierüber zu entscheiden. Sowohl im Geiste, als auch durch das Schaffen neuer Tatsachen.



Bis bald! euer Schreibotter





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