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Pluralismus, kann man das essen?

Aktualisiert: 22. Nov 2019



Abstract:

Europa droht auseinanderzureißen, weil wir – wieder einmal – zwischen zwei antiquierten, schwarzweißen Ideologien gefangen sind, die einer aschgrauen Realität nicht gerecht werden und daran scheitern, die Probleme des 21. Jahrhunderts nicht nur zu erfassen, sondern auch zu lösen. Beide Ideologien lähmen den kritischen Geist, die eine, indem sie die Illusion erschafft, diese Probleme seien unlösbar; die andere, indem sie die Illusion erschafft, sie seien keine und würden sich selbst lösen.

Diese beiden Ideologien haben viele Namen, aber ich werde sie als Kulturchauvinismus und Kulturrelativismus bezeichnen und erklären, warum beide der Globalisierung nicht gewachsen sein können und wie wir sie ablegen. Ich möchte außerdem einen neuen Pluralismusbegriff vorstellen, der nicht darauf basiert, wer wir sind oder wie wir leben, sondern wie gründlich wir einander verstehen. Pluralismus ist demnach nichts anderes als ein erweitertes geistiges Arsenal, das uns erlaubt, interkulturellen Reibungen harmonisch zu begegnen, ohne die Souveränität der einzelnen Identitäten oder die Grundsätze des souveränen Staates anzutasten, so wie es in den multiethnischen, multireligiösen Reichen des vornationalistischen Zeitalters jahrtausendelang eine bewährte Selbstverständlichkeit gewesen ist.





Kultur und Pluralismus – wer würde es bestreiten? – sind in unseren Jahren ein brandheißes Thema. Die Zukunft wird sich ganz maßgeblich dadurch bestimmen, wie diesen Fragen der Globalisierung begegnet wird. Da mutet es befremdlich, um nicht zu sagen beängstigend an, dass diese Fragen von Politik und Gesellschaft, so endlos diese auch um sie zu kreisen scheinen, mit der schönsten Regelmäßigkeit plattgehauen werden wie Pfannkuchen. Die Tatsache, dass man Kultur erst studieren muss, um ihre geheimen und unterbewussten Prozesse zu verstehen, missachten wir mit erstaunlichen Fleiß.

Respekt besitzen Fachleute nur, wenn sie leicht veranschaulichen können, womit sie sich befassen. Niemand zieht durch die Straßen und skandiert, dass jedes Kind wisse, wie man ein chemisches Labor betreibt. Chemiker haben es in der Tat besonders leicht; es reicht schon, ein bisschen Magnesium abzubrennen, und sofort begreifen alle Laien, wie wenig sie wissen. Für uns, die uns mit der Kultur beschäftigen, ist dies schwerer. Nur, wer sich selbst bereits ansatzweise mit der Materie auseinandergesetzt hat, kann das raffinierte Spiel der Illusionen und Konnotationen, der Konditionen und Affordanzen als eine Sache schätzen und achten, die man erst einmal verstehen lernen muss. Der Impuls, all das als selbstverliebtes Geschwätz abzutun, ist da leider sehr groß.

Diese radikale Leugnung der eisernen Grundlagen unserer humanistischen und technisierten Moderne erklärt vielleicht, warum wir alle unsere Schädel gegen die immer gleichen Fragen hämmern und doch nie auch nur ansatzweise die Mühe machen, diese Fragen sachlich zu beantworten. Besonders erklärt es, wie es kommt, dass wir alle, und zwar andauernd, den grundfalschen Leuten zuhören:

Politikern.

Und jenen, die es gern wären.




Eine große Starre

Man stelle sich einmal vor, Politiker wären unsere erste Adresse, wenn es darum ginge, die Geschwindigkeit des Insektensterbens zu berechnen, sparsamere Motoren zu entwickeln oder dergleichen mehr. Das Chaos, das wir uns hierbei ausmalen dürfen, würde aber immer noch nicht an jenes heranreichen, mit dem wir dem Pluralismus begegnen. So hysterisch und zugleich kindlich ist unsere Diskussion mittlerweile, dass bereits Aussagen begegnen wie die, Deutschland habe Menschen aus anderen Kulturen hinsichtlich eines orientierenden Maßstabes eben einfach nichts zu bieten. Die Rede ist von demselben Land, das man einmal das Land der Dichter und Denker nannte; das sich durch das unauslotbare Trauma des Dreißigjährigen Krieges als allererstes vom ideologischen Fanatismus abwandte; in dem das aufklärerische Projekt und der Humanismus nicht nur geboren, sondern über Generationen geschliffen und raffiniert wurden, bis hin zu den scheinbaren Selbstverständlichkeiten der modernen, freiheitlichen, egalitären, gerechten, lebenswerten Gesellschaft. Der sogenannte westliche Lebensstil, den alle wahllos, austauschbar und das bloße Nichtvorhandensein orientierender Maßstäbe nennen, ist in der Tat das Produkt der am härtesten errungenen, durchdachtesten und stabilsten orientierenden Maßstäbe, die man sich denken kann. Hätte er seine unübertroffene Stärke nicht wieder und wieder bewiesen, dann wären wir keine Humanisten.

Bisschen undankbar also, alles in allem.


Aber der allseits beherrschende und erdrückende Glaube, dass das Studium von komplexen nichtmateriellen Prozessen nutzlose Spinnerei sei, ist erheblich mehr als bloß undankbar den Philosophen gegenüber, denen wir unseren modernen Frieden schulden. Er ist, was diesem gigantischen Graben in unserer heutigen Gesellschaft ursächlich zugrunde liegt. Er bringt uns dazu, dass wir leugnen und verstauben lassen, was schon längst errungen worden ist. Das Problem lautet also:

Die meisten haben die Instrumente des kulturellen Terraformings, mit denen unsere Freiheit und humanistische Gesellschaft dem Irrsinn entrissen wurden, schon vergessen, weil all das uns bereits zu selbstverständlich geworden ist.

Im Nährboden dieser Blindheit kann es nun zu zwei unterschiedlichen Betrachtungsweisen kommen, die gleichermaßen eindimensional sind und nicht müde werden, sich selbst dadurch zu begründen, dass sie die Fehler der jeweils anderen Seite bloßstellen – wie als hieße dies, dass man selbst besser sei. Der Stress der Globalisierung ist es, der diese völlig unzureichenden Geisteshaltungen mehr und mehr aneinander entzündet. Sie stecken hinter der in den letzten Jahren um sich greifenden Schwarzweißmentalität, hinter Feindbildern, Missverständnissen, Furcht- und Hassspiralen.


Ich werde sie hier den Kulturchauvinismus und den Kulturrelativismus nennen. Den Rahmen dieses Blogbeitrages würde es hoffnungslos sprengen, würde ich versuchen, sie umfassend gegenüberzustellen. Es muss reichen, sie gerade so sehr zu charakterisieren, dass ersichtlich wird, warum ihre Begegnung immer wieder in schwarz und weiß, alles oder nichts, Gondor und Mordor zu münden scheint und uns eben nicht sensibler und einfühlsamer, sondern ängstlicher und gespaltener zurücklässt mit jedem Schlagabtausch, jeder Talkshow und jeder Bundestagswahl.





Kulturchauvinismus


Die Tatsache, dass eine Sache, die man von außen anschaut, einheitlich scheint, heißt nicht, dass sie es tatsächlich ist. Diese Falschannahme ist es jedoch, die den Kulturchauvinismus begründet und nährt. Je weniger wir über das Fremde wissen, desto schlichter erklären wir es uns. So kann es z.B. dazu kommen, dass wir über die verstrickten und tragischen Umstände, unter denen andernorts Bürgerkriege ausbrechen, rein gar nichts wissen und, solchermaßen bar jeder kontextualisierenden Grundlage, stattdessen einfach annehmen, die anderen handelten »freiwillig« dermaßen blutrünstig und der Bürgerkrieg sei ihre »Natur.« Dass dies nicht gerade fair ist, erkennen wir schon daran, dass in unserer eigenen Geschichte so manches geschehen ist, das wir uns nicht zurückwünschen. Solche Schlüsse sind – vorsichtig ausgedrückt – herablassend und hoffnungslos kindlich und erinnern sehr daran, anzunehmen, alle Sandkörner in der Sahara müssten dieselbe Farbe haben, einfach bloß, weil sie die Sahara bilden.

Dieser Fehler, der uns dazu verleitet, einen Menschen zu reduzieren und uns einzubilden, wir wüssten bereits alles über sie oder ihn, wenn wir wissen, woher sie oder er stammt, birgt neben vielen anderen auch die Gefahr, die Schönheit und den Reichtum einer anderen Kultur auf randständige, sehr seltene Phänomene zu reduzieren. Die düstere Folge ist, dass wir dem Fremden robotisch unsere eigenen Maßstäbe und Traditionen aufzwingen, anstatt das eigene und das andere nebeneinanderzustellen und einen Prozess der gegenseitigen Inspiration zuzulassen. In kulturchauvinistischen Gesellschaften werden die Menschen in den harmlosesten Traditionen brachial unterdrückt, werden ausgestoßen, weil sie anders sind, und für Fehler beschuldigt, mit denen sie selbst kein bisschen mehr zu tun haben als die, die sie beschuldigen; unter denen sie vielleicht sogar selbst die allergrößten Leidtragenden sind und die sie selbst am schärfsten und klarsten verurteilen. Schlimmstenfalls entwickeln sie eine Bitterkeit, die sie genau das werden lässt, was man all die Jahre zu verhindern versuchte. So dreht sich das Rad der Feindseligkeiten unaufhörlich weiter, nur eines wird man vergeblich suchen – das Friedenschließen.


Kürzen wir das ab: Pluralismus hat mit all dem nichts zu schaffen.




Kulturrelativismus


Den Kulturrelativisten ist anzurechnen, dass sie diese Falle durchschauen. Ihre Strömung entstand als eine Reaktion auf die Fehler der Kolonialzeit, doch statt deren chauvinistisches Kulturbild zu schärfen und über seine erschütternd arroganten Fehler hinauszuschreiten, drehten sie es lediglich um – wie als könne man eine verstopfte Kaffeemaschine dadurch reparieren, dass man sie auf den Rücken stellt. Die Folge ist, dass unser bildungsbürgerlicher Standard leider bedenklich an der Realität vorbeischießt.

Früher – in den alten Großreichen des asiatischen Raumes – war es eine selbstverständliche Praxis, zwischen den unterschiedlichen unter demselben Herrscherhaus vereinten Ethnien, Religionen etc. zu vermitteln, indem man sich darum bemühte, dass potenziell höchst unterschiedliche Lebensarten sowie Moralsysteme in der Praxis in denselben Gesetzen übereinkamen. Diese erstaunliche und beeindruckende Kunst, die seit dem aufkeimenden Nationalismus im späten 18. Jahrhundert verloren gegangen ist, könnte man vielleicht »kulturelle Balance« nennen. Kulturrelativisten verdammen solche Maßnahmen oder auch nur Gedanken hingegen bereits als rassistisch. Der Kulturrelativismus lebt von der Idee, man müsse einer Kultur grundsätzlich selbst angehören, um ihre Besonderheiten auch nur ansatzweise nachvollziehen zu können.

Kulturrelativisten glauben, dass Kultur sich unserem Geist entziehe, und darum habe man ganz selbstverständlich so zu tun, als gäbe es sie gar nicht. So können sie sich auch nicht vorstellen, dass Kulturen sich als in der Realität verwurzelte Phänomene sachlich beschreiben lassen und sich – ganz von selbst, weil voneinander lernen noch immer nützlich und dem Überleben dienlich war – miteinander zu vermischen neigen. Für die Kulturrelativisten ist eine Kultur eine verklärte, geradezu magische Instanz, die in einem gesäuberten »Urzustand« existiert und die es bedingungslos unverändert zu erhalten gelte. Kulturwandel können sie sich nicht als einen freiwilligen und auf der gegenseitigen Inspiration beruhenden Prozess vorstellen, sondern nur als drakonische, normative Zwangsherrschaft des einen über das andere. Und deswegen sind sie auch nicht bereit, darüber zu diskutieren, ob zwei Kulturen sich überhaupt harmonisieren lassen und welche Maßnahmen vorzunehmen sind, um dies zu ermöglichen. Die Folge ist es – genau andersherum als noch im Kulturchauvinismus – das Fremde robotisch unter Schutz zu stellen und sämtliche Reibungen schlicht und ergreifend zu leugnen. Eine solch blauäugige Gesellschaft wird die allergrößten Probleme haben, einen nachhaltigen Pluralismus auszubilden, in dem sämtliche Parteien miteinander auskommen, ohne aufgrund andauernder Reibung in gegenseitiges Misstrauen und dadurch in Spaltung zurückzuverfallen.


Kürzen wir das ab: Pluralismus hat mit all dem nichts zu schaffen.




Ein neuer Pluralismusbegriff muss her



Und das ist sie schon – die gesamte intellektuelle Bandbreite der Techniken, mit denen wir in Deutschland momentan der Idee des Pluralismus gegenübertreten. Kultur beherrscht einen Menschen bis in die Knochen, schwören die einen, und die Mitglieder derselben Kultur sind alle gleich. Kultur beherrscht einen Menschen überhaupt gar kein bisschen, halten die anderen energisch dagegen, und jede Debatte über die Grundlagen des harmonischen Zusammenlebens verbietet sich. Die entscheidende Erkenntnis, mit der ich euch entlassen möchte, meine geduldigen Leserinnen, besteht darin, dass diese beiden Extremsichten sich nur darum unversöhnlich gegenüberstehen, weil sie sich einander nicht annähern können. Zwischen "das Fremde ist böse" und "das Fremde ist gut" kann aufgrund der kindlichen Schlichtheit beider Thesen kein analysierender, geistreicher und hinschauender Mittelgrund entstehen. Schlimmer noch, aufgrund der eindimensionalen Natur beider Ideologien geht es hier nicht darum, einzeln umreißbare Handlungen und deren Beweggründe zu beleuchten, sondern stattdessen werden hier die Menschen bewertet. Dies macht die Debatte nicht nur hoffnungslos seicht, sondern auch unnötig emotional.

Schon lange erinnert nichts mehr an einen runden Tisch, sondern zwei Hornissenschwärme scheinen sich zu bekriegen. Immer kleiner wird der Spielraum, in dem man noch abweichen und gleichzeitig ausreden darf. Statt nach Geistesschärfe, nach einer entwaffnenden und durchschlagenden Rhetorik, die die Gegenseite erreichen und umstimmen kann, schärfen die meisten mittlerweile die Mistgabeln. Zusammenhaltsgefühle – und damit verbunden die demonstrative Ausgrenzung, Entwertung und Missachtung desjenigen, der sich erdreistet, anders zu denken – werden allerseits betont.  Nachdem wir lange und hart darum gerungen haben, dass die Menschen einander nicht mehr blind wegen anderer Lebensgewohnheiten hassen, scheint es nun, als hätten wir endlich das gloriose Zeitalter erreicht, in dem die Menschen einander blind dafür hassen, dass sie einen anderen Informationsstand haben. Ein verbaler Bürgerkrieg scheint ausgebrochen, wie als könnten Drohgebärden und Gewalt die Überzeugungen unseres Gegenübers auch nur kratzen.

Tatsächlich ist all dies der größte Beweis, dass niemand den blassesten Schimmer hat, was Pluralismus tatsächlich ausmacht:

Gewalt ändert nicht das Denken. Jene, die die Fehler der von ihnen verschiedenen dadurch zu beheben versuchen, dass sie ihnen Gewalt androhen, sind Selbsttäuscher. Gewalt kann nur darin resultieren, dass die anderen ihre abweichenden Gedanken nach innen kehren und verbergen – und umso energischer an ihnen festhalten.

Maß und Mitte suchende, ausgeglichene Positionen haben es immer schwerer, weil beide Hornissenschwärme sie beim »Feindschwarm« einzuordnen pflegen. Deswegen – und weil ihnen das Fachwissen schlicht nicht gegeben ist – haben die traditionellen Parteien der Mitte es längst aufgegeben, irgendeine eigene Position zu beziehen. Stattdessen begnügen sie sich damit, mal dieser und mal jener Randaussage unkritisch und uneingeschränkt Recht zu geben. Freilich ist dies nun keine vermittelnde Strategie, die Frieden und Übereinkommen herzustellen sucht, sondern heiße Luft, was nicht unmaßgeblich zu ihrem gegenwärtigen Niedergang beiträgt.



Aber... wie es dann angehen?


Gewalt hat noch nie jemanden zum Besseren verändert. Bei dieser eisernen Regel wird es bleiben. Im Rahmen des souveränen Rechtsstaates, den wir bedingungslos verteidigen und durchsetzen, müssen wir stattdessen bereit sein, jener Geistesmacht zu vertrauen, durch die er einst entstanden ist. Die Gerechtigkeit braucht nicht davor beschützt zu werden, dass man sie verhandelt und in Frage stellt, danke vielmals. Genau deswegen ist sie die Gerechtigkeit, genau deswegen hat sie uns von menschenverachtenden Schrecken befreit, weil sie sich in einer ehrlichen Diskussion zu wehren weiß. Niemals standen die Rahmenbedingungen einer solchen Diskussion besser – wir müssen einfach bloß von unserem klassisch europäisch himmelhohen Ross absteigen und uns ins Gespräch begeben, einander studieren und kennen lernen.

Insbesondere müssen wir endlich begreifen, dass die notwendigen Hebel, so verbissen die Selbsttäuscher dies leugnen, weil sie es nicht wahrhaben wollen, schon längst da sind und jede einzelne Kultur voller verschiedener Ströme ist, die sich in steter Rivalität befinden. Die Illusion des Fremden – oder des eigenen, was das betrifft – als starr, geschlossen, einheitlich und unveränderlich ist ein gefährliches Überbleibsel des Nationalismus, das uns bis heute blendet und in die Irre zu leiten droht. Kultur beherrscht einen Menschen in dem Sinne, dass sie in allem, was sie oder er tut oder lässt, nachhallt. Aber was Laien nur selten klar ist, ist nicht nur der ungeheuere Facettenreichtum einer jeden Kultur, sondern insbesondere ihr atemberaubendes Potenzial, sich zu verwandeln. Die Bandbreite des Menschseins ist in allen modernen Kulturen ganz und gar dieselbe: Sie reicht von den harmlosesten bis hin zu den schrecklichsten, von den differenziertesten bis hin zu den robotischsten Persönlichkeiten. Die Tatsache, dass überall nur jeweils eine Gruppe den Ton angeben kann, darf uns niemals darüber hinwegtäuschen, dass stets auch noch andere, rivalisierende Interpretationen bestehen und immer bestanden haben. Der Glaube, die eine Interpretation sei einer Kultur »natürlicher« als jede andere, ist besonders tückisch.

Interpretationen bestehen aus greifbaren Ideen. Kulturen hingegen bestehen aus wesentlich abstrakteren und unterbewussten Bausteinen. Kultur ist das, mittels dessen wir neue Ideen ausbilden und verarbeiten. Ist eine Idee oder Überzeugung wie eine einzelne elektronische Datei, so ist die Kultur dahinter wie das Betriebssystem: Sie war schon da, bevor die Idee da war, und sie wird sie überleben.

Es weiß nur niemand, weil die meisten noch immer die modernen, psychologiebasierten Kulturwissenschaften belächeln – und stattdessen lieber überkommenen Blödsinn à la Hegel nachbeten, der das enorm kindliche nationalistische Begreifen von Kultur – »alle Deutschen denken genau dies und streiten sich niemals untereinander, alle Italienier denken genau jenes und streiten sich niemals untereinander, hach!« – prägte und bis heute in unseren Bildungslücken herumgeistert.

Und das, obwohl ihn niemand mehr liest oder kennt!

So mächtig ist Philosophie.


Deswegen ist Präzision der Schlüssel. Statt einander zu unterstellen, was die jeweils andere Seite denkt, müssen wir lernen, zuzuhören, Missverständnisse und Feindbilder einzureißen. Nicht über »die anderen« zu reden, sondern einzelne Probleme mit größtmöglicher Präzision zu isolieren und zu beheben – am nachhaltigsten mit Methoden aus derselben Kultur, der sie entstammen. Aber dazu muss man die erstmal kennen. Und sich klar machen, dass die größten geistigen Divergenzen grundsätzlich innerhalb der einzelnen Kulturen bestehen, nicht zwischen ihnen. Somit zurück zur entscheidenden Frage:

Können wir die Spaltung in die beiden Hornissenschwärme noch umkehren, können wir einen tatsächlichen Pluralismus erreichen, können wir die humanistische Gesellschaft noch retten?



Natürlich können wir das, aber erst müssen wir uns von den einfachen Pauschalantworten verabschieden, je schneller, desto besser. Pluralismus – so leid es mir tut – ist nicht leicht, und um zwei Kulturen in eine gelungene und harmonische Balance zu bringen, müssen wir uns selbstverständlich mit beiden auseinandersetzen. Die natürliche Methode, um dies zu tun, besteht darin, sich ungezwungen zu unterhalten und zu schauen, wohin die Inspiration fließt. Jene, die dem Fremden generell misstrauen, werden erstaunt sein, wie oft es die Fremden sind, die bestimmte Facetten unserer eigenen Kultur überschwänglich loben und ihre Bewunderung ausdrücken; sehr viel eher, als wir selbst es tun. Faustregel: Je mehr wir miteinander statt übereinander reden, desto leichter kann Pluralismus gelingen. Sinn der Übung ist es jedoch durchaus nicht, sich einander anzunähern, bis beide Seiten nicht mehr unterscheidbar sind. Enten und Schwäne im Teich sind sehr deutlich zu unterscheiden, und was ist dabei? Pluralismus stellt nicht die Forderung dar, aufeinander zuzugehen, nur weil die andere Seite anders ist, denn dies wäre eine miserabel schwache Begründung. Pluralismus arbeitet aber ausschließlich mit starken Begründungen.

Pluralismus ist ein höchst delikater geistiger Prozess, in dem sich das Richtige verbreitet, weil es richtig ist. Ein bisschen mehr Selbstbewusstsein würde da allen Beteiligten ins Gesicht stehen. Stellen wir es uns ganz schlicht vor, als würden wir uns mit unseren Nachbarn über den Gartenzaun hinweg unterhalten. Neben sehr vielem, das wir von ihnen lernen werden, ist es natürlich auch möglich, dass sie über eine bestimmte Sache schlechter bescheid wissen als wir selbst und uns einen Irrtum servieren. Bloß – warum um alles im Himmel und in der Hölle sollten wir deshalb diesen Irrtum übernehmen? Stattdessen bietet sich nun die Chance, ihn zu berichtigen oder, wenn dies nicht möglich ist, immerhin mit ihm zu rechnen. Genauso müssen wir uns auch Pluralismus denken. Es handelt sich um eine geistige Brücke, über die nur gute und bereichernde Informationen wandern können. Im schlimmsten Fall lernen wir etwas über die Fehler und Irrtümer der anderen Seite, was ungeheuer nützlich ist – solange wir kritisch bleiben.

Es muss die erste und höchste Pflicht aller beteiligten Seiten sein, einander neugierig und mit Fragen zu begegnen. Für einwandernde Minderheiten sollte dies mehr als alles andere eine Bedingung sein, um zu bleiben. Gleichermaßen sollte die Mehrheit sich vergegenwärtigen, dass ihre eigene Neugierde ihren neuen Nachbarn gegenüber der treibende Motor hinter dem Pluralismus ist und es allen beteiligten Seiten sehr viel leichter macht, sich ernst genommen und als Mensch wertgeschätzt zu fühlen. Dies bedeutet auch, dass sie es sehr viel leichter haben, ihrerseits auf uns zuzukommen, statt sich hilflos an ihre vertrauten Traditionen zu klammern. Dies, mehr als alles andere, ist die Stellschraube, die wir vernachlässigt haben und an der wir uns verausgaben sollten.

Neben all diesen höchst bereichernden Möglichkeiten, uns zu schulen, scheint es eine wunderbare Idee, als Laie – was annähernd alle Politiker einschließt – einfach mal in Ruhe zuzuhören, insbesondere Fachleuten. Folgenden Praxisrat möchte ich noch allen besorgten Bürgern ans Herz legen, die dazu beitragen möchten, dass ein stabiler Pluralismus gelingen kann:

  • Besucht die Menschen und lasst euch von ihnen bekochen.

  • Stellt aufrichtige Fragen.

  • Spielt mit ihren Kindern.



Bemühen wir uns, das Fremde zu verstehen.

Denn:

Es ist von dieser Erde.

Bonus:


Lernen, über Gräben hinaus!

Bis bald!

euer Schreibotter





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