Rezension: Nichts, was man fürchten müsste - Julian Barnes


ISBN: 978-3-462-04186-6

Erschienen am: 15.03.2010 Seiten (deutsche Übersetzung): 336


"Nichts, was man fürchten müsste" - oder im englischen Original "Nothing to fear" - ist allemal ein interessantes und sehr ungewöhnliches Buch. Es schien mir gleich sympathisch, und die ersten hundert Seiten las ich mit großer Freude... aber dabei sollte es nicht bleiben.

Frei heraus gesprochen, das Buch dreht sich um den Tod. Genauer gesagt darum, wie man mit selbigem umgehen soll, wie man seine Erwartung oder gar sein Eintreten verarbeiten soll. Der Protagonist, der geradezu besessen von dieser Frage zu sein scheint, hangelt sich im Grunde von einer hypothetischen Möglichkeit zur nächsten und schildert, wie von den alten Römern bis heute die unterschiedlichsten Strategien ersonnen wurden, um dem Tod seinen Stachel zu rauben - und wie ihn alle diese Strategien schlussendlich im Stich lassen. Jedenfalls, soweit ich das Buch gelesen habe, denn ich musste diese Lektüre schließlich abbrechen:


Sie war mir buchstäblich zu grauenvoll.

Der Text beginnt sehr beschwingt, fantasie- und humorvoll. Er lässt sich zunächst als eine parabolische und augenzwinkernde Geschichte an, aus der sich erst nach und nach ein in seinem grundsätzlichen Charakter philosophischer Sachtext herausschält. Der britische Humor, der mich zunächst mitriss, wurde mir irgendwann zu bitter, zu trocken, hinterließ zuviel Pessimismus. Er verlor gleichzeitig mit seiner Selbstironie für mich auch recht bald seine philosophische Schlagkraft, soll heißen, der Text las sich redundanter mit jeder Seite. Die Fragen begannen sich zu wiederholen, die Antworten hörten auf, aufeinander aufzubauen. Barnes ist kein Philosoph und behauptet es auch nicht, es sollen alltägliche Gedanken in alltäglicher Sprache sein. Aber was mich wirklich stört, ist, dass dieses Buch die eigene Fragestellung zielsicher ad absurdum führt. Ich möchte kurz ausführen, wie ich das meine. Inmitten des Strudels an verschiedenen Ideen, wie mit der Tatsache Tod umzugehen sei, findet sich auch jene, nach der es das Beste ist, möglichst nicht über den Tod nachzudenken. In das dunkle Loch des Nichts, so formuliert Barnes ja schließlich selbst, müssen am Schluss unweigerlich beide hüpfen - die Person, die ihr Leben unbesorgt genossen hat und die, die immer nur darüber verzweifelt ist, dass es eines Tages enden muss. Hieraus könnte man schließen, dass man mit diesen finsteren Gedanken nicht den Tod los wird, sondern lediglich das Leben. Für mich persönlich ist dies die überzeugendste Position, die das Buch behandelt - ich selbst kann jedem bestätigen, dass wir unsere Gefühle beeinflussen können und dass Sorgen, die uns nicht weiter führen, nicht nur überflüssig sind, sondern sich auch bezwingen lassen, indem wir ihnen kein übersteigertes Gewicht einräumen und schon gar nicht tagein, tagaus.


Nun kann man das gerne anders sehen. Schade ist jedoch, dass Barnes all das wie einen Nebenschauplatz behandelt, der - wie so viele andere vor ihm in diesem unsystematischen Buch - eingenommen und rasch wieder fallen gelassen wird, ohne dass schlagende Gründe für oder gegen ihn sprechen. Und das, obwohl gerade das vergebliche, fruchtlose Abarbeiten der Todesangst in diesem Buch unmissverständlich dafür zu sprechen scheint, dieser Idee ernstlich nachzugehen.

Ich verstehe sehr gut, dass hier nicht im strengen Sinne Philosophie betrieben wird, und dass hier nicht einfach bloß logische Schlüsse geschmiedet werden. Hier wird geträumt, gespürt und verarbeitet. Gefühle sind langsamer als Gedanken, manchmal möchten sie eben nicht sofort von der Stelle rücken oder sich verändern, ob sie nun begründet scheinen oder nicht. Bloß - wenn das Buch dazu dienen soll, das bittere und lastende Gefühl der Todesangst in seine Schranken zu verweisen, dann ist es bei mir mit Pauken und Trompeten gescheitert. Ich muss nämlich sagen, dass ich dieses Gefühl vor dem Berühren dieses Buches nicht gekannt hatte. Ich fürchte den Tod nicht, und ich tat es nie. Aber die bedrückenden Mühlenräder dieses Buches schafften es, dieses Gefühl in mir zu schüren: Eines Nachts wachte ich schweißgebadet auf und spürte das Grauen. Und ich war lange nicht imstande, Medien zu konsumieren wie bisher. Ich spürte rasendes Entsetzen, wo ich kurz zuvor noch fröhlich Karten gespielt hatte.

So fiel der Beschluss, abzubrechen.

Ich möchte das Buch nicht verdammen. Es kann schließlich durchaus andere Menschen geben, die sich ohnehin dermaßen vor dem Tod fürchten und die durch diese Lektüre irgendeinen Trost mitnehmen. Möglich sogar, dass es sie kuriert. Und wieder andere mögen resistenter sein als ich und das Buch einfach für seinen beachtlichen Informationswert schätzen oder für den berühmten britischen Humor. Ich selbst lernte jedoch durch dieses Buch eines sehr deutlich: Frieden schließt man mit der Endlichkeit allen Seins dadurch, indem man sich auf das Sein fokussiert und nicht auf das mit der Endlichkeit. Jede Sekunde, die ich atmen darf, ist ein unverschämtes und unbegreifliches Geschenk, für das ich gerne eines Tages den unbequemen, aber allein logischen Preis zahlen werde. Sein ist nicht selbstverständlich, sondern das größte und schönste Privileg. Und wer sich dieses Privileg klar macht, kann sich nicht betrogen fühlen, dass man nicht mit unendlich viel davon gesegnet ist - oder? Und allen, denen es ebenso geht oder die nach diesem inneren Frieden suchen, muss ich von diesem Buch leider sehr deutlich abraten.



Bis bald! euer Schreibotter





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