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Stammbaum des Schreibens - die Schubladen Aversa und Immersia

Aktualisiert: 22. Nov 2019


Heute dreht sich – endlich! – alles um die erzählende Prosa, oder, wenn man so möchte, Fiktion. Ich muss aber gleich dazu sagen, dass es überbewertet wird, ob sich das nun so ereignet hat, haben könnte, eines Tages vielleicht ereignen wird... oder auch nichts von alledem. Solche Fragen sind in Sachbüchern entscheidend, aber nicht hier. Entscheidend ist stattdessen, dass wir unsere Fantasie und die unserer Leser benutzen, um vorübergehend eine Scheinrealität entstehen zu lassen und sie in diese zu versetzen. Deswegen möchte ich diesen Stamm als "Fantasia" bezeichnen.

Der individuelle Charakter dieser Scheinrealität sowie die Intentionen, mit denen wir sie entstehen lassen, sind durchaus interessant und verdienen es, sich ihnen zuzuwenden, aber wir müssen uns klar machen, dass sie äußerliche Kriterien darstellen. Dieser Stammbaum dreht sich um die innere Funktionalität, und das soll er auch heute tun. Im Herzen der Sache steht stattdessen die Technik der Szene, die wir nicht grundlos aus ungezählten Büchern und Filmen kennen.

Eine Szene bedient sich - anders als z.B. die abstrakten Analysen aus dem letzten Teil – vor allem der Sinne unserer Leserin. Informationen, die vorgeben, aus nächster Nähe erlebt zu werden, reihen sich möglichst ununterbrochen aneinander. Diese Technik in ihrer heutigen, strengen Form ist noch nicht sehr alt, der Roman selbst aber auch nicht – beide kann man ca. 250 Jahre zurückführen. In diese generelle Richtung bewegt sich die Literatur aber sicherlich bereits seit Jahrtausenden. So ist z.B. schon die altgriechische Ilias um einiges detaillierter und szenischer erzählt als das ihr vorausgegange Gilgameschepos, in dem mythologische und metaphorische Darstellungsart überwog – und damit gerade nicht die Nähe zum Geschehen.



Da dieses Phänomen der erzeugten Scheinrealität, die man übrigens auch Immersion nennt, so bedeutsam ist, möchte ich "Fantasia" danach unterteilen, wie streng die Texte dies handhaben: "Aversa" beinhaltet dabei Texte, die zwar eine deutlich erkennbare Immersion betreiben, sie aber immer wieder brechen. "Immersia" ist – wie der Name verraten sollte – deutlich orthodoxer damit.

Aber warum sollte man die Immersion brechen?

Dies kann verschiedene Gründe haben. Im Fall von Gilgamesch, bei dem es sich gleichzeitig um Unterhaltung und einen sakrosankten Text handelte – etwas, das es schon lange nicht mehr gibt – hatte sie nicht oberste Priorität, sondern war technisch gesehen nur eine einzelne Komponente innerhalb eines Kompromisses. Mit "Aversa" meine ich jedoch eher moderne Geschichten, die sich alle Mühe geben, eine sehr starke Immersion heraufzubeschwören, und diese, kaum dass sie geschaffen ist, ins Unglaubwürdige hinein verzerren – oder gar völlig mit ihr brechen. Im Fernsehen nennt man diesen Trick den "Fourth wall break": Eine Figur redet hierbei plötzlich unmittelbar mit den Zuschauern, wie als wüsste sie genau, dass sie bloß eine Figur in einem Schauspiel ist. Dies kann z.B. geschehen, um Schieflagen in unserem eigenen Realitätssinn entstehen zu lassen. Es ist ein exzellentes Mittel für humoristische Geschichten, aber manchmal kann es auch bitter ernst sein – und manchmal ist es beides, lustig und ernst zugleich. Da hier sehr mit Erwartungen und deren gezielter Nichterfüllung gespielt wird, ist das richtige Erzähltempo stets wichtig. Ein Scherz, den man ausschmückt, bis er drei Stunden dauert, ist garantiert nicht mehr lustig. Ein Scherz, der in drei Sekunden erzählt ist, ist vielleicht lustig, aber möglicherweise nur milde, weil wir noch gar nicht richtig eingesogen sind. Es geht somit darum, die richtige Balance aus Immersion und Pointe zu treffen. Und natürlich darum, Erwartungen nicht einfach bloß enttäuschen, sondern das Unerwartete zu tun und genau damit zu begeistern oder zu entblößen. Eine Erwartung zu schüren und einfach bloß fallen zu lassen, ohne mit etwas mindestens genauso Interessantem aufzuwarten, ist allerhöchstens so lange lustig, wie wir es nicht erwarten.



Gewisse Medien und erzählerische Formate passen besonders gut zu solchen Geschichten. Ihre Szenengestaltung ist meistens einigermaßen anspruchslos – und da dass Interessante an der Szene nicht so sehr in großen Emotionen liegt, muss die Geschichte auch keinen erheblichen Spannungsbogen durchlaufen. Die Figuren müssen nichts hinzulernen, ihre Lebensumstände und Beziehungen zueinander müssen sich nicht verändern, die einzelnen Episoden müssen nicht aufeinander aufbauen – Humor ist die ideale Endlosgeschichte. Beachten wir allerdings, dass selbstredend auch gemischte Stile existieren können: Ein Asterix-Band ist zwar zunächst einmal eher lustig und verniedlicht die Realität, aber dennoch hat er stets einen ausgetüftelten Spannungsbogen. Je mehr wir gespannt sind, desto schöner ist das ja auch, wenn der Humor die Situation wieder entspannt. Dies hat jedoch klare Grenzen: Finstere Gefühle, wie Angst und Trauer, haben in einer solchen Geschichte nichts verloren. Spannung und Humor, richtig verstanden, befeuern einander; Trauer und Humor heben sich gegenseitig auf. Ich sehne mich nach dem Tag, an dem Hollywood sein Fluch-der-Karibik-Trauma überwinden und endlich begreifen wird, dass dieser Film lustig und spannend gleichermaßen war – nicht lustig und traurig. Es könnte sich als der Tag erweisen, ab dem sie endlich wieder routinemäßig gute Filme drehen werden, die sich entscheiden können, was sie sein wollen.

Ich fürchte, ich schweife ab.


Den Schluss vom Schluss bildet nun also eine Schublade namens "Immersia," die der obigen gegenübergestellt ist und sich um die Dramaturgie dreht. Trauer spielt in ihr meistens eine sehr bedeutende Rolle, aus ihr heraus entsteht die Spannung. Deswegen heißt es, dass Autorinnen zu ihren Figuren grausam sein müssen.

Stets setzen solche Geschichten auf eine möglichst intensive, möglichst ununterbrochene Immersion. Sie mögen dann und wann auch heitere oder sogar komische Szenen haben, um besonders schwere Gefühle auszubalancieren – ein sehr bedeutender Unterschied ist es jedoch, dass sie dabei darauf achten, dass die Schrägheit in universe geschieht. Soll heißen, nicht die Regisseurin oder Schreiberin erlaubt sich einen Spaß mit dem Publikum, sondern eine Figur macht sich glaubwürdig lächerlich oder erzählt einen Scherz. Die Immersion darf nicht unter dem Humor leiden.

"Immersia" ist, im weitesten Sinne, Spannungsliteratur. Aber Spannung ist ein hochgradig missverstandenes Phänomen. Es geht hier keineswegs darum, dass sich Bankraub an Hungersnot an Alieninvasion reihen müsse. Es geht stattdessen darum, die Leser ganz und gar einzusaugen – und dann, mit möglichst stark ausgebauten Gefühlen, etwas geschehen zu lassen, das sie betroffen macht. In den seltensten Fällen ist bei einer wirklich spannenden Geschichte deshalb die Menschheit oder dergleichen in Gefahr, sondern in der Regel sind es einzelne Figuren, die wir intensiv kennenlernen und deren Leiden wir tatsächlich nachempfinden können.

Aber wie eine Immersion so sehr schüren?



Es sollte so viel relevante Information wie möglich auf so engem Raum wie möglich fließen – aber damit meine ich nicht, unsere Leserin mit Informationen zuzuschütten, die gedanklich eine Rolle spielen; sondern mit solchen, die es emotional tun. Soll heißen, das, was unsere Gefühle berührt. Starke Immersion entsteht nicht durch ausschweifendes Schildern von allem und jedem, weil unbedeutende Informationen den Text nur verwässern und unsere Gefühle abschwächen. Die Natur eurer Geschichte entscheidet also darüber, welche Informationen überhaupt und in welchem Maße benötigt werden. Falls euch jemand ein Fließbandrezept dazu andrehen möchte, dann könnt ihr sicher sein, dass dabei die tollsten Fließbandtexte herauskommen werden, die ihr lesen und gleich wieder vergessen könnt – alles schonmal dagewesen.

Jede gute dramatische Geschichte ist liebevoll handgemacht.



Schlussendlich kann man "Immersia" sicherlich nochmals unterteilen, und zwar danach, ob die Texte sich auf nur die vordergründige Bedeutungsebene fokussieren oder aber metaphorische Selbstansprüche haben. Die alte künstlerische Norm besagt, dass eine gute Geschichte vor doppelten Böden nur so zu strotzen hat und dass nur solche literarischen Aussagen gut und richtig sind, die so versteckt sind, dass man sie als Leser mit der Taschenlampe suchen muss, bis hin zur sogenannten Allegorie, Geschichten, die eine einzige riesige Metapher sind, in denen alles und jedes auf einer unsichtbaren Ebene verwoben ist. Normen sind mir jedoch zuwider, ich bin hier, um euch zu beschreiben, was ich beobachtet habe; nicht, wie man es machen soll. Beschreibend gesehen kann man von diesem alten Literaturbild halten, was man will. Manche haben große Freude daran, einen immersiven, dramatischen Text wie ein Puzzle zu behandeln und sich eine tiefere Bedeutungsebene zu erschließen – andere könnte nichts mehr langweilen. Soviel können wir aber dann doch festhalten: Eine Geschichte wird nicht besser oder schlechter dadurch, dass sie das eine macht oder das andere. Es gibt so viele Möglichkeiten unter dem Sternenhimmel, Kunst zu schaffen. Gut ist ein Text ausschließlich dann, wenn er das, wozu er gestaltet ist, gründlich macht und seine Bestrebungen auch erreicht – so meine bescheidene Sicht. Man hat die beiden Strömungen also eher so zu verstehen, dass unterschiedliche Nischen bedient und Bedürfnisse erfüllt werden.

Und man sollte nicht unterschätzen, was dadurch gewonnen ist, wenn eine dramatische Geschichte sich auf die vordergründige Bedeutungsebene beschränkt – denn alles und jedes, was sich in einer solchen Geschichte ereignet, ereignet sich, richtig angestellt, allein mit dem Sinn, die Immersion noch mehr zu schüren. Es müssen keine Kompromisse mehr geschlossen werden wie einst. Der Text kann dadurch unvergleichliche Spitzen des Grusels, der Romantik und vieles mehr erreichen.

Hier sind daher die meisten heutigen Genres zuhause.

Aber ich vermute, dass ich euch meinen schlichten Stammbaum nun erst einmal ausreichend ausgebreitet habe. Bei denen, die mich bis hierhin begleitet haben, möchte ich mich herzlich bedanken. Eure Fragen, eure eigenen Überlegungen und euer leidenschaftlicher Protest würden mich brennend interessieren. Denn ich mag Ideen angestoßen haben, aber in Stein gemeißelt sind Ideen nie.


Jetzt aber heißt es lieb winken, wie immer.

Bis bald!

euer Schreibotter








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