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Stammbaum des Schreibens - die Schubladen Grapha und Thesia

Aktualisiert: 22. Nov 2019




Inzwischen befinden wir uns im ersten großen Unterast der Prosa - einem Ast, den ich gerne "Documentaria" nennen möchte. Gemeint sind Sachtexte. Sie sind - vielleicht sogar noch mehr als ihre Schwestergruppe, der wir uns im Schlussteil annehmen werden - auf einen lückenlosen, möglichst unmissverständlichen Subtext angewiesen. Sie brauchen diesen Subtext jedoch natürlich nicht dazu, um eine Geschichte zu erzählen. Ein Transport in eine Fiktion existiert in Sachtexten normalerweise nicht. Stattdessen sind sie daran angepasst, möglichst effizient Informationen zu übermitteln - aber wie wir nun sehen werden, kann dies so einiges heißen.


Ich entscheide mich für die Substämme "Grapha" und "Thesia." Beide lassen sich danach unterscheiden, ob sie "nur" informieren oder zumindest daneben auch argumentieren. Selbstredend muss die Grenze fließend sein. Möchte man aber klassische Beispiele für rein informierende Texte finden, dann denke man an einen Reiseführer oder ein Kochbuch. Die Bandbreite ist also bereits dann sehr groß, wenn wir unterstellen, dass gar nicht oder sehr wenig argumentiert wird - alle diese Texte arbeiten aber ähnlich: Sie komprimieren ihren Inhalt anhand eines durch ein gemeinsames Thema lose verbundenen Fragenkataloges.


Die Tatsache, dass sich keine eindeutige Grenze ziehen lässt, hat interessante Konsequenzen für jene Textegattung, die sich immer wieder zwischen beidem ansiedelt: Journalismus steht nicht bloß vor der Aufgabe, Informationen zu bündeln, sondern auch, sie in ein bestimmtes Licht zu rücken, um übergeordnete Zusammenhänge rasch und zeitsparend begreifbar zu machen. Es ist hierbei nicht nur die richtige Balance entscheidend, die eindeutig auf Seiten des Informierens liegt - bevor geurteilt wird, muss deutlich geworden sein, dass eine Sache umfassend beleuchtet worden ist. Falls Journalismus argumentiert, bemüht er sich um einen nüchternen und verbindlichen Leseeindruck - das soll heißen, es wird niemals mehr angedeutet, als auch untermauert werden kann.

Ganz anders die Propaganda, die übergeordnete Zusammenhänge durch einzelne Informationen gerade nicht zu erhellen, sondern zu verschleiern oder künstlich zu erwecken versucht. Sie erreicht dies, indem sie mit spärlichem Rückhalt stets steile, emotionale Thesen aufstellt und dabei um nichts mehr bemüht ist, sich die Nullstellen ihres Narrativs nicht anmerken zu lassen. Dies kann so weit gehen, dass die zu vermittelnde These nicht einmal ausgesprochen wird.

Trotz ihres sehr gegensätzlichen Naturells stufe ich Journalismus und Propaganda gemeinsam als eine Subklasse von "Grapha" ein, da sie Informationen und eigene Thesen geschickt zu ihren sehr unterschiedlichen Zwecken miteinander verbinden und ausbalancieren. Ihnen fehlt aber die entscheidende technische Besonderheit aller wissenschaftlichen Texte:


Die Leitfrage.


Eine Leitfrage bedeutet deutlich mehr, als bloß eingangs eine Frage zu stellen. Solche Texte unterscheiden sich von allen anderen berichtenden Formaten letztendlich dadurch, dass sie ihren Inhalt nicht komprimieren, sondern umgekehrt ausbreiten. Nirgends wird man eine größere Tiefe, einen breiteren Detailreichtum finden als in einem Text, der eine Leitfrage systematisch und erschöpfend zu beantworten versucht. Kann er seinen Gegenstand nicht erschöpfend beantworten, so hat er sich übernommen und ist misslungen. Die Leitfrage vermittelt also sofort, was uns in dieser Lektüre erwartet. Ein solcher Text bricht seine zentrale Frage überdies in eine Staffel kleinerer Fragen herunter, die der Reihe nach beantwortet werden. Dieses Netz kann man allgegenwärtig spüren, auf jeder Seite und in jedem Satz. So können Informationen nicht einfach bloß miteinander assoziiert vermittelt werden, sondern aufeinander aufbauen. Aber auch "Thesia" kann man weiter in verschiedene, hier namenlose, Schubladen unterteilen.


Für Jahrtausende schien es klar wie Kloßbrühe, wann ein Text "Wissen schafft" - nämlich dann, wenn er überzeugend eine Frage beantwortet. Diese Tätigkeit nannte man Philosophie. (Nein, Philosophie ist nicht auf seltsame und irrelevante Fragestellungen beschränkt.) Der wichtigste Standard eines solchen "überzeugenden" Textes, oder einer Philosophie, ist von jeher seine argumentative Kohärenz, d.h. absolute Stimmigkeit mit sich selbst. Es wundert nicht, dass gerade die Mathematik als erste der modernen Disziplinen schon vor Jahrtausenden aufblühte, denn Mathematik ist selbst reine Kohärenz. So war es den antiken Philosophen ein Leichtes, gegenseitig auf schon von anderen gemachten Erkenntnissen aufzubauen. Andere damalige Schulen, wie die der Sophisten - die meinten, Recht habe, wer immer sich durch besondere Sprachspiele und Missverständnisse den künstlichen Schein verleihen kann, Recht zu haben - hinterließen immerhin ihre Spuren auf dem Feld der Rhetorik.


Aber andere Bereiche des Erkennens setzen nicht bloß Kohärenz, sondern auch Indizien voraus. Nicht durch tausend mal tausend Jahre würde jemand durch Rechnen und logische Überlegungen allein nachweisen können, dass Nordamerika und Südamerika über eine Landbrücke verbunden sind. Hier beginnt die "bloße" Information wieder eine Rolle zu spielen. Um jedoch sicherzustellen, dass diese auch hohen Standards entspricht, musste ein System geschaffen werden, in dem die bestechende argumentative Stärke eben nicht mehr aus der Kohärenz des einzelnen Textes mit sich selbst erwächst, sondern mehr noch aus seiner Kohärenz mit anderen Texten. Soziale Kontrollinstanzen, aber auch textliche Anpassungen wie z.B. die Fußnote, einheitliche Terminologie und dergleichen ermöglichten dies.

Aber ich will euch nicht langweilen.




Bis bald!

euer Schreibotter



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