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Stammbaum des Schreibens - die Schubladen Lyra und Prosa

Aktualisiert: 22. Nov 2019




Um was geht es hier? Stammbaum des Schreibens – seit wann ist der Schreibotter denn ein Historiker? Er ist es nicht. Und eine tatsächliche Entstehungsgeschichte wird man hier vergeblich suchen. Stattdessen möchte ich das weite Feld der Texte, soweit ich es bisher kennen lernen durfte, ganz spielerisch einteilen. Und zwar nicht mit herkömmlichen Mitteln wie Genre, literarische Strömung etc, sondern nach ihrer Technologie.


Die interne Funktionsweise eines Textes ist scharf zu trennen von seinen äußeren Themen und Inhalten. So könnte man z.B. nach äußeren Kriterien annehmen, ein Liebesgedicht und ein Liebesroman seien sich ähnlicher als der Liebesroman einem brutalen Thriller. Betrachtet man aber, wie diese drei Texte arbeiten und strukturiert sind, wird klar, dass das Gedicht mit den beiden anderen nicht viel zu tun hat - während sich Liebesroman und Thriller in den grundsätzlich verwendeten Techniken nur unwesentlich unterscheiden. Eine Analogie mit der Biologie wäre es da, dass diese - anders, als man, wenn man frisch und mit kindlichen Augen an die Sache herangeht, vielleicht meinen könnte - Lebewesen natürlich nicht nach ihrer Größe oder Farbe einteilt. Sondern nach ganz anderen Kriterien, die viel wichtiger sind, obwohl sie manchmal mit dem bloßen Auge gar nicht zu sehen sind.


Das andere, was ich vorausschicken möchte, ist, dass ich hier bloß meine eigene, unausweichlich einseitige und unvollkommene Sicht der Sache darstellen kann. Die lateinisierenden Schubladen mögen wichtigtuerisch klingen, sind aber allein dem Spieltrieb geschuldet. Ich breite sie hier auch nicht aus, um mich selbst zu beweihräuchern - vielleicht unter dem Titel "Metaphysik der Literatur" oder einem, der ähnlich nach frühem 19. Jahrhundert müffelt - sondern allein, weil ich hoffe, damit die Sicht mancher anderen Leute vielleicht hier und da ein bisschen bereichern zu können, ohne ihnen meine deswegen komplett aufzudrücken. Und, vielleicht, auch einfach zu unterhalten.


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So, wie man das Tier- und das Pflanzenreich unterscheidet, so unterscheide ich im ersten Schritt die Reiche "Lyra" und "Prosa." Aber für mich unterscheiden sie sich durch ein ganz anders Bestimmungsmerkmal, als ihr vermutlich glaubt.


Früher nahm man an, dass die Lyrik jener Teil der Literatur sei, der sich reimt und exakte syllabische Betonungsstrukturen habe. Es war die Prosa, die als "irgendwie alles, was nicht Lyrik ist" angesehen wurde, und die Lyrik hob sich durch ihre scheinbar charakteristischen Regeln von diesem Brei ab. Aber diese traditionelle Theorie, die viele von uns noch in der Schule gelernt haben, ist nicht mehr haltbar - denn die meisten Gedichte reimen sich schon lange nicht mehr.


Ich drehe deswegen den Spieß um. Für mich bedeutet Lyrik tatsächlich erst einmal alle und sämtliche Literatur. Lyrik, das nenne ich das Spielen mit Sprache. Die Spielregeln können jede nur erdenkliche Form annehmen:


- Melodisch und lautmalerisch,

- dadaistisch entfremdend,

- syllabisch und sich reimend,

- assoziativ und symbolisch,


...


Bei jedem anderen Regelwerk entsteht ein ganz anderes textliches Phänomen, obwohl wir alle diese Phänomene landläufig als "Gedichte" bezeichnen. Diesen Reichtum an höchst unterschiedlichen Formen, die scheinbar nichts gemeinsam haben, möchte ich in meinem Stammbaum anerkennen, indem ich die Schublade Lyra sehr offen halte: Jede Spielregel kann Lyrik hervorbringen. Mach, was du willst, vielleicht erschaffst du dabei sogar ein ganz neues Genre!

Die einzige Regel im Schreiben ist es nun einmal, dass es keine in Stein gemeißelten Regeln geben kann. Ich erstelle hier - anders, als der alte Begriff, den im alten Griechenland die künstlerischen Schulen selbst hervorgebracht haben - keine Normen. Soll heißen, ich schreibe nicht vor, was zu tun sei, damit "echte" Kunst dabei herauskomme. Ich beschreibe stattdessen einfach nur, wovon ich sehe, dass es gemacht wird. Und das hier ist, was ich sehe: Gedichte sind Spielen mit Sprache.


Aber wenn die Lyrik so allumfassend ist, was soll dann das universelle Merkmal der Prosa sein, das sie von ihr abgrenzt? Gerade die Prosa gilt der traditionellen Theorie als Kraut und Rüben, als ein nicht einheitlich charakterisierbarer Raum. Ich sage, die traditionelle Theorie irrt sich da ganz gewaltig:


Prosa ist das Schreiben mit lückenlosem Subtext.


Und das heißt jetzt was genau?


Subtext ist im Grunde genommen auch bloß eine andere Spielregel. Er bringt das, was da steht, in eine besondere Beziehung, sodass die Textaussage mehr ist als die Summe ihrer Teile, sodass sehr viel Inhalt gewissermaßen "zwischen den Zeilen" transportiert wird.


Man stelle sich hierzu vor, in einer Geschichte attackiert ein frühneuzeitliches Linienschiff ein Piratenschiff und versucht es zu versenken. Die Piraten wehren sich aber, und einer der Piraten feuert eine Kanone in Richtung des Linienschiffes ab. Zwischen den Zeilen einer solchen Szene passiert, ohne dass wir es bewusst merken, eine ganze Menge. Zwischen den Zeilen steht z.B. geschrieben, dass die Piraten nicht sterben wollen. Eine solche Selbstverständlichkeit muss nicht ausgesprochen werden, damit wir der Geschichte folgen können - wir kombinieren sie, und wir tun es unterbewusst. Genau dieses Phänomen ist der Subtext. Die Sicherheit, mit der wir diese Tatsache in der Geschichte über die Piraten unterstellen, würde uns z.B. in einem Haiku (einer japanischen Gedichtgattung) nie und nimmer einfallen. Gedichte können gerade dadurch ihren Reiz entfalten, dass man sich seine eigenen Gedanken anstellen muss, um den Text zu interpretieren. Prosa hingegen nimmt uns dies grundsätzlich ab.


Hat Prosa ein Loc im Subtext - und ja, selbstverständlich kann dies passieren - stutzen wir und fühlen uns verwirrt. Im Beispiel der Piratengeschichte könnte dies auf eine ganze Reihe von Fehlern geschehen. Es könnte sein, dass sich die Tippfehler so sehr summieren, dass wir nicht mehr entscheiden können, welcher Pirat gerade zu Boden gegangen sein soll. Aber es könnte auch einfach geschehen, dass die Piraten auf einmal ihr eigenes Schiff in Grund und Boden schießen und der Text uns jegliche Erklärung schuldig bleibt, warum. Solche Fragen reißen uns aus jedem Prosatext heraus. Im Reich der Lyrik würde man solche Subtextlücken nicht unbedingt als eine Störung empfinden. Man würde sich fragen, was die Autorin mit diesem bizarren Bild des Piraten, der das eigene Schiff beschießt, im Sinn hatte.

(Eine furchtbare Frage übrigens. Entscheidend ist natürlich, was wir selbst in das Gedicht hineinlesen. Gedichte leben von der Subjkeitivät und fördern sie; Gedichte in der Schule sollte man darum nicht in einer Form vermitteln, die diese Individualität abtötet. Aber ich schweife ab.)


Für was könnte dieses Bild stehen?

Und was löst es aus, wenn wir es uns vorstellen?

Irgendwie interessant...


Im starren Subtext der Prosa stören solche Löcher hingegen unglaublich. Es kann uns einen kompletten Film und ein komplettes Buch ruinieren, wenn wir nur eine Handvoll von Stellen nicht nachvollziehen können. Geschichten leben von ihrem Subtext. In einer Geschichte will niemand an der Frage "was soll das jetzt heißen?" herumrätseln. Man will den Satz auf der Stelle einordnen können. Sogar noch schlimmer wird es, wenn wir Sachliteratur betrachten, die ebenfalls ein Bereich der Prosa ist. Sie möchte immer so unmissverständlich wie möglich sein. Möglichst einheitlich begriffen zu werden und möglichst wenig dehnbar zu sein, das ist ihr Sinn und ihr Bestreben.


Ich bitte nun nachzusehen, dass ich zur internen Struktur der Lyrik nicht sehr viel zu sagen habe. Das Feld ist ungeheuer groß und meine Erfahrung damit ziemlich bescheiden. Spaßeshalber habe ich die Äste "Ametra" und "Panmetra" eingerichtet, um die Fülle der neuen von den alten, durch Reinschemata und Silbenmaße bestimmten Gedichten zu trennen. Und wenn man die Regeln der metrischen Lyrik mit einem lückenlosen Subtext verbinden möchte, kommen "Epen" dabei raus. Aber das ist eine willkürliche Bezeichnung. Der inneren Struktur der Prosa hingegen möchte ich mich, wenn ich euch nicht zu sehr gelangweilt habe, im nächsten Teil zuwenden.







Bis bald!

euer Schreibotter






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